Was das Live-Nation-Urteil für Fans bedeutet und wie es weitergeht

Eine Jury befand Live Nation und Ticketmaster wegen Monopolmissbrauchs für haftbar – ein historisches Urteil mit weitreichenden Folgen.

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In der Konzert- und Live-Entertainment-Branche könnten sich bald grundlegende Dinge verändern. Eine Jury befand Live Nation und Ticketmaster am Mittwoch (15. April) für haftbar, als Monopol zu operieren – und fällte damit eine der bedeutendsten Kartellrechtsentscheidungen seit langer Zeit.

Ursprünglich hatte das US-Justizministerium (Department of Justice, DOJ) Live Nation 2024 verklagt; rund 40 Bundesstaaten sowie Washington D.C. schlossen sich damals als Mitkläger an. Der Vorwurf: Live Nation übe dank seiner dominanten Stellung im Ticketing, in der Konzertpromotion und im Veranstaltungsbereich einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die gesamte Live-Entertainment-Branche aus. So erfuhr die Jury etwa, dass Live Nation großen Venues gedroht habe, ihnen lukrative Konzerte zu entziehen, wenn sie keine Exklusivverträge mit Ticketmaster abschlössen – und dass Künstler, die in Live-Nation-eigenen Amphitheatern auftreten wollten, das Unternehmen auch als Promoter verpflichten mussten.

Live Nations Anwälte hielten dagegen, das Unternehmen habe seinen Erfolg aus eigener Kraft erarbeitet. Das vielschichtige Geschäftsmodell des Konzerns, so ihr Argument, unterscheide sich nicht von dem der Konkurrenz; der Erfolg beruhe schlicht darauf, Künstlern, Fans und Veranstaltungsbetreibern die beste Qualität zu bieten.

Das Urteil und seine Folgen

Wie bedeutend war dieser Sieg?

Enorm. Die Jury entschied mit überwältigender Mehrheit gegen Live Nation: Auf dem zehnseitigen Urteilsbogen war jedes „Ja“-Feld angekreuzt. Jeffrey Kessler, der Anwalt, der die Fallführung nach dem DOJ-Vergleich mitten im Prozess als Hauptverteidiger übernahm, sagte gegenüber ROLLING STONE: „Es hätte viele Wege gegeben, wie wir weniger als einen vollständigen Sieg hätten erringen können – aber dies war ein vollständiger Sieg.“

Wofür genau wurden Live Nation und Ticketmaster haftbar befunden?

Die zentralen Anklagepunkte drehten sich im Kern darum, ob Live Nation und Ticketmaster Monopolmacht über verschiedene Bereiche der Branche besaßen – etwa den Primärticketmarkt für große Konzerthallen oder den Markt für große Amphitheater. Die Jury bestätigte zudem den sogenannten „Tying“-Vorwurf der Bundesstaaten: Live Nation habe Künstler-Promotion-Dienstleistungen rechtswidrig an die Nutzung seiner Amphitheater geknüpft.

Darüber hinaus stellte die Jury fest, dass Live Nation in jedem der 33 Mitkläger-Bundesstaaten sowie in D.C. „rechtswidriges Verhalten an den Tag gelegt hat, das den Wettbewerb geschädigt hat“ – und dass das Unternehmen gegen die individuellen Kartell- oder Wettbewerbsgesetze mehrerer Bundesstaaten verstoßen hat.

Strafen und mögliche Konsequenzen

Das klingt gravierend. Welche Strafe droht?

Das steht noch nicht fest, und so bald werden wir es auch nicht wissen. Richter Arun Subramanian wird die Abhilfemaßnahmen in einem zweiten Verfahrensabschnitt festlegen – wann genau, ist noch unklar. Wie Kessler erläuterte, werden die Bundesstaaten in den nächsten Monaten gemeinsam und mit Unterstützung von Experten einen Vorschlag erarbeiten, den sie dann dem Gericht vorlegen.

Grundsätzlich könnten die Bundesstaaten eine ganze Reihe von Maßnahmen beantragen: von der Zerschlagung von Live Nation und Ticketmaster bis hin zur erzwungenen Veräußerung anderer Vermögenswerte, etwa bestimmter Venues. Hinzu kommen voraussichtlich erhebliche Schadensersatzzahlungen.

Wie erheblich?

Die Jury wurde unter anderem gefragt, ob Ticketmaster seine angebliche Monopolstellung genutzt habe, um Fans bei den Ticketpreisen zu übervorteilen. Die Antwort: Ja. Die Jury stimmte der Einschätzung zu, dass der durchschnittliche Aufpreis 1,72 Dollar pro Ticket betrug. Diese Zahl dient Richter Subramanian als Grundlage für die Schadensberechnung. 1,72 Dollar klingt für sich genommen wenig – aber multipliziert über potenziell Millionen von Tickets, in mehr als 30 Bundesstaaten, könnte die Summe leicht in die Hunderte von Millionen Dollar gehen, wenn nicht sogar darüber hinaus.

Was bedeutet das Urteil für den DOJ-Vergleich von vor einigen Wochen?

Dieser Vorschlag – dem sechs der ursprünglichen Mitkläger-Bundesstaaten zugestimmt hatten – muss noch von Richter Subramanian genehmigt werden. Er soll den Vergleich prüfen und sicherstellen, dass er im öffentlichen Interesse liegt – gemäß einem Gesetz namens Tunney Act. Wie Kessler anmerkte, hat Subramanian die Bundesstaaten, Live Nation und das DOJ aufgefordert, gemeinsam einen Zeitplan vorzuschlagen, der sowohl die Anhörungen zu den Abhilfemaßnahmen als auch die Tunney-Act-Prüfung berücksichtigt, „da diese Fragen miteinander zusammenhängen“.

