„CBGB – A New York City Soundtrack 1975–1986“ – Schillerndes Loch
Cherry Red (VÖ: 30.1.)
Eine Compilation feiert den berühmtesten New Yorker Live-Club, in dem sich Punk, Glamrock, New Wave und Avantgarde-Noise lustvoll umkreisten.
In der Popgeschichte gibt es kaum einen Ort, der so mythisch verklärt wird wie das CBGB & OMFUG, ein mit Plakaten, Tags und Graffiti zugekleistertes Loch an der Bowery, dessen Toiletten selbst die Punks fürchteten. Lydia Lunch hatte dort trotzdem mehrfach Sex: „You guessed right if you thought the toilets of CBGB’s sang a song of diseased lust to my raging hormones.“ Es war eben der Archetyp eines Rock’n’Roll Clubs. Der Gründer, Hilly Kristal, träumte bei der Eröffnung im Dezember 1973 noch von einem Ort für Country, Bluegrass, Blues und andere bodenständige Musiken – doch das redeten ihm die New Yorker Musiker schnell wieder aus. Nach dem Einsturz des Mercer Arts Centers, wo die New York Dolls regelmäßig Hof hielten, gab es in Manhattan so gut wie keine Auftrittsmöglichkeiten für Bands ohne Plattenfirmen Vertrag.
In diese Lücke grätschte das CBGB. Zwischen März 1974 und Juni 1976 debütierten hier alle fünf Bands, die bis heute das Pantheon des CBGB erleuchten: Television, Ramones, Blondie, Patti Smith und die Talking Heads. Nur 300 Zuschauer fasste der Club, in den ersten Jahren war er oft nur halb gefüllt. Für die Bands, die sich hier ausprobierten und dabei wuchsen, war er dennoch so etwas wie ihr Hauptquartier. „We dreamed CBGB’s into existence“, erinnerte Richard Hell 2006 in der „New York Times“ anlässlich der Schließung. Es war die Wiege des amerikanischen Punk. New Wave und No Wave waren allerdings ebenso präsent wie Rock’n’Roll, schwuler Glam Rock oder beinharter Avantgarde Noise. Weil Hilly Kristal einfach nicht Nein sagen konnte.
Eine etwas bessere zeitliche Zuordnung wäre ein Sahnehäubchen gewesen
Wie sich das alles über die Jahre aufs Großartigste weiterentwickelte, zeigt diese von Rob Tannenbaum exzellent zusammengestellte Compilation. 101 Stücke von all den Bands, die hier irgendwann mal auf die Bühne stolperten. Neben den bereits genannten Big Five waren das Klassiker wie Richard Hell And The Voidoids, The Dead Boys, The Dictators, Suicide, DNA, Sonic Youth und, und, und. Mit „Jailhouse Rock“ von James Chance & The Contortions gibt es sogar eine Live Aufnahme aus dem CBGB, die damit startet, dass Chance das Publikum anpöbelt, es sei zu 99 Prozent auf die Vergangenheit fixiert. Man fragt sich, warum Lydia Lunch und Teenage Jesus & The Jerks fehlen, obwohl sie damals enorm präsent in der Szene waren, etwa auf der von Brian Eno produzierten „No New York“ Compilation. Dafür gibt es jede Menge tolle Bands, an die sich heute kaum noch jemand erinnert.
The Magic Tramps etwa, die mit Eric Emerson einen Warhol Superstar als Sänger hatten. Oder Jayne (damals noch Wayne) County, die später mit „Man Enough To Be A Woman“ von sich reden machte. Wir hören den Fake Jazz der Lounge Lizards ebenso wie den dröhnenden Noise von Glenn Brancas Theoretical Girls. Mit Bad Brains, Minor Threat und den Beastie Boys, die damals noch ganz anders klangen, kommt auch der Hardcore der Achtziger nicht zu kurz. Diese experimentierfreudig schillernde Vielfalt definierte New York in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern musikalisch. Die Mieten waren billig, die Abenteuerlust und der Mut zum Risiko groß. „You ain’t no punk, you punk/ You wanna talk about the real junk?“, singen die Cramps in „Garbage Man“ und bilden damit ein perfektes Gegengewicht zu eher intellektuellen Bands wie The Ordinairies oder Bill Laswells Material. Das Booklet der 4 CDs umfassenden Compilation bietet Info und Cover zu jedem einzelnen Stück, eine etwas bessere zeitliche Zuordnung wäre ein Sahnehäubchen gewesen.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 2/2026.