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Skandal um Somuncu: Sexismus & Rassismus unter dem Satire-Deckmantel?


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Genau eine Woche hat es gedauert, bis eine Podcast-Folge zum Eklat führte. Am 7. September veröffentlichte Radio Eins eine neue Folge des Podcasts „Schroeder & Somuncu“. Sie ist der Auftakt eines neuen Formats, wie es in der Podcast-Szene bereits unzählige Male zu finden ist: Zwei (in diesem Fall Florian Schroeder und Serdar Somuncu) unterhalten sich. Und die Welt kann zuhören. Und nun hört sie tatsächlich zu.

Tausendfach kommentierte Sprachlosigkeit

Zunächst erzeugte die Folge wenig Wirkung. Als Florian Schroeder sie auf Twitter ankündigte, reagierten gerade mal eine Handvoll Leute auf den Post. Dann wurde allerdings der Journalist Malcolm Ohanwe darauf aufmerksam und teilte einen Ausschnitt der Episode auf Twitter. Dazu schrieb er: „Deutsche Comedy, 2020. Bin sprachlos.“

Bereits mehrere Tausend Twitter-User*innen haben auf Ohanwes Post reagiert. Minütlich, beinahe sekündlich, werden es mehr. Auch einige prominente Personen haben das Thema bereits aufgegriffen, ebenso äußerten sich zahlreiche bekannte Blogger*innen dazu. Das macht sich auch an den Twitter-Trends bemerkbar. #Somuncu rangiert dort auf Platz 1, dicht gefolgt von #N-Wort.

Aufhänger: Cancel Culture

Der Mitschnitt dauert knapp zwei Minuten, präsentiert aber eine geballte Ladung Rassismus und Sexismus. Zuvor ist Schroeder in der Folge auf das Thema „Cancel Culture“ zu sprechen gekommen. Er versucht seine Position folgendermaßen darzustellen: „Ich finde dieses Gelaber von der Cancel Culture so scheiße. Das sind diese Schlagworte, mit denen ich auch nichts anfangen kann. Es gibt keine Cancel Culture. Wenn, dann gibt es eine gewisse Enge.“ Somuncu kündigt hingegen direkt an: „Das fordert mich zu einer Ehrlichkeit heraus, die verletzend ist.“

Diese „verletzende Ehrlichkeit“ ist wohl das, was in dem Ausschnitt enthalten ist, der momentan auf Twitter kursiert. Schroeder fasst seine Haltung noch einmal zusammen mit der Aussage: „Ich weiß, was damit gemeint ist und glaube, dass darin ein richtiger Impuls liegt, der nur mit den falschen Begriffen besetzt ist.“ Daraufhin steigt Somuncu jedoch ein mit den Worten: „Ich kann ehrlich sein. Ist mir scheißegal. Geht mir am Arsch vorbei, ob das Zigeunerschnitzel heißt oder Mohrenwirt. Ist mir scheißegal. Die Leute sollen sich ficken. Die sollen sich ins eigene Knie ficken.“ Und er macht klar: „Solange es nicht unter Strafe steht, sage ich N*ger.“ Lachend kommentiert Schroeder: „Okay, sehr gut! War das das Verletzende daran?“

Minutenlange Aufregung über „hässliche Frauen, die sich aufregen“

Daraufhin holt Somuncu erst richtig aus. Er macht deutlich, dass er nach Belieben mit rassistischen Begriffen um sich werfe, wie Bimbo, N*ger, Farbiger und dass es ihm „wirklich scheißegal“ sei, ob das irgendwen verletze. Doch anstatt anschließend kurz durchzuatmen, steigert er sich nun erst richtig in Rage: „Die sich darüber aufregen, das sind alles Pisser. Meistens Frauen. Schlecht gebumste, miese, hässliche Schabracken. Das einzige, was ihnen geblieben ist, ist, dass sie keine Schwänze lutschen können, sondern meinen, Kolumnen schreiben zu können. Und jeder weiß, die Alte, die diese Kolumne schreibt, würdest du nicht mal mit ’ner Pinzette anfassen. Und die schreibt über Sexismus und du weißt genau, die hat noch nicht einmal in ihrem Leben einen Pimmel gesehen. Das ist so easy zu durchschauen. Ist mir scheißegal, (…) welche kleinen Stricher denen in ihr Arschloch und ihre Muschi kriechen.“

Totschlagargument Satire?

