Journalisten tauschen Integrität gegen eine gute Kriegsgeschichte

Beim Anschlag auf dem White House Correspondents' Dinner feierten sich Journalisten gegenseitig – statt die richtigen Fragen zu stellen.

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Jeder Journalist liebt es, Kriegsgeschichten zu erzählen. Am 26. Februar 2022 zum Beispiel wachte ich auf dem Lobbyboden des Kharkiv Palace Hotels in der Ostukraine auf, weil mich ein Sicherheitsmann anstupste – genauer gesagt den Haufen Sofakissen, auf dem ich schlief – und darauf bestand, dass ich in die Tiefgarage gehe, bevor die nächste Welle russischer Raketen einschlug. Das Hotel hatte mir ein Zimmer im siebten Stock vermietet, aber der Beschuss war so unaufhörlich, dass ich es für sicherer hielt, ein paar Kissen von der Lobbycouch abzuziehen und mir im hinteren Teil eines Raums im Erdgeschoss ein Nest zu bauen. So kam ich auf ein paar Stunden unruhigen Schlafs pro Nacht, unterbrochen von Sirenen und dem Dröhnen und Knallen einschlagender Geschosse.

Das ist eine ziemlich nüchterne Geschichte, gemessen an dem, was Kriegsreporter so erleben. Die meisten meiner Erlebnisse sind ähnlich: ein paar Aufenthalte mit vorgehaltener Waffe an Checkpoints, ein paar Maschinengewehrsalven über dem Kopf, jede Menge Artillerie und Raketen, die nah genug einschlugen, um mich dauerhaft empfindlich gegenüber New Yorks extrem lauten Müllwagen zu machen – aber nie nah genug, um im Moment selbst echte Gefahr zu bedeuten. Das alles erzähle ich im Grunde bei jeder Gelegenheit. Gib mir einen halben Drink, und ich fange an, meine iPhone-Galerie mit Selfies in der Splitterschutzweste vorzuzeigen. Wer behauptet, Journalisten seien keine Narzissten, lügt.

Am Samstagabend bekam eine ganz neue Gruppe von Journalisten ihren eigenen Stoff zum Erzählen. Als Cole Tomas Allen, ein 31-jähriger Spieleentwickler und Nachhilfelehrer, mit Schrotflinte und Pistole ins Washington Hilton Hotel stürmte, waren die Hauptstadtelite der Presse gerade beim Salat des alljährlichen White House Correspondents‘ Dinner – liebevoll und spöttisch zugleich als „Nerd Prom“ bekannt.

Helden am Salatgang

Die Nerds waren entsetzt – und elektrisiert. Unmittelbar nach dem Anschlag und in den Tagen danach haben Mitglieder der Presse ihren knappen Kontakt mit dem Tod zu Heldengeschichten unter Beschuss aufgebauscht. In „The Free Press“, einer konservativen Politikwebsite, die von der heutigen CBS-News-Chefin Bari Weiss gegründet wurde, schrieb deren Schwester Suzy:

„Alle waren erschüttert, aber die Männer waren noch etwas anderes: Sie waren aktiviert. Und ich meine damit nicht die offensichtlichen Helden des Abends: die Strafverfolgungsbeamten und den Secret-Service-Agenten, der vom Angreifer angeschossen wurde, als er auf die Schüsse zusprang. Andere, mit gezogenen Waffen, brachten Beamte aus dem Raum. Sie handelten vorbildlich. Aber sie waren nicht die Einzigen.

Der Lobbyist David Urban strahlte geradezu, als er uns erzählte, dass er in West Point war, bei der 101. Luftlandedivision gedient hatte und schlicht nicht vorhatte, zuzulassen, dass uns etwas zustößt. Ich glaubte ihm. (Und Bari auch, die von ihm vorne im Saal abgeschirmt wurde, so wie ich hinten von Elliot.)

In Momenten der Krise meldet sich etwas Tiefes in unserer Biologie.“

Selbstbeweihräucherung statt Berichterstattung

Suzy Weiss‘ Stück war eine eher leichtfüßige Betrachtung des Anschlags, die das insgesamt lässige Verhalten der Männer im Raum kommentierte. Aber fast jeder andere Erlebnisbericht, den ich von dem Abend gelesen habe, erweckt den Eindruck, als hätten Kugeln über den Banketttischen gepfiffen – dabei wurden die einzigen abgefeuerten Schüsse in Wänden vergraben (und in der Körperschutzweste eines unglücklichen Agenten), und zwar im Stockwerk darunter. Eine andere FP-Reporterin, Olivia Reingold, kommentierte das Geschehen live in ihre frontseitige iPhone-Kamera, während sie neben ihrem Tisch kauerte. „Tipp für jüngere Reporter: Haltet die Kamera auf das, was gerade passiert“, spottete Autor Chris Hooks auf Twitter.