Der DOJ-Vergleich unter der Lupe

War der ursprüngliche Vergleich wirklich „im öffentlichen Interesse“?

Das liegt in Richter Subramanians Händen – doch der Vorschlag hat viele Kritiker auf den Plan gerufen. Live Nation machte zwar einige Zugeständnisse: Ticketmaster erklärte sich etwa bereit, Exklusivverträge mit Venues auf vier Jahre zu begrenzen und Konzerthallen die Wahl zwischen exklusiven und nicht-exklusiven Vereinbarungen zu lassen. Außerdem sollten die Servicegebühren in allen Live-Nation-eigenen Amphitheatern auf 15 Prozent gedeckelt werden, und das Unternehmen wollte exklusive Buchungsvereinbarungen in 13 Amphitheatern aufgeben, die es nicht selbst besitzt.

Viele hielten das jedoch für unzureichend – darunter die Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten, die den Fall weiterführten, Politikerinnen und Politiker, Konkurrenten von Live Nation und Ticketmaster sowie Branchenverbände wie die National Independent Venue Association. Gegenüber ROLLING STONE sagte Senatorin Amy Klobuchar nach Bekanntgabe des Vergleichs: „Jedes Mal, wenn ein Justizministerium oder eine Regierung so etwas gemacht hat, hat das Unternehmen einen Weg darum herum gefunden und ist noch größer geworden. Der einzige Weg zu einer echten Wettbewerbszukunft im Ticketing, bei Venues und in der Promotion wäre, sie zu zerschlagen.“

Haben Klobuchar und andere Senatoren den Richter nicht gerade gebeten, den Vergleich zu prüfen?

Ja. Am Abend vor der Urteilsverkündung forderten die demokratischen Senatoren Klobuchar, Elizabeth Warren, Cory Booker, Richard Blumenthal, Mazie Hirono und Peter Welch Subramanian auf, den Deal „genau unter die Lupe zu nehmen“. Sie beriefen sich auf aktuelle Berichte, denen zufolge der Vergleich „unter verdächtigen Umständen ausgehandelt“ worden sei und möglicherweise „auf politischen Druck hin und nicht im öffentlichen Interesse“ zustande gekommen sei.

Politischer Druck und Trump-Verbindungen

Verdächtige Umstände? Politischer Druck? Das klingt brisant!

Der Live-Nation-Fall hat eine erhebliche politische Dimension angenommen – vor allem, weil das Unternehmen bei der Trump-Regierung intensiv Lobbyarbeit betrieben hat. Besonders auffällig: Das Unternehmen engagierte den MAGA-Einfluss-Anwalt Mike Davis, der auch daran mitgewirkt haben soll, das DOJ dazu zu bringen, seine Klage gegen eine 14-Milliarden-Dollar-Fusion von Hewlett Packard und Juniper Networks fallen zu lassen. Einem aktuellen Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge soll Trump persönlich interveniert haben: Nachdem er von prominenten Persönlichkeiten auf den Fall angesprochen worden sei, habe der Präsident gefragt, was einen Deal aufhalte. Ein solcher kam schließlich zustande – nach einem Treffen im Weißen Haus, an dem Berichten zufolge Live-Nation-CEO Michael Rapino, die Anwälte des Unternehmens sowie DOJ-Vertreter teilnahmen, darunter die damalige Generalstaatsanwältin Pam Bondi.

Subramanian schien den Vergleich bereits unter die Lupe nehmen zu wollen, noch bevor die Senatoren ihren Brief einreichten. Der Richter gehörte zu den Beteiligten – darunter einige der eigenen Prozessanwälte des DOJ –, die von dem Deal völlig überrascht worden waren. Die Einigung soll am 5. März erzielt worden sein, doch das Gericht wurde erst am 9. März informiert – eine Zeitspanne, die Subramanian als „inakzeptabel“ bezeichnete. Wenige Tage später erließ er eine zwar standardmäßige, aber dennoch unmissverständliche Anordnung, wonach „alle relevanten Kommunikationen“ im Zusammenhang mit dem Vergleich „aufzubewahren“ seien.

Was plant Live Nation als Nächstes?

Das Unternehmen hat Berufung angekündigt, was bedeutet, dass sich der Fall noch über mehrere Jahre hinziehen könnte. Außerdem hofft Live Nation auf Erfolg bei einigen Anträgen nach dem Urteil, die die Natur des Verdikts verändern könnten. In einer Erklärung vom Mittwoch bezeichnete das Unternehmen das Jury-Urteil als „nicht das letzte Wort“ und verwies auf ausstehende Anträge, mit denen geprüft werden solle, ob „die Haftungs- und Schadensersatzentscheidungen Bestand haben“.

Was bedeutet das für Fans?

Live Nation hat zudem einen der von den Bundesstaaten benannten Sachverständigen ins Visier genommen. Es gebe „einen ausstehenden Antrag, die Schadensersatzaussage, auf der das Jury-Urteil beruht, zu streichen. Das Gericht hat seine Entscheidung über diesen Antrag ebenfalls zurückgestellt.“

Was bedeutet das alles für Fans? Oder für Künstler? Oder für unabhängige Venue-Betreiber und Promoter?

Das sind potenziell milliardenschwere Fragen, die sich leider erst beantworten lassen, wenn die Abhilfemaßnahmen feststehen – oder wenn Live Nation mit seiner Berufung Erfolg hat. Die Landschaft der Live-Entertainment-Branche könnte sich durch dieses Urteil durchaus dramatisch verschieben, aber das wird nicht von heute auf morgen geschehen. Anders gesagt: Wer auf sinkende Konzertticketpreise in nächster Zeit hofft, wird sich gedulden müssen.

Jon Blistein schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil