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Neunte Kunst

Kritik „The Walking Dead“-Ende: So grandios ist das Finale

Der Text enthält Spoiler!

 

Dass eine untergegangen geglaubte Zivilisation wieder existiert, erkennt man wohl am Funktionieren der Judikative: Carl Grimes muss sich vor Gericht verantworten, weil er getötet hat. Nur, dass er keinen Menschen getötet hat, sondern einen Zombie. „Für euch sind die Toten ein Kuriosum, eine Neuartigkeit“, sagt er zur Richterin. „Etwas, für das man Geld zahlt. Entertainment. Und ich sehe das anders.“

Am Ende ist die Welt also eine geworden, in der es nahezu keine Untoten mehr gibt. Die Kinder in dieser Welt haben, anders als die Erwachsenen, noch nie einen Zombie gesehen. Eine wenige streunen außerhalb von „Sicherheitszonen“ herum oder werden, wenn schon drinnen, dann nur als Zirkus-Attraktionen gehalten.

Carl Grimes ist kein Teenager mehr, wie noch im vorletzten „Walking Dead“-Band, er ist nun ein Erwachsener, mit eigener Familie. Ein ziemlicher Zeitsprung. Ging schnell, oder? Und es geht auch noch schneller, noch überraschender: Der aktuelle, 193. Band (amerikanische Zählweise) wurde mit Erscheinen als letzter angekündigt (die deutsche Ausgabe erscheint bei Cross Cult am 16. Oktober).

„TWD“-Erfinder Robert Kirkman hatte diesen Coup eines abrupten Endes nicht erst seit gestern geplant, wie er im Nachwort schreibt. Eine Idee, die manche vielleicht verärgert, jedoch die richtige ist, lässt man die Entwicklung erst mal sacken. „Ich würde lieber weitermachen … aber die Story sagt mir, was sie will und was sie braucht“, schreibt Kirkman. „Es muss sein. Ob ich es will, oder nicht. Es fühlt sich richtig an … und auch … entsetzlich.“

Der Comic, heißt es weiter, habe immer auf den Überraschungseffekt gesetzt. „Nicht zu wissen, was passieren wird, wenn du umblätterst, wer sterben wird, wie sie sterben werden … das war ausschlaggebend für den Erfolg der Serie.“ Kirkman befindet, dass ihm diese Überraschungseffekte mehr und mehr ausgegangen sind, der Gedanke, es bis zur angedachten 300. Ausgabe zu schaffen, mühsam wurde.

„The Walking Dead“: Robert Kirkman hat auch so genug zu tun

Robert Kirkman ist mittlerweile ausgelastet, nach dem Welterfolg des Comics, die erste Episode erschien 2003, hat er als Produzent auch die Betreuung der immens populären TV-Umsetzung übernommen. Dazu kamen neue andere, wenn auch weit weniger starke Graphic Novels. Der 40-Jährige dürfte mittlerweile jedenfalls extrem reich sein. Man sollte ihm aber nicht vorwerfen, dass er deshalb seine Muse vernachlässigt; es gibt für ihn halt mittlerweile sehr viel zu tun, was nicht mit Storylines für „The Walking Dead“ zusammenhängt.

Und was für ein großes Finale diese 193. Ausgabe doch bietet. Und: Es kommt ganz ohne gebissenen Menschen aus, und mit lediglich vier Untoten. Keine Action-Szene, keine Angriffe also, keine Flucht. Der Zeitsprung folgt zudem auf einen Cliffhanger, der problematisch war. Zuletzt hatte Rick Grimes mit Dwight erstmals jemanden getötet, der ihm kritisch bis feindselig gegenüberstand, streng genommen jedoch ein Weggefährte war.

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Mit dem nun veröffentlichten, plötzlichen Ende der Geschichte besteht die Gefahr, dass Rick als derjenige in Erinnerung bleibt, der einen Freund abgeknallt hat. Denn Rick ist nun auch fort, ohne an seiner eigenen Legende stricken zu können. Vielleicht muss er das auch nicht: Er ist verstorben, gilt aber für die Nachwelt als „The Man Who Made The World“, also als Begründer der Zivilisation nach der Apokalypse. Ihm zu Ehren wurde eine Statue errichtet, deren Brust breiter ist, als seine im echten Leben war. Rick ist größer, als überhaupt jemand je zu dessen Lebzeiten annahm. Die Statue reckt stolz einen Arm in die Höhe. Nicht den unversehrten Arm, sondern den, der in einem Stumpf endet. Seht her, besagt das, auch so habe ich allem getrotzt.

Hier gibt es einen unfreiwilligen, ironischen Bezug zur TV-Serie: Die Figur des Anführers Rick war darin derart bedeutsam, dass man sich nicht getraut hat, sie sterben zu lassen, obwohl Darsteller Andrew Lincoln ausgestiegen ist. Hätte man sich denn gewünscht, den Tod des aufrechten Ex-Cops im Comic zumindest zu sehen? Darüber werden die Leute sicher streiten.

Sein Sohn Carl sagt, er sei froh, dass er nicht habe mitverfolgen müssen, wie sich dessen Zustand am Ende „verschlechtert“ hat. Mehr erfahren wir nicht. Mies, mies, mies: Ist Rick eines natürlichen Todes gestorben – oder hat er sich vielleicht suizidiert, nachdem er gebissen wurde? Am Ende überwiegt dennoch das Gefühl, dass Robert Kirkman alles richtig gemacht hat: Sollen wir uns doch den Kopf über Ricks Schicksal zerbrechen. So bleibt er erst Recht für uns lebendig.

Das Ende war absehbar

Kirkman räumte also ein, dass es ihm immer schwerer gefallen war, neue Ideen zu entwickeln. Das war den Comics durchaus anzumerken. Die Flüsterer waren die letzten unheilvollen, effektiven Antagonisten; lang war das her. Dass es ausgerechnet Negan gelang, deren Anführerin Alpha relativ schnell auszuschalten, offenbart den Konflikt: Auf Bösewicht eins (der Governor) folgte Bösewicht zwei (Negan) und dann Bösewichtin drei (Alpha) – und es kam zur schnellen Quasi-Kannibalisierung der einen Schurkenfigur durch die andere. Nummer zwei schlägt Nummer drei, alt schlägt also neu, was möglicherweise der erste Fehler Kirkmans überhaupt war. Seitdem hing „The Walking Dead“ in der Luft. Alphas Pfählung etlicher Helden-Charaktere war die letzte große Überraschung im „TWD“-Kosmos.

Wie hätte dieser Comic, der so sehr von plötzlichen Helden-Toden abhing, ja, dadurch schockierte, aber in Wirklichkeit begeisterte, weitergehen können? Wie hätte „The Walking Dead“ sich noch ein letztes Mal selbst überbieten können? Durch weitere Tode. Als nächstes hätte vielleicht sogar Rick dran sein müssen. Mindestens aber Michonne. Damit wäre das Überleben der Menschheit, also die Forterzählung, von Carl Grimes abhängig gewesen, denn auf den alten Recken Negan folgten keine Charaktere mehr, die es vermochten, zum harten Kern der Überlebenden (Rick, Carl, Michonne, Maggie, Jesus, Aaron, Eugene) vorzustoßen.  Diese Geschichte dann aus Sicht des Teenagers Carl bis zum Ende zu erzählen, hätte wohl eines sehr, sehr langen Atems gebraucht.

Auch Negan überlebt. Er ist einer der mächtigsten Figuren gewesen, in der Fernseh-Fassung sowieso, ein „Love To Hate You“-Charakter. Er ist im gesamten letzten Band präsent, ohne anwesend zu sein. Wir sehen ihn nicht ein einziges Mal. Negans Überleben als Gefangener Ricks bot stets Diskussionsstoff. Ob dieser vielfache Mörder hingerichtet werden oder lediglich eine Freiheitsstrafe verbüßen würde, unterhielt jeden Leser, der sich Fragen zu den – zweifelhaften? – Errungenschaften dieser neuen Gesellschaft der humanitären Werte stellte. Kirkman mochte sich von Negan nicht trennen, am Ende schickte er ihn, von Rick aus dem Gefängnis entlassen, einfach durch die Gegend. Er gehörte nicht dazu, war aber dennoch eingebunden. War das mutlos, hätte es einen weiteren Kampf geben müssen zwischen ihm und Rick? Oder war Negan geläutert? Auch darüber sollte man sich ruhig den Kopf zerbrechen.Vielleicht ist Negan schlicht zu groß. Ein finaler Auftritt, von dem wir jetzt ja nun wüssten, dass es sein finaler wäre, würde seine Präsenz schmälern, weil er danach keinen Trumpf mehr aus dem Ärmel schütteln könnte. Carl jedenfalls, das zeigt der Band, hat seinen Frieden mit Negan geschlossen – dem Mann, der in seiner Entscheidungsstärke einiges aufbrachte, was Carls echter Vater nicht konnte.

Zwei der wenigen in letzter Zeit neu hinzugekommenen Charaktere, die einzigen, die tatsächlich vielversprechend waren, Mercer und Princess, zeigt Kirkman zumindest in einem einzigen Bild. Die Zwei haben es also auch geschafft.

Es gab eine von Kirkman geschätzte Fan-Theorie, nach der „The Walking Dead“ in Wirklichkeit von Anfang an aus der Sicht Carl Grimes‘ erzählt wird, des ganz alten Mannes Carl Grimes, der die Geschichte der Zombie-Apokalypse so berichtet, wie sein Vater und er sie erlebt haben. Die Untoten leben darin weiter. So endet die Saga hier nicht, aber es gibt eine dieser Theorie verwandte Pointe.

