Der seltsamste Film, in dem je ein Queen-Song zu hören war
Die schräge italienische Farce „Carne“ von Skandal-Regisseur Marco Ferreri bittet zum Tanz mit „Innuendo“.
Natürlich, da gibt es „Bohemian Rhapsody“. Dazu „Flash Gordon“ und „Highlander“. Queen sind ein Teil der Filmgeschichte, für die Darstellung von Freddie Mercury erhielt Rami Malek sogar einen Oscar. Songs der britischen Band sind aber auch in vielen weiteren Filmen zu hören. Keiner vergisst wohl je den Headbanging-Einsatz in „Wayne’s World“. Und wie drollig tanzen die Zombies in „Shaun Of The Dead“ zu „Don’t Stop Me Now“?
Der seltsamste Film, in dem jedoch je ein Queen-Songs zu hören war, ist „Carne“ (Fleisch) von Marco Ferreri aus dem Jahr 1991. Die Geschichte dreht sich um einen geschiedenen Barpianisten namens Paolo (gespielt von Sergio Castellitto). Eines Abends lernt er in einem Nachtclub die extrem attraktive und dralle Francesca (Francesca Dellera) kennen. Francesca kommt gerade frisch aus Indien von einem Guru zurück. Sie verfügt über eine spezielle „fernöstliche Technik“, mit der sie Paolo körperlich so stimulieren kann, dass er in einen Zustand der permanenten Erektion verfällt, sich zeitweise aber kaum noch bewegen kann.
Paolo verlässt für sie seinen Job und vernachlässigt seine Kinder (die er offensichtlich nur etwas mehr lieb hat als seinen Hund, der aus Platzgründen bei der Ex, von ihm spöttisch Hyäne genannt, bleiben muss). Die beiden verrammeln sich in Paolos Strandhaus südlich von Rom. Sie füllen den Kühlschrank bis oben hin und verbringen Wochen ausschließlich mit Essen und Sex. Paolo driftet in einen Wahn ab, in dem er diese sexuelle Verschmelzung als religiöse, göttliche Erfahrung begreift.
Als Francesca jedoch schwanger wird, verliert sie jede Lust und will ihn verlassen. Aus Angst, sie zu verlieren, sieht der völlig wahnsinnig gewordene Paolo nur einen Ausweg, um ewig mit ihr „kommunizieren“ und eins sein zu können.
Warum „Innuendo“ von Queen in „Carne“ zu hören ist
Größtenteils eine mal gallige, mal alberne Farce, überrascht „Carne“ mit einem derben Schluss, der seinem Titel vollauf gerecht wird. Kein Wunder, der Regisseur galt spätestens seit der cineastischen Ungenießbarkeit von „Das große Fressen“ (1973) als Enfant Terrible des europäischen Kinos.
Zwischen all den bittersüßen Sauereien (die alles andere als explizit gezeigt werden) ist völlig unvermittelt das Flamenco-Intermezzo von „Innuendo“ zu hören. Nach „Bohemian Rhapsody“ und dem „Prophet’s Song“ auf „A Night At The Opera“ die späte Rückkehr von Queen zu ihren theatralischen Bombast-Stücken und Titellied der letzten Platte vor dem Tod Freddie Mercurys. Es kommen noch weitere Bestandteile des 6,5-Minuten-Songs in „Carne“ vor, gleich einem heimlichen musikalischen Kommentar zur Gaga-Handlung des Films, die aber auch Platons „Gastmahl“ beleiht und die Eucharistie durch den Kakao zieht.
Was auch immer Ferreri geritten hat, sich bei Queen zu bedienen, der Zeitpunkt ist natürlich delikat. Song (14. Januar), Album (04. Februar) und der Film (im Mai während der Filmfestspiele in Cannes uraufgeführt) erschienen allesamt 1991. Queen gelang noch einmal eine letzte kraftvolle Platte, die sich eher in Richtung ihrer 70er-Grandezza orientierte, als den eingeschlagenen Weg des 80er-Stadion-Pop-Rock erneut zu gehen.
Während der Begriff ‚Innuendo‘ im Englischen eine zweideutige, zuweilen auch schlüpfrige Bemerkung meint – was Ferreri wohl auch als Motivation für die Platzierung in „Carne“ verstand – schlägt das Lied von Queen eine völlig andere Bedeutungsebene ein. Es thematisiert die Unfähigkeit der Menschheit, friedlich miteinander zu leben und lässt sich genauso als Metapher für den letzten Kampf des kranken Sängers verstehen. Trotz aller Schicksalsschläge und der Gewissheit des nahenden Endes appelliert er daran, die Hoffnung nicht aufzugeben, mutig zu sein und bis ans Ende der Zeit für seine Freiheit und Träume zu kämpfen.
Deftige Kritik für einen deftigen Film
Ferreri nutzt die wilde, dramatische Dynamik des Songs hingegen, um das Abgleiten der Hauptfigur vom Liebesrausch in den Wahn akustisch zu spiegeln – mit der bereits angesprochenen, aber hier nicht verratenen Schlusspointe. Wie seltsam „Carne“ ist, bemerkten natürlich auch die Kritiker in Cannes. Es gab lautstarke Proteste, Buhrufe und Ekel-Bekundungen wegen der unverblümten Verknüpfung von Religion und Sex.
Francesca Dellera, in ihrer Heimat Italien als „schönste Frau der Welt“ betitelt, wurde nahezu bemitleidet. Viele fanden, dass ihr das Talent zur Schauspielerei fehlte, empfanden es aber noch als tragischer, dass sie in dem Film zu einem hypnotischen, lebendigen Spezialeffekt degradiert wurde. Viel über männliche und weibliche Begierde lernt man nicht. Das liegt aber wohl auch daran, dass es dem Regisseur weniger um eine Erotik-Groteske ging, als vielmehr mit den Mitteln ähnlicher Filmstoffe die westliche Konsumgesellschaft zu kritisieren. So ist „Carne“ dann auch eine (nicht ganz so geglückte, aber interessant gescheiterte) Parabel auf eine Welt, in der alles – selbst der Partner – konsumiert, besessen und letztlich „aufgegessen“ werden muss.
Vorwürfe der Blasphemie blieben natürlich nicht aus. Immerhin damit kannten sich Queen ja auch aus – für „Bohemian Rhapsody“ und das Video zu „It’s A Hard Life“ gab es von Kirchenwächtern Zunder. Eine überraschende Stellung hat „Innuendo“ im Zusammenhang mit „Carne“ aber schon: Später war kaum einmal mehr ein Song der Briten in einem ähnlichen Arthouse-Quark zu hören.
„Carne“ gibt es derzeit kostenlos im Stream bei Amazon Prime Video