40 Jahre „Ziggy Stardust“: Bowie trifft Burroughs


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Wlliam Seward Burroughs ist kein redseliger Mann. Einmal warf er während eines Dinners einen schiefen Blick auf ein Stereomikro vor ihm, das jeden seiner Bisse aufnehmen sollte, und knarrte: „Ich kann Geschwätz nicht leiden, und ich mag keine Schwätzer.“ Diese Geschichte und David Bowies geheimnisvolle Aura gingen mir durch den Kopf, als mich ein irischer Taxifahrer mit Burroughs am 17. November 1973 zu Bowies Londoner Adresse fuhr („Hier leben ziemlich seltsame Typen, Mann“). Ich hatte die letzten paar Wochen damit verbracht, dieses Zweier-Interview zu organisieren und hatte Bowie alle Bücher Burroughs gebracht. Aus Zeitgründen hatte er nur „Nova Express“ gelesen; Burroughs wiederum kannte von Bowie nur „Five Years“ und „Starman“, hatte jedoch immerhin alle seine Texte gelesen. Aber sie wollten sich, sagten beide, auf jeden Fall kennenlernen. Bowie tauchte in dreifarbigen, offenbar von der NASA designten Reithosen auf. Zwei Stunden lang plauderten wir zu dritt bei Fisch, den ein Jamaikaner aus Bowies Entourage gekocht hatte, dazu gab es Avocado mit Shrimps und einen Beaujolais Nouveau, serviert von zwei außerirdischen Bowiejüngern. Man spürte sofort gegenseitige Sympathie und Respekt.

Burroughs:Könnten Sie diese Ziggy-Stardust-Figur erklären? Wenn ich es recht verstehe, geht es darum, dass die Welt am Rande des Abgrunds steht und innerhalb von fünf Jahren untergeht?

Bowie: Genau. Die Welt hat noch fünf Jahre bis zum Untergang. Es gibt ja all diese Meldungen, dass die Welt am Mangel an Ressourcen zugrunde geht. Ziggy lebt in einer Zeit, in der die Kids alles kriegen können, was sie wollen. Die ältere Generation hat jeden Kontakt zur Realität verloren, deshalb sind die Jungen auf sich allein gestellt und plündern, was geht. Ziggy war Rockmusiker, aber die Kids haben keine Lust mehr auf Rock. Weil es keinen Strom mehr gibt, kann man auch gar nicht mehr spielen. Ziggys Berater rät ihm, Nachrichten zu singen, weil es sonst keine mehr gibt. Das tut er auch, aber alle Nachrichten sind katastrophal. Darum geht es in „All The Young Dudes“ – es ist keine Hymne an die Jugend, sondern das genaue Gegenteil.

Burroughs: Woher kam diese Ziggy-Idee, und woher haben Sie diese Fünfjahresfrist? Die Erschöpfung der Ressourcen bedeutet natürlich nicht das Ende der Welt, sondern den Zusammenbruch der Zivilisation. Und sie wird die Bevölkerung um drei Viertel dezimieren.

Bowie: Eben. Sie bedeutet nicht das Ende für Ziggy. Das kommt für ihn mit der Ankunft der Infinites. Die sind eigentlich ein schwarzes Loch, aber ich habe sie personifiziert, weil ein schwarzes Loch schwer auf die Bühne zu bringen wäre.

Burroughs: Allerdings, es wäre ein unglaublicher Aufwand. Zumal es ja auch eine Fortsetzungsgeschichte wäre, an deren Anfang die Shaftsbury Avenue verschluckt würde.

Bowie: Ich brauche den Gesamteindruck einer Bühnenshow. Songs zu schreiben, reicht mir nicht, ich will eine dreidimensionale Idee. Als Kunstform scheint mir das Songschreiben etwas archaisch und unzulänglich.

Burroughs: Es geht um die ganze Performance. Nicht nur um jemanden, der am Klavier sitzt und etwas spielt.

Bowie: Ein Song braucht einen Charakter, eine Form, einen Körper, und er muss die Leute so beeinflussen, dass sie ihn für ihren Zwecke benutzen können. Er muss sie nicht nur als Song beeindrucken, sondern als Lifestyle. Die Rockstars haben alle möglichen Philosophien, Stile, Schriften, Geschichte aufgesaugt und verbreiten jetzt, was dabei hängengeblieben ist.

Burroughs: Die Revolution entsteht, indem man die anderen bis zur Auslöschung ignoriert.

Bowie: Im Ernst, das geschieht heute schneller als je zuvor. Musiker wie Alice Cooper, Iggy Pop oder die New York Dolls ignorieren die Anhänger der Stones und Beatles total und unwiderruflich. Die Generationenkluft hat sich von 20 auf zehn Jahre verringert.

Burroughs: Das Tempo der Veränderung eskaliert. Die Verantwortung dafür tragen die Medien, ihr Effekt scheint unberechenbar.

Bowie: Früher einmal, selbst noch als ich so 13, 14 war, beschrieb Altern eine Spanne von 14 bis 40. Heute gibt es schon zwischen 18 und 26 unglaubliche Unterschiede. Eigentlich ziemlich beunruhigend. Wir versuchen aber nicht, die Menschen näher zusammenzubringen, sondern fragen uns vielmehr, wie viel Zeit noch bleibt. Es wäre auf angenehme Weise langweilig, wenn die Menschen sich besser verstünden. Mich interessiert vor allem, ob der Planet noch überleben kann.

Burroughs: Dabei geschieht ja das Gegenteil, die Leute driften immer weiter auseinander.

Bowie: Diese Idee, Leute zusammenzubringen, riecht für mich streng nach Flower-Power-Zeiten. Dass die Leute an einem Strang ziehen sollen, finde ich obszön. Es ist einfach nicht menschlich und auch keineswegs ein Naturprinzip, wie es viele sehen.

Burroughs: Ihre Texte sind sehr aufmerksam und klug.

Bowie: Ein bisschen Mittelschicht, was ich aber okay finde, schließlich komme ich da ja her.

Burroughs: Mich überrascht, dass sie ein Massenpublikum ansprechen, obwohl sie so komplex sind. Inhaltlich laufen doch die meisten Poptexte gegen null, so was wie „Power To The People“.

Bowie: Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Publikum eher nicht auf die Texte hört.

Burroughs: Darüber wüsste ich gern mehr. Verstehen Ihre Hörer, was Sie singen?

Bowie: Wahrscheinlich eher vermittelt durch die Medien. Erst danach setzen sie sich hin und hören genauer zu. Aber auf dem Niveau, auf dem sie meine Texte lesen, verstehen sie sie auch. Sie schicken mir ihre eigenen Interpretationen, was ich super finde, weil ich selbst nicht immer weiß, was ich singe. Manchmal schreibe ich etwas, und dann bekomme ich Briefe von Kids, deren Interpretation ich mir so zu Herzen nehme, dass ich es wiederum aufgreife und eigentlich schreibe, worum mein Publikum mich bittet.

Lou Reed ist der wichtigste und einflussreichste Texter im aktuellen Rock. Weniger wegen der Themen, als durch die Richtung, die er ihnen gibt. Ohne Lou gäbe es die Hälfte aller neuen Bands nicht. Es ist erstaunlich, was er mit seinen Sachen losgetreten hat. New York City ist Lou Reed. Er schreibt auf Straßenhöhe, während die Engländer eher intellektualisieren.

Burroughs: Was inspiriert Sie denn beim Schreiben? Literatur?

Bowie: Eher nicht.

Burroughs: Also mich hat einer der Texte stark an T.S. Eliot erinnert.

Bowie: Nie gelesen.

Burroughs: (lacht) Er erinnert sehr an „The Waste Land“. Kriegen Sie Ideen aus Ihren Träumen?

Bowie: Oft.

Burroughs: 70 % meiner Einfälle stammen aus meinen Träumen.

Bowie: Es gibt diesen Trick … Wenn man die Ellbogen beim Einschlafen hebt, schläft man nie tiefer als auf Traumebene. Das versuche ich oft und träume dann viel länger, als wenn ich entspannt schlafen würde.

