RS-History



Robert Miles und „Children“: Sanfte Rettung vor dem Auto-Tod


von

Auf seinen berühmtesten Track „Children“ angesprochen, sagte Robert Miles einmal, er wünsche sich, dass dieses Lied vor allem als Rausschmeißer in den Techno-Clubs laufe – weil es so sanft sei. Und die Leute danach ruhiger nach Hause gehen könnten, so dass sich weniger Unfälle auf den Straßen ereignen.

Das war ernst gemeint: Es gab in den 90ern eine große Zahl von Todesfällen bei Autounfällen in der italienischen Rave-Gemeinde, insbesondere bei jüngeren Hörern. Diese tödlichen Unfälle ereigneten sich oft, als die Clubgänger über Nacht quer durch das Land fuhren und nach dem strapaziösen Tanzen sowie Drogenkonsum am Steuer einschliefen oder zusammenbrachen. Zahlreiche Eltern taten sich in dieser Zeit zusammen, um von Politikern strengere Regulierungen der Rave-Szene zu erwirken.

So wurde „Children“ vom italienischen Dreamhouse-Musiker Robert Miles, der mit bürgerlichen Namen Roberto Concina hieß und in der Schweiz geboren wurde, ganz bewusst als langsames Stück für den Abschluss einer nächtlichen Techno-Session produziert (und zwar in einem für knapp 250 Euro selbst eingerichteten Studio in Venedig), das die Raver im Anschluss beruhigen sollte, bevor sie nach Hause fuhren. So sollte die Zahl der Autounfälle verringert werden. Dafür wurde „Children“ im Viervierteltakt und in f-Moll komponiert und mit einem Tempo von 138 Schlägen pro Minute ausgestattet.

Ein Song, der das „Samstagabend-Gemetzel“ beenden sollte

Miles sagte damals in einem Interview, er hoffe, dass der Track dazu beitragen würde, das „Samstagabend-Gemetzel“ in Italien zu beenden.

Das war natürlich nicht die einzige Inspiration für das verträumte Lied, das den Höhepunkt auf dem ersten Album des Musikers bildete: „Dreamland“ (1996). Zusätzlich wurde Miles von einer Sammlung von Fotos inspiriert, die sein Vater während seiner Stationierung im kriegsgeplagten Jugoslawien gemacht hatte. Grausige Bilder von kindlichen Kriegsopfern.

Diese düstere Inspiration ist in dem Stück zunächst kaum herauszuhören. Bekannt wurde vor allem auch das nostalgisch-melancholische Video zum Song, der 1995 auf Joe Vanellis EP „Soundtracks“ Premiere feierte und erst als so genannte „Dream Version“ zum Erfolg wurde. Es ist in Schwarz-Weiß gehalten und zeigt ein Kind in einem fahrenden Auto und wie an ihm die Landschaft vorbeizieht. MTV zeigte den Clip damals in Dauerschleife.

Es gibt übrigens noch ein alternatives, kaum gezeigtes Video, das gleichzeitig Robert Miles bei einem Club-Auftritt und spielende Kinder zeigt.

„Children“ landete 1995 in zwölf Ländern, darunter Deutschland, auf Platz eins der Singles-Charts. In den UK-Charts stieg der Techno-Song mit der ruhigen Klaviermelodie auf den zweiten Rang, im US-Billboard-Ranking immerhin auf 21. 1996 verkaufte sich kein Song häufiger in Europa.

Harter oder sanfter Techno?

Von nicht unerheblicher Bedeutung für den Erfolg in Deutschland war ein Missverständnis. Nachdem Miles bereits in England unter Vertrag genommen worden war, bemühte sich Motor Music um den Italiener. Man bekam allerdings fälschlicherweise eine Demoversion des Tracks, der eine andere Abspieldrehzahl enthielt. Man wähnte „Children“ als bewusste Rückkehr zu einem harten, schnellen Techno-Sound und wurde einige Tage später vom Masterband überrascht, das einen völlig anderen Sound aufwies. Dennoch hielt man an Robert Miles fest, was sich als Glücksfall erweisen sollte.

Robert Miles verstarb am 09. Mai 2017 nach einem mehrmonatigen Kampf mit einer Krebserkrankung auf Ibiza. Er wurde 47 Jahre alt.

Weitere Highlights