Es wird auch klar, dass Carl unter dem großen Schatten leidet, den der Erbauer der neuen Welt geworfen hat. Die Fußstapfen Ricks sind zu groß für ihn, er reagiert gereizt, wann immer er mit dem Vater verglichen wird. Kirkman bezieht damit Stellung: Es kann nur einen Mega-Grimes in seiner Welt geben.

Immerhin honoriert er einen der legendärsten, meistdiskutierten Momente der Reihe, indem er eine Liebesszene zwischen dem jungen Carl und dessen damaliger Freundin Lydia wieder in Erinnerung ruft: Darin geht es um die Lust, eine skelettierte Augenhöhle zu lecken. Auch hier reagiert Carl, auf diese einstige schräge Intimität von Lydia angesprochen, eher aggressiv.

Der Oberste Gerichtshof mischt mit

Vor allem die zwei Szenen vor Gericht jedoch sind brillant. Weil sie die Absurdität vor Augen führen, mit der eine Gesellschaft das Für und Wider einer Selbstverständlichkeit abwägen kann. Der Fall „Grimes tötet Zombie“ landet sogar vor dem Obersten Gerichtshof – weil „Eigentum“ vernichtet wurde, was in der Neuen Welt ein großes Verbrechen ist.

Fragen der Ko-Existenz zwischen Lebenden und Untoten wurden in „Walking Dead“ zuvor nie verhandelt. Es ging immer um Auslöschung der einen durch die andere Spezies. „Vielleicht bin ich ein Relikt dieser Zeit“, sagt Carl, der diese Sichtweise des unbedingten Kriegs verteidigt, im Angeklagten-Stand. „Ich stehe hier und verteidige mich selbst dafür, etwas getötet zu haben, das ausgelöscht gehört.“  Der Comic wagt sich in eine Meta-Ebene vor: Vor Gericht wird der „Marktwert“ der lebenden Toten diskutiert, die Zombies sind längst ein Fall für das Museum, für den Monster-Zoo geworden. Auch wir als Leser sollen also mit urteilen, ob die Untoten ganz aus der Geschichte verschwinden, oder ob sie nicht doch weiterleben sollen. Und sei es nur darum, die wandelnden Leichen im Bild zu behalten, damit Menschheits-Geschichte nicht ausgelöscht wird. Die Zombies gehören ja irgendwie dazu.

71 Seiten (statt 28) umfasst der finale Band, Robert Kirkman gelingt es, uns über die Schicksale aller entscheidenden Figuren aufzuklären. Das hat, das soll vor allem auch sentimentalen Wert haben. Hershel Greene, der Sohn Maggies und Glenns, hat streng genommen, unabhängig von seiner Rolle als leichtsinniger Zombie-Wanderzirkus-Betreiber, lediglich die Funktion, in einer Wutrede auf das traurige Schicksal des Vaters hinzuweisen: „Ich habe ihn nie kennenlernen dürfen. Keiner erinnert sich an ihn. Keiner errichtet eine Statue für ihn.“ Ein trauriges Statement, das ebenfalls auf der Meta-Ebene funktioniert: Denn natürlich kennt man Glenn Rhee – aber eben vor allem als Leser, für fast alle Menschen in der „Walking Dead“-Welt hat Glenn nie existiert.

Sein Tod war der entscheidende Schockmoment, ein noch größerer als der Tod von Lori und Judith Grimes, einer, der „The Walking Dead“ noch bedeutsamer machte, sogar die TV-Serie noch bedeutsamer machte. Nur, dass sich in der Welt der Comicfiguren eben außerhalb der Gruppe Ricks niemand an Glenn erinnert. Kirkman hat dem unglückseligen, tapferen Glenn damit auf den letzten Seiten noch ein Denkmal setzen können – auch, wenn ihm kein echtes Denkmal gebaut wurde, wie für Rick.

Am Ende sitzen Carl und seine Tochter Andrea auf dem Schaukelstuhl, der Vater liest die Chroniken des Rick vor. Eine Welt ohne Zombies scheint möglich. Das befreite Land ist jetzt schon riesengroß.

Über Jahre hieß es, „The Walking Dead“ würde, nein: müsse offen enden. Mit einem Leben aller in permanenter Angst.

Und nun: ein Märchen-Ende, kein Horror-Ende. Mehr Spielberg als Romero. Wer hätte je darauf gesetzt? Und was noch wichtiger ist: Wer fühlt sich mit diesem Ende denn nicht besser?

Wer überlebt:

Carl Grimes, Sophia Grimes, Andrea Grimes (Tochter), Jesus, Aaron, Lydia, Michonne, Hershel (Sohn von Glenn und Maggie) Negan, Eugene, Laura, Princess, Mercer.

Wer tot ist:

Rick Grimes, Stephanie

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