Diese eindeutig sexistischen Aussagen sind es, die momentan im Zentrum der Debatte stehen. Viele User*innen sind genervt von der plumpen Argumentation, dass „ungefickt“ immer noch das Einzige zu sein scheint, was manche Männer Frauen mit Meinung entgegensetzen können. Ausgeschmückt mit Sexismus und Beleidigungen. Das Ironische daran: Nicht Männer wie Somuncu oder Schroeder seien von Cancel Culture betroffen. Vielmehr seien sie es, die Minderheiten mundtot machten und „canceln“. Dabei bedienten sie sich einfach dem Totschlagargument „Satire“.

Andere vermuten Überspitzung und halten dagegen: Die Aussage, dass Feministinnen nur „ungefickte Schabracken“ seien, ist so plump und ausgelutscht, dass es sich dabei eigentlich nur um Satire handeln kann. „Dieses sexistische Sprücheklopfen um dann zu behaupten ihr würdet ja nur eine Rolle spielen… da macht man ihr es einfach zu leicht, das klingt nach billiger Ausrede. Und euer Sexismus ist dadurch nicht auf einmal wieder weg“, kritisiert ein Twitter-Nutzer unter dem Post von Schroeder. „Das Derbe, das Sexistische, das sind wir, die Gesellschaft, dargestellt von Schauspielern“, widerspricht ein anderer.

Die Doppelmoral der Meinungsfreiheit

Der Twitter-Account „Der Gazetteur“, der bekannt ist für seine ironischen Kommentare zu gesellschaftspolitischen Themen, knöpft sich das „Spiegel der Gesellschaft“-Argument vor. So halte Serdar Somuncu Mehrheitsgesellschaft tatsächlich den Spiegel vor. Allerdings indem er aufzeige, dass ihr keine noch so fadenscheinige Begründung zu peinlich sei, um plumpen Rassismus und Sexismus zu rechtfertigen. Anschließend verweist der Account auf die angebliche Doppelmoral in Bezug auf Aussagen, die unter dem Schutz von Meinungsfreiheit stünden (Rassismus, Antisemitismus, Sexismus) und jenen, die direkt mit dem Argument Volksverhetzung abgestraft würden.

https://twitter.com/dergazetteur/status/1305800538588614657

https://twitter.com/dergazetteur/status/1305796337125003264

Satire ohne Twist – wo bleibt der Konter?

Paradox wirkt auf viele auch die Tatsache, dass Somuncu sich regelrecht „hysterisch“ in Rage redet und vor Aufregung fast überschäumt – über Frauen, die sich seiner Meinung nach wiederum zu sehr aufregen, allerdings über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Oder anders formuliert: „Der Somuncu muss einfach mal wieder richtig durchgefickt werden, so unentspannt, wie der gerade ist.“ (Hatice Akyün)

Zwar steht Somuncu im Mittelpunkt der Kritik, doch auch Schroeders Verhalten ruft bei vielen Ablehnung hervor. Der Grund: Zwar steigt er nicht explizit in Somuncus Schimpf-Attacke ein, dennoch unterlegt er sie mit lauten Lachern. Die Journalistin Hatice Akyün kontert hingegen: „Um mal im gleichen sprachlichen Jargon zu bleiben: ‚Die würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen‘, heißt für uns Frauen: ‚Den könntest mir nackt auf den Bauch binden und ich würde einschlafen‘. Denn während solche armseligen Typen sich mühsam einen runterrubbeln müssen, haben Kneifzangen-Frauen geilen Sex mit multiplen Orgasmen, auf die fleischgewordene Manspreader nur neidisch sind. Und noch was: Statt schenkelklopfend über Somuncus sprachliche Wichse zu lachen, hätte Schroeder sagen können: ‚Ey Somuncu, was soll der Scheiß? Halt die Fresse.‘ Irre, dass wir 2020 noch solche Debatten führen müssen. Oder um es in euren Worten zu sagen: Fickt euch doch ins Knie.“

