Foo Fighters live in Berlin: Einer geht noch …!
Erst Gewitterwarnung, dann über zweieinhalb Stunden Druckbetankung und am Ende ein Feuerwerk: So war die Show im Olympiastadion.
Der Start in den ersten Abend des Julis war ein denkbar schwieriger. Denn nachdem bereits Fat Dog und Idles das Olympiastadion so weit vorbereitet hatten, dass man sich in der Masse durchs Aneinandertanzen langsam weniger anonym und mehr wie ein gemütliches Crowd-Knäuel empfand, musste schon vom Feier- in den Survival-Modus geschaltet werden: Eine Gewitterwarnung wurde ausgesprochen.
Im Eiltempo räumte man kurzzeitig den Innenraum. Während sich die Menschen auf die Ränge drängten, war vor allem das Rascheln der ausgepackten Regencapes zu hören. Ungewissheit machte sich breit, und Nervosität kam hinzu, als selbst so mancher Bierverkäufer kein Bier mehr zur Überbrückung anzubieten hatte. Es war also klar: Wenn die Foo Fighters erst einmal die Berliner Bühne betreten, muss das Publikum ganz neu eingefangen werden.
Aber wenn Dave Grohl eine Sache kann, dann ist es, die Leute abzuholen. Rund 40 Minuten später als erwartet durften die Foo Fighters zum Opener ansetzen. Grund genug für die 1994 gegründete Band, direkt mit einer XL-Hitdichte ins Konzert einzusteigen. „All My Life“ grölte Grohl aus rotem Nebel hervor, schob mit gleicher Intensität und vielen „Motherfuckers“-Zwischenrufen „The Pretender“ hinterher und ließ bei „Times Like These“ die Menschen, neu vereint im Stadion, einander in die Arme fallen.
Der Setlist-Aufbau funktionierte so gut geölt wie die Band selbst. Die Foos überzeugten mit einer Soundwand, die ihr versiertes Zusammenspiel unterstrich, sie dabei aber eben auch nicht steinalt wirken ließ. So wie es Grohl der Menge entgegenschrie: Sie hatten etwas für die Oldschool-Fans dabei, wollten aber auch die anwesenden Neulinge unbedingt für sich gewinnen. Mit „echtem Rock ’n’ Roll“, wie der 57-Jährige gerne kaugummikauend betonte.
Hände hoch, mitsingen, mitklatschen, mittanzen: Das Showkonzept kennt er eben auswendig. So teaserte Grohl gekonnt immer wieder an, dass die Masse kein gewöhnliches Konzert bekommen würde, sondern das längste überhaupt. Schließlich sei der Hauptstadt-Gig auch ihr bislang größter in Deutschland. So geht Spannung erzeugen im Großformat: mit Superlativen und direkter Ansprache.
Dazu passte auch, dass viele Besucher:innen Merch der US-Rocker trugen und nur wenige andere Bandshirts zu sehen waren. Die Foo Fighters bedachten die Anwesenden entsprechend mit Liedern aus den verschiedensten Ären – darunter auch Tracks, die bereits über 20 oder sogar 30 Jahre alt sind. Die Euphorie beim Wiedererkennen der ersten Akkorde von „Big Me“, „Monkey Wrench“, „Learn to Fly“ oder „My Hero“ hielt über die gesamten zweieinhalb Stunden an.
Für zusätzliche Höhepunkte sorgte das Sextett, indem es zwischenzeitlich von der Main Stage auf eine kleinere Bühne wechselte, die weiter ins Stadion hineinragte. Dort wurde auch einmal von den schnellen, druckvollen Songs in einen akustischen Moment übergegangen. Ein Gefühl von Nähe und Kennenlernen bei einer Veranstaltung dieser Größe zu erzeugen, ist schon eine Kunst. Die Foos beherrschten sie.
Insbesondere als Dave Grohl alle Mitglieder vorstellte, indem er zunächst salbungsvolle Worte für sie fand und anschließend gemeinsam mit ihnen Stücke aus ihren früheren Bandkarrieren anstimmte. So wurden Songs von No Use for a Name oder Sunny Day Real Estate plötzlich einem zigtausendköpfigen Publikum nähergebracht. Das hatte schon was. Genauso wie das Drumsolo des neuen Schlagzeugers Ilan Rubin, der trotz minutenlangen Geklöppels zu fesseln wusste.
Man könnte sagen, dass es kein Halten mehr auf den Sitzen gab, als Rubin und Grohl für einen Song die Plätze tauschten und beim Blick auf den Drumhocker Erinnerungen an Nirvana-Zeiten aufkamen. Wie ein wirklich kollektives Ausrasten im besten Sinne aussieht, war dann aber in Vollendung beim allerletzten Song des Abends zu erleben.
„Everlong“ war der Song, den die Foos noch spielen durften, bevor ihnen von der Location angeblich der Stecker gezogen werden würde. Schließlich war es schon weit nach 22 Uhr. Aber die Gruppe hatte eben Bock aufs Livespielen. Damit das auch die Besucher:innen auf den hinteren Rängen spüren konnten, zündeten sie ein Feuerwerk, das weit über die Bezirksgrenzen hinaus zu sehen gewesen sein muss. Silvestergeruch lag in der Luft, die Crowd sang entweder mit geschlossenen Augen den Ohrwurm mit oder filmte das Geschehen als Erinnerung für später.
In jedem Fall hatten es die Foo Fighters geschafft, dass alle ganz im Moment zu sein schienen. In diesem Riesenstadion. Mit dieser Band, die großzügig ihre Legacy-Songs auspackte und teilte und damit nachhaltig verdeutlichte, dass selbst bei Rockmusik noch einiges geht.
PS: Und das Gewitter? Verschonte das Olympiastadion letztendlich.