Burroughs: Ich träume sehr viel. Ich habe einen leichten Schlaf und wache oft auf, dann notiere ich ein paar Worte, die mir später die ganze Idee wieder ins Gedächnis holen.

Bowie: Ich habe einen Rekorder neben dem Bett, in den ich einfach spreche. Was die Inspiration angeht, hat sich meine Perspektive vermutlich seit meinem zwölften Lebensjahr nicht wesentlich verändert, ich bin geistig auf dem Niveau eines Zwölfjährigen. Als ich noch zur Schule ging, war mein Bruder ein Fan von Kerouac, und er gab mir „On the Road” zu lesen. Das ist immer noch ein starker Einfluss.

Burroughs: Haben Sie Andy Warhol mal getroffen?

Bowie: Ja, vor zwei Jahren war ich in die Factory eingeladen. Wir sind mit dem Lift hochgefahren und als die Tür aufging, standen wir vor einer Steinmauer. Wir haben geklopft, aber man hat uns nicht geglaubt, wer wir waren. Also sind wir rauf und runtergefahren, bis schließlich jemand die Mauer geöffnet hat und man sich argwöhnisch gegenüber stand. Es war kurz nachdem Valerie Solanas auf Warhol geschossen hatte. Ich stand dann jemandem gegenüber, der wie ein lebender Toter aussah, ganz gelb im Gesicht, die Perücke in der falschen Farbe, eine kleine Brille. Als ich ihm die Hand geben wollte, zuckte er zurück und ich dachte mir: „Der Mann mag kein Fleisch, offenbar ist er ein Reptil.“ Dann hat er eine Kamera hochgehalten und mich fotografiert.

Ich wiederum habe ein bisschen Smalltalk versucht, bin aber nicht weit damit gekommen. Dann sieht er meine Schuhe – in Gelb und Gold – und sagt: „Was für wundervolle Schuhe, sagen Sie mir, woher Sie die haben.“ Er hat mir einen Vortrag über Schuhdesign gehalten, und da war das Eis gebrochen. Meine Schuhe in Gold und Gelb haben das Eis zwischen Warhol und mir gebrochen. Ich bewundere ihn für das, was er getan hat. Sein Einfluss war enorm. Aber jetzt mögen ihn ja alle. Aber schließlich wollte Warhol Klischee sein, er wollte bei Woolworth hängen und Boulevardthema werden. Ich habe gehört, er wolle jetzt richtige Filme drehen, was ich ziemlich traurig finde. Für mich sind seine früheren Filme genau das, was wir heute brauchen. Als Person allerdings wusste ich hinterher so wenig über ihn wie zuvor.

Burroughs: Ich glaube nicht, dass es so etwas wie eine Person Warhol gibt. Er ist eine Art Alien, ganz und gar emotionslos. Eigentlich könnte er aus einer Science Fiction kommen. Er hat auch diese seltsame grüne Farbe.

Bowie: Das ist mir auch aufgefallen. Er hat die falsche Farbe für einen Menschen. Vor allem im harten Neonlicht der Factory. Es soll ein ziemliches Erlebnis sein, ihm bei Tageslicht zu begegnen.

Burroughs: Ich habe ihn im Hellen gesehen und trotzdem keine Ahnung, was in ihm vorgeht, außer dass es sehr absichtsvoll geschieht. Es gibt keinerlei Energie, wirkt aber recht hinterhältig und völlig asexuell. Seine Filme sind die Spätprogramme der Zukunft.

Bowie: Medien sind entweder unsre Rettung oder unser Tod. Ich persönlich glaube, sie retten uns.

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Das Gespräch zwischen David Bowie und William S. Burroughs hat Craig Copetas im November 1973 arrangiert und moderiert. Es wurde am 28.2.1974 im ROLLING STONE veröffentlicht. Wir drucken einige Auszüge. Craig Copetas war damals London-Korrespondent des ROLLING STONE. Heute schreibt er für „Bloomberg News“

Die ganze Story über David Bowies „Ziggy Stardust“, von Hans Nieswandt finden Sie im aktuellen Heft.