Den „doppelten Boden“ vermisst auch Ohanwe, der die ganze Diskussion angestoßen hatte:

 

„Die ganzen Typen wurden noch viel länger nicht gefickt“

Mit ironischem Unterton kommentiert Schroeder jedoch Somuncus Ausfälle mit den Worten: „Jetzt kommst du da an mit ungebumsten Frauen, die Texte schreiben, weil sie nicht gefickt werden. Tut mir selbst weh, während ich das sage, ich leide unter mir selbst. Deswegen möchte ich einen konstruktiven Vorschlag machen. Ich glaube, dass die ganzen Typen – die Gabor Steingarts und die Henryk M. Broders und die Tichys – alle noch viel länger nicht gefickt worden sind…und wenn, dann haben sie wahrscheinlich Geld dafür bezahlt, dass sie es wurden.“

Somuncu: „Ich glaube nicht an Gleichberechtigung“

Dabei möchte es Somuncu allerdings nicht belassen. Er will sich nun dem Thema Gleichberechtigung widmen und postuliert: „Hundert Prozent aller Frauen wollen was anderes, als das, was sie sagen. Das ganze Leben zwischen Mann und Frau ist sehr archaisch geordnet, da bin ich wirklich auf AfD-Linie. Ich glaube nicht an Gleichberechtigung.“

Der Twitteraccount der politischen Gruppe „Die Partei Mittelfranken“ nimmt Somuncu in Schutz, indem sie darauf verweist, dass dieser lediglich in Form einer Kunstfigur „die Haltung eines obligatorischen Ottos einnimmt“. Mit ihrer Aufregung stelle sich „die Cancel Culture“ selbst bloß. „Welche Cancel Culture?“, fragen daraufhin andere und verweisen darauf, dass Somuncu demnächst wohl in zahlreichen Interviews zu dem Thema Stellung beziehen und seine Meinung breit treten darf. Die Empörung schenke also dem Comedian nur Aufmerksamkeit, die er nicht verdient habe. Stattdessen könne man solche Personen auch einfach ignorieren, schlägt eine Person auf Twitter vor:

Auch das „Kunstfigur“-Argument stößt vielen bitter auf, da Somuncu in dem Podcast als Privatperson auftritt. Zudem betone er mehrfach, dass es sich bei den Aussagen um seine persönliche Haltung handele. „Ich mein‘, jetzt red‘ ich mal die Wahrheit hier“, sagt er beispielsweise an einer Stelle, als Schroeder die Diskussion merklich ins Ironische verschieben will. Vorausgesetzt er imitiere eine Kunstfigur, stellt Rayk Anders allerdings die Frage: „Verstehe ich das richtig, dass Somuncu AfD-Wähler imitiert, um zu beweisen wie schnell linke Gutmenschen empört sind?“

„Fick dich, Lisa Eckhart“

Bevor Somuncu sich über Feministinnen ereiferte, wollte Schroeder ja eigentlich auf einen ganz anderen Punkt zu sprechen kommen. Ursprünglich hatte er die Kontroverse um die Kabarettistin Lisa Eckhart angesprochen. Darauf zurückgelenkt meint Somuncu jedoch in mittlerweile gewohnter Manier: „Das ist mir so scheißegal, das ist mir so scheißegal, wirklich. Lisa Eckhart ist eine mittelmäßige, durchschnittlich hässliche bis hübsche Kabarettistin mit österreichischem Akzent, die protegiert und gefördert wird, weil die Branche giert danach, Frauen zu haben, die lustig sind. Das ist doch ewig das gleiche Ding. Seit Jahrtausenden sucht die Branche nach lustigen Frauen.“