Je länger der Abend dauerte, desto ausgiebiger wurde die Selbstbeweihräucherung. Journalisten lobten sich gegenseitig dafür, dass sie in Abendgarderobe zur anschließenden Pressekonferenz gelaufen waren, dass sie ihren Job unter enormem Druck weitergemacht hatten und dass sie generell präsent und besser gekleidet als sonst waren – während ein Mann, den der aktuelle Zustand der Dinge so anwiderte, dass er versuchte, den amtierenden Präsidenten zu töten, kläglich scheiterte. Auch der Präsident lobte die Presse – um dann am folgenden Tag in einem weichgezeichneten „60 Minutes“-Interview seinen Führungsinstinkt in der Hitze des Augenblicks zu rühmen. Kurzum: Alle gingen mit einem guten Gefühl nach Hause.

Das Correspondents‘ Dinner wird seit Jahren genau wegen dieser kumpelhaften Verbrüderung kritisiert. Der häufigste Vorwurf ist simpel: Es sieht schlecht aus, wenn eine Organisation, die angeblich als Kontrollinstanz gegenüber dem mächtigsten Amt der Nation fungiert, jährlich ein Dinner zu Ehren eben dieses Amtes veranstaltet – mit Witzen, Drinks und dem unvermeidlich mittelmäßigen Essen jeder Veranstaltung mit mehr als 25 Gästen. CBS zum Beispiel lud sowohl Trump-Strippenzieher Stephen Miller als auch Verteidigungsminister Pete Hegseth, die die Presse regelmäßig attackieren, als offizielle Gäste des Senders ein. Donald Trump nahm als Präsident zum ersten Mal an dem Event teil – ein ziemlich klares Signal dafür, wie die WHCA ihm gegenüber eingestellt ist. Beim Nerd Prom darf der Präsident König sein.

Nähe ist kein Zweck

Was uns auf Umwegen zurück zu den Kriegsgeschichten bringt. Das Problem mit dem WHCD und das Problem mit Kriegsgeschichten ist im Kern dasselbe. Als Auslandskorrespondent hat man Zugang zu etwas Faszinierendem und Grauenhaftem und Mächtigem: zur Gewalt. Man erlebt im Rahmen des Jobs Momente des Verlusts und des Schmerzes und der Angst und enormen menschlichen Muts – neben Dingen, die so nihilistisch und grausam sind, dass man sich fragt, wie diese Spezies je die Ära überlebt hat, in der wir uns gegenseitig mit Steinen erschlugen. Es ist berauschend. Es lässt einen sich wichtig und interessant fühlen. Die Kollegen fotografieren einen in Splitterschutzweste und Khakikleidung.

Als Politikreporter bekommt man eine bestimmte Version desselben Gefühls. Wie der Krieg gibt einem die politische Berichterstattung eine gewisse Nähe zu den faszinierenden inneren Mechanismen der Macht. Man bekommt Lanyards und Akkreditierungen statt Kevlar, klar – aber die alltäglichen Umstände der Arbeit suggerieren, dass man jemand Wichtiges und Wertvolles ist. Sonst würden sie einen ja nicht reinlassen, oder?

Aber wie im Krieg liegt hier derselbe Trugschluss. Nähe zu etwas ist kein Zweck. Man ist nicht im Raum, um ein Foto mit dem Präsidenten zu machen, man ist nicht im Krieg, um cool auszusehen. Man ist dort, um einen Job zu erledigen – und wer diesen Job nicht macht, ist in einer Kriegszone oder im Weißen Haus nur Tourist. Der Sinn der Nähe zur Macht besteht darin, sie zu untersuchen und die Menschen zu beurteilen, die sie ausüben. Man soll die Menschen finden, die von ihr zermalmt werden – die kleinen Leute, die Soldaten und Präsidenten unter ihren Stiefeln oder schwarzen Halbschuhen begraben.

Die falschen Fragen stellen

Wenn jemand auf den Präsidenten schießt, ist es nicht die Aufgabe der Presse, seinen Heldenmut und seine Entschlossenheit zu loben, weil er von einem Trupp bewaffneter Männer zügig aus einem Raum eskortiert wurde – oder die eigene Standhaftigkeit zu feiern, weil man unter einem Tisch in Deckung gegangen ist. Es geht darum herauszufinden, warum ein gebildeter Büroangestellter so die Nase voll hatte, dass er beschloss, jeden letzten Fetzen des sozialen Gefüges, in dem wir leben, zu zerreißen. Es geht darum zu untersuchen, warum er genau dieses Event wählte, warum er genau dieses Ziel ins Visier nahm. Und dabei wäre es vielleicht an der Zeit, ehrlich hinzuschauen, was die eigene Teilnahme an einer vergoldeten Feier eines gewalttätigen Regimes über den Job aussagt, den man zu tun vorgibt. Wer von diesen Antworten Angst bekommt, sollte vielleicht einen anderen Beruf in Betracht ziehen.

Jack Crosbie schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil