Robyn erzählt auf dem grandiosen „Sexistential“ unverblümt von erwachsener Freiheit
Dance-Pop-Ikone Robyn meldet sich nach acht Jahren zurück – mit einem Album über Lust, Mutterschaft und Nächte auf der Tanzfläche.
Robyn hat schon so viele Leben gelebt. Der schwedische Teenie-Pop-Frischling, der in den Neunzigern weltweit durchstartete. Die rebellische Dancefloor-Auteurin, die in den Nullerjahren ihren eigenen Weg ging. Die geheimnisvolle Kultheldin. Die queere Ikone. Die Pop-Queen. Die Disco-Poetin, die für Stilettos und zerbrochene Flaschen das leistete, was Stevie Nicks für Erdrutsche getan hat.
Doch heute ist Robyn weit mehr von den Leben begeistert, die noch vor ihr liegen. Mit ihrem ersten Album seit acht Jahren ist sie zurück: „Sexistential“ (ab Freitag erhältlich) – und wer beim Titel schon ahnt, was ihn erwartet, liegt richtig. Sex ist ihr Dauerthema, der erwachsene, mit Midlife-Hormonen auf Hochtouren. Wie sie selbst prahlt: „My body’s a spaceship, with the ovaries on hyperdrive.“
Robyn besitzt eine zeitlose Aura, die in der Musikwelt ihresgleichen sucht – stets die Erwachsenste im Raum, die in einem Genre, das sonst auf Neuheit setzt, eine seltene Ehrfurcht auslöst. Ein Teil ihres Reizes liegt in der selbstsicheren Art, mit der sie sich zwischen Alben Zeit lässt: „Sexistential“ ist ihr erstes seit „Honey“ aus dem Jahr 2018, das wiederum das erste nach ihrer klassischen „Body Talk“-Trilogie von 2010 war – jenem Album, das der Welt „Dancing on My Own“ bescherte. Sie wartet, bis sie wirklich etwas zu sagen hat.
Zurück auf dem Dancefloor
„Sexistential“ zielt direkt auf die Tanzfläche, ganz im Geiste ihrer grandiosen November-Single „Dopamine“. Robyn bringt eine herrlich unentschuldigte Erwachsenenperspektive mit – diese Frau hat ihre Fucks schon im letzten Jahrhundert abgegeben. Sie berichtet aus dem Leben mit Mitte vierzig: unverblümt über Lust in mittleren Jahren, alleinerziehende Mutterschaft und Clubnächte als freie, unabhängige Frau.
Der Titeltrack ist ein veritables Manifest: Robyn rappt über das Herausputzen für die Stadt, zufällige Liebschaften – und das alles, während sie per IVF schwanger ist. Als der Arzt in der Fertilitätsklinik nach ihrem Wunschsamenspender fragt, gesteht sie: „Adam Driver always did kind of give me a boner.“ (Der Arzt verwechselt ihn mit Adam Sandler.) Den Song schrieb sie, nachdem André 3000 erzählt hatte, er habe sich dem Jazzflötenspiel zugewandt, weil er das Gefühl hatte, niemand wolle ihn mehr über Dinge wie eine Darmspiegelung rappen hören. Aber genau diese Art erwachsener Ehrlichkeit ist es, die sie auf diesem Album verfolgt. Ihr Appell: „Fuck a app, I need me some IRL.“
Ko-produziert hat sie „Sexistential“ gemeinsam mit langjährigem Weggefährten Klas Åhlund; außerdem holte sie alten Freund Max Martin zurück – die beiden sind quasi zusammen aufgewachsen, schließlich produzierte er ihre schwedischen Pophits der Neunziger. Gemeinsam schrieben sie zwei der stärksten Album-Momente: das Telefonsex-Angebot „Talk to Me“ und das einfühlsame „Into the Sun“.
Verspielter als „Honey“
„Honey“ war ihr introspektiver Comedown, ein Album nächtlicher Melancholie, in dem sie über Liebesschmerz grübelte. Diesmal ist sie spielerischer, nach dem Ende einer langen Beziehung. Seit Leonard Cohen hat niemand mehr solche Poesie aus dem auf Jagd gegangenen Midlife-Libido gemacht – auf der Suche nach Geld und Fleisch.
„Really Real“ setzt den Ton: Das Album eröffnet mit einem bittersüßen Synthpop-Bild zweier Liebender, die sich voneinander lösen. Robyn fixiert den genauen Moment, in dem die Liebe erlischt – im Bett, wo sie „tied up under your duvet/You’re midperformance, I’m planning my escape“. Ein passender Auftakt für ein Album, auf dem sexuelle Funken und philosophische Krisen Seite an Seite ausbrechen können.
Zu den bewegendsten Momenten zählt die Neuinterpretation ihrer Single „Blow My Mind“ von 2002, die sie in einen Vaporwave-Liebessong an ihren Sohn verwandelt. Im Original steckte der Track noch voller Electro-Clash-Swagger und lauter Gitarren, als sie auf ihre neue Eroberung zusteuert. Jetzt schwärmt sie ihrem Dreijährigen zu: „Just let me crush your scrumptious little face.“ Auf diesen Songs schlägt sie emotionale Haken zwischen den Extremen, angetrieben von immer anderen Formen des Begehrens. Überall auf „Sexistential“ zieht sie Bilanz über den emotionalen Trümmerhaufen ihrer Vergangenheit. Aber sie klingt beflügelt von der mühsam erkämpften Freiheit, ihn hinter sich zu lassen.
Sie hegt große Zuneigung für all die jungen Robyns, die sie einmal war. Der eigentliche Thrill aber liegt in ihrer Entschlossenheit, im Jetzt zu leben – und in den neuen Robyns, die noch auf sie warten. Auf „Sexistential“ klingt sie bereit, sie alle auf die Tanzfläche zu schicken.