Warum Michel Houellebecq von Neil Young schwärmt


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Das Jahr 2022 startet gleich mit einem literarischen Paukenschlag: Michel Houellebecq veröffentlicht seinen neuen Roman „Vernichten“ – und es könnte womöglich sogar sein letzter sein.

Das deutet zumindest die Danksagung aus dem Buch an. Darin heißt es: „Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt (…). Für mich ist es Zeit aufzuhören.“ Passend dazu erweitert „Vernichten“ trotz seines düsteren Titels den enormen moralphilosophischen Korpus des französischen Autors um durchaus friedfertige Gedanken über die Liebe.

Michel Houellebecq auf der Suche nach der (verlorenen) Kindheit

Ist Michel Houellebecq etwa altersmilde geworden? Mitnichten, wie ein Großteil des gesellschaftskritischen Fundaments des Romans nachweist, das sich mühelos in das skeptische Grundrauschen des Franzosen einordnen lässt. Aber Züge von Naivität, von einer humanistisch-romantischen Weltsicht finden sich eben auch bei Houellebecq. Und das führt sehr direkt zu seiner Verehrung für Neil Young.

Michel Houellebecq und Neil Young? Tatsächlich hat der Autor für das gewaltige „Dictionnaire du rock“ einen Essay über den in Kanada geborenen Sänger geschrieben. Er ist auch in deutscher Sprache in der Textsammlung „Interventionen“ (Dumont) erschienen. Mit anderen Künsten neben der Schriftstellerei beschäftigt sich Houellebecq schon länger, vor allem mit der Rockmusik. Man nehme nur die wundervolle, aber auch düstere Doku „To Stay Alive: A Method“, die der von Jahr zu Jahr eingefallener wirkende Schriftsteller mit Iggy Pop drehte, und in der es um Kunst und Depression geht.

Neil Young, so deutet es Houellebecq in seiner Erörterung an, ist im Grunde das Gegenmittel. Young schreibt Songs „für die oft Unglücklichen und Einsamen, für jene, die haarscharf an den Toren der Verzweiflung vorbeischlittern; für jene, die dennoch weiter daran glauben, dass Glück möglich ist.“

Keine Frage, das könnten auch die Leserinnen und Leser von Houellebecq sein, die er hier so zielgenau adressiert. Aber ihm geht es vor allem um eine Vision, die in den Liedern des nimmermüden Musikers steckt: „,Sugar Mountain‘ und ,I Am a Child‘ sind von einer Reinheit, einer Naivität, die einem das Herz bluten lassen. Solch ein Glück ist nicht möglich, nicht hier bei uns. Dazu hätte es bedurft, sich seine Kindheit zu bewahren.“

Eine ganz und gar fragile Perfektion zeichne das Songwriting Youngs aus, ähnlich wie Schubert sei dieser „vielleicht noch erschütternder, wenn er versucht, das Glück zu beschreiben.“ Es ist das Glück, so viel kann man sagen, wenn man auch nur zwei oder drei Erzählungen Houellebecqs gelesen hat, des unschuldigen Kindes, das noch nicht aus dem Paradies vertrieben wurde.


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Der schreibende Provokateur und Zyniker kommt zur Ruhe mit den Songs eines singenden Dichters, der sich, so sieht es zumindest Houellebecq, seine Kindheit als große kreative Ressource bewahren konnte. Das unerschütterliche, in alle Richtungen strebende Werk Youngs – eine kaum zu fassende Utopie.