RS-Story



Coldplay: Der lange Marsch zum grünen Stadionkonzert


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Die Resonanz auf das neue Coldplay-Album „Music of the Spheres“ fiel zwiespältig aus. Einerseits Lob für ihren Aufbruch in neue Soundwelten. Andererseits setzte es Prügel für Kitsch und Weltraum-Bombast, garniert mit „Ole, Ole, Ole“-Stimmungschören im Song „Infinity Sign“.

Weit mehr Aufsehen allerdings bekam ihre Ankündigung, die kommende Welttour streng ökologisch bestreiten zu wollen. Das ist zwar nichts Neues. Bereits die 2008er-Konzerte von Radiohead zu „In Rainbows“ wollten so klimaneutral sein wie seinerzeit möglich. Doch seinerzeit gab es weder „Fridays For Future“ noch Flutkatastrophen am Rotwein-Flüsschen Ahr.

Seit Jahren wird geforscht

Coldplay also massiv im Trend. Begleitet vom Stochern im Nebel, gerade im Hinblick auf praktische Fragen. Wie ist der CO2-Fußabdruck von Judas-Priest-T-Shirts? Dürfen Superstar-DJs per Privatjet ans Mischpult in Miami düsen? Und überhaupt: Passen Öko und Rock´n`Roll überhaupt zusammen? Entsteht dabei eine neue Ästhetik, eine progressive gar? Oder sind wir dann schnell beim Evangelischen Kirchentag…?

Vielerorts wird geforscht. Massive Attack etwa arbeiten mit den Wissenschaftlern des Tyndall Centre for Climate Change zusammen, um „kohlenstoffarme“ Events zu konzipieren. Und auch Billie Eilish oder die Dave Matthews Band kündigten umweltfreundliche Tourneen an. Bei den Nachhol-Terminen im Jahr 2022 wird man sich davon überzeugen können. Coldplay wiederum formulieren bereits einen konkreten Öko-Maßnahmen-Katalog. Dickschiff-mäßig in Kooperation mit dem amerikanischen Konzert-Imperium Live Nation. Industrie-Partner wie der Münchner Autobauer BMW steuern Technik und Marketing-TamTam dazu.

Wird Pop wieder radikal?

Ein Kommentar des „NME“ sieht darin einen Präzedenzfall „auch andere große globale Acts zu inspirieren, ermutigen, tugendhaft zu beschämen, diesem Beispiel zu folgen“; selbst Rammstein mit ihrem gigantischen Pyro-Geballer. Popmusik, so wird postuliert, wird damit wieder zur Plattform für radikale und fortschrittliche Ideen.

Während der langen Covid-19-Zwangspause, die in Deutschland mit dem 15. März 2020 begann, wurde auch für den Konzert-Betrieb formuliert, es könne auf keinen Fall mehr so weitergehen wie früher. Doch jetzt, wo es glücklicherweise wieder losgeht mit den Liveshows, muss man eben feststellen, dass keine Indie-Band, die per Kleinbus von Münster nach Bremen tourt, mobile, wiederaufladbare Show-Batterien dabeihat, die BMW aus dem Recycling ihres Elektro-Mobils i3 zur Verfügung stellt. „Dieses kleine Kraftwerk soll den CO2-Fußabdruck aller Live-Auftritte von Coldplay verringern“, heißt es dazu im entsprechenden PR-Text.

Auch die Solaranlagen aus dem Coldplay-Welttour-Arsenal, die Elektrofahrräder und Generatoren, die mit hydriertem Pflanzenöl betrieben werden, haben bislang nur einen eher symbolischen Charakter. Genauso wie die Fans, die per Hüpfen auf dem Stadionboden zur Energie-Erzeugung beitragen sollen. Sollten sich diese Techniken in der Praxis bewähren, könnten daraus Prototypen für andere Tourneen und Festivals werden. Auch außerhalb der Welt von millionenschweren Musikern mit Öko-Kitsch-Verdacht.

Auch wenn das alles nicht gerade COOL klingt und es leichtfällt, darüber Witze zu reißen, bleibt dem internationalen (Groß-)Konzert-Betrieb nichts anderes übrig, als künftig tausend Coldplays blühen zu lassen.