Überdies kotze ihn Eckharts „Spiel mit den Ebenen“ nur noch an. Sie solle ihre Gesellschaftskritik nicht in irgendwelche Ebenen verpacken, sondern stets nur ihre persönliche Meinung kundtun. Und wenn er sie da auf der Bühne sitzen sehe, denke er sich nur: „Fick dich. Fick dich. Sag was du denkst oder halt die Schnauze. Und wenn dein Auftritt verboten wird, das interessiert mich nicht.“

Als Bettina Rust „Somuncus Ebenen filetierte“

Auch der Fernsehmoderator Micky Beisenherz hat sich zur Diskussion geäußert. Er verweist allerdings schlicht auf ein Radio-Interview aus dem Jahr 2016 (Ein Back-Up dieses Interviews ist unter diesem Link abrufbar). Darin hatte die Moderatorin Bettina Rust den Comedian einst „komplett filetiert“, so Beisenherz. Somuncu habe seine Aussagen damals als „Spiel mit den Ebenen“ gerechtfertigt. Als genau das also, was er Lisa Eckhart gerade vorgeworfen hatte.

Eine fragwürdige Entschuldigung

Gegenüber des „RedaktionsNetzwerks Deutschland“ sagte Radio-Eins-Programmchef Robert Skuppin nun, dass die Inhalte als Comedy und Satire vorgesehen seien. Die beiden Satiriker würden bewusst auch extreme Positionen vertreten. Man hätte den Podcast jedoch redaktionell bearbeiten und „die missverständlichen Passagen einordnen beziehungsweise herausnehmen müssen.“ Zudem beteuerte Skuppin: „Radio Eins übernimmt dafür die Verantwortung und entschuldigt sich auch im Namen der beiden Protagonisten bei all den Menschen, die sich deshalb beleidigt oder herabgewürdigt fühlen. Wir hatten niemals die Absicht, rassistische oder sexistische Stereotypen zu befördern.“

Doch was folgt aus so einer Argumentation? Könnte demnach auch jeder Nazi einen Podcast bei Radio Eins bekommen, in dem er drei Stunden antisemitischen Nonsens von sich gibt, solange er nur von sich behauptet, Comedian zu sein? Das Problem ist also zum einen, dass Schroeder und Somuncu in dem Podcast eben nicht im Rahmen einer Comedy-Show, sondern als Privatpersonen auftreten. Über mehrere Stunden unterhalten sie sich über verschiedene gesellschaftliche, politische Themen. Die Äußerungen werden in den meisten Fällen also nicht satirisch verfremdet oder überspitzt dargestellt. Zum anderen steht die Frage im Raum, ob das Schlagwort „Satire“ ausreicht, um sich für jegliche Kritik unangreifbar zu machen.

Darüber hinaus meinte Skuppin, die Aussagen der beiden Männer seien „aus dem Kontext gerissen“. Tatsächlich handelt es sich bei dem geteilten Ausschnitt jedoch noch um die Stelle, die am ehesten als „Satire“ eingeordnet werden könnte.

Mittlerweile hat die Kontroverse um die Folge auch die Diskussionsplattform „Reddit“ erreicht. Bezugnehmend auf die „Opfer-Mentalität“, die der Sender und die Comedians nun einnehmen würden, meint ein Nutzer dort: „Wenn der Typ ‚gecancelt‘ wird, dann wahrscheinlich nicht weil er so kantig ist und manchmal böse (uiuiui!) Sachen sagt. Die meisten werden ihm wahrscheinlich nicht mehr zuhören weil es einfach anstrengend ist ihm zu folgen. Man muss den Witz suchen und die ganze Empörungsdebatte, die er zu seinem Kernthema macht, ist einfach so ausgelutscht, dass sie langsam niemanden mehr interessiert.“


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Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Satire nicht vielmehr darin liegt, auf Kritik mit den gleichen Argumenten zu reagieren, die Lisa Eckhart innerhalb des Podcasts noch als „Rumgeheule“ ausgelegt wurden.


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