Wilco „Yankee Hotel Foxtrot“ – Drama und Triumph


Nonesuch/Warner (VÖ: 16.9.)


von

Es hätte das Ende einer Band sein können. Die Plattenfirma Warner wollte ein Hitalbum, der Songwriter und Sänger Jeff Tweedy litt an zu hohen Erwartungen, Migräneattacken und dem perfektionistischen Alleskönner Jay Bennett und suchte einen Notausgang. Den bot ihm der Produzent und Pop-Avantgardist Jim O’Rourke, der die barocken Arrangements von Bennett dekonstruierte und entschlackte und mit Glenn Kotche auch noch einen Schlagzeuger mitbrachte, dem Tweedy nicht widerstehen konnte. Der alte Schlagzeuger, Ken Coomer, musste gehen. Ebenso Bennett.

Ein amerikanischer Schicksalsschlag

Als man bei Warner das fertige Album hörte – es trug den beim Hören des Boxsets „The Conet Project: Recordings Of Shortwave Numbers Stations“ aufgeschnappten, wenig hitverdächtigen Titel „Yankee Hotel Foxtrot“ –, entschieden die Verantwortlichen: Auch Wilco mussten gehen. Das anvisierte Veröffentlichungsdatum, der 11. September 2001, konnte ohne Plattenfirma nicht gehalten werden. Der Tag wurde auch so zum amerikanischen Schicksalstag. Eine Woche später streamten Wilco „Yankee Hotel Foxtrot“ auf ihrer Website. Eine unheimliche Platte, die wie ein Echo des Terrors klang, wie ein letzter verzweifelter Funkspruch, wie die urbane Entsprechung von Woody Guthries „Dust Bowl Ballads“: Ein Song hieß „Ashes Of American Flags“, ein anderer „War On War“, in „Jesus, Etc.“ hieß es: „Tall buildings shake/ Voices escape singing sad, sad songs/ Tuned to chords strung down your cheeks/ Bitter melodies turning your orbit around.“

Als „Yankee Hotel Foxtrot“ schließlich im April 2002 in den Plattenläden stand (es erschien beim Connaisseur-Label Nonesuch, das absurderweise wiederum zum Warner-Konzern gehörte), war es durch seine Geschichte – das bandinterne Drama, den Kampf um künstlerische Unabhängigkeit mit einem Major-Label, die Guerilla-Veröffentlichung im Netz und die Bedeutung, die einige der Songs nach dem 11. September angenommen hatten – bereits eine Art Mythos geworden. Es wurde das bis heute erfolgreichste Werk der Band.

Ein Klassiker, der davon erzählt, dass sich künstlerische Vision am Ende auszahlen kann

Was zur Klassikerwerdung noch fehlte, war eine kritische Jubiläumsedition. Die erscheint nun etwas verspätet zum 20. Jahrestag der Veröffentlichung und lässt wirklich keinen Wunsch unerfüllt (außer vielleicht den, über genügend Geld zu verfügen, um sie sich leisten zu können): Auf elf LPs und einer CD kann man nicht nur eine remasterte Version des Albums hören und seine komplizierte Entstehungsgeschichte durch Demos, Skizzen,  Instrumentalstücke und verschiedene Mixes nachvollziehen. Besonders aufschlussreich ist zudem eine Radiosession mit einem Interview von Mitte September 2001, die die Reaktionen der Band auf die 9/11-Tragödie und die prophetische Kraft einiger Songs ebenso reflektiert wie die Geschichte des Albums. Dazu gibt es noch ein komplettes Konzert der 2002er Tour in St. Louis, bei dem man hören kann, wie die Band das Album auf die Bühne bringt und mit der neuen Besetzung die alten Klassiker umarrangiert hat.

In einem ausführlichen Booklet schreibt der Musikjournalist Bob Mehr detailliert über das Album, Jeff Tweedy, Glenn Kotche und Jim O’Rourke erinnern sich in einem langen Interview an die Aufnahmen, und zahlreiche bisher unveröffentlichte Fotos dokumentieren die Sessions in Wilcos legendärem Studio, Lager und Proberaum The Loft im Norden Chicagos. „Yankee Hotel Foxtrot“ ist Wilcos Schicksalsplatte. Die Band verlor ein Pop-Genie, einen Schlagzeuger und eine Plattenfirma und schenkte uns einen Klassiker, der davon erzählt, dass sich künstlerische Vision am Ende auszahlen kann.


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