Nachruf

Die leidende Jukebox: Zum Tod des Songwriters und Dichters David Berman

Vor ein paar Wochen erst saß ich in einem Radiostudio, um mit Kollegen über das neue Album der Purple Mountains zu diskutieren. So hieß die neue Band, oder besser: das neue Projekt des amerikanischen Songwriters David Berman, der in den Neunzigern als Sänger der Silver Jews schon eine kleine Kultgemeinde um sich geschart hatte.

Sein Leben lang litt er an einer starken Depression, die er auch in seinen neuen Liedern mit Titeln wie „All My Happiness Is Gone“ und „Darkness And Cold“ thematisierte. Wir rühmten ihn dafür, wie offen er damit umging, erkannten im Kontrast zwischen den dunklen Texten und der melodiösen, manchmal gar hymnischen Musik die zwei Seiten dieser tückischen Krankheit. In der Nacht auf den 8. August verkündete seine Plattenfirma Drag City, David Berman sei einen Tag vor Beginn seiner US-Tour verstorben. „The dead know what they’re doing when they leave this world behind“, sang er geisterhaft auf seinem neuen Album, das ich auflegte, nachdem ich von seinem Tod erfuhr.

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1989 hatte Berman zusammen mit seinen Studienfreunden Stephen Malkmus und Bob Nastanovich die Silver Jews gegründet. Dass seine beiden Mitstreiter wenig später mit ihrer etwa zur gleichen Zeit entstandenen Zweitband, Pavement, ziemlich erfolgreich wurden, ließ die Silver Jews immer wie ein Nebenprojekt erscheinen, doch das waren sie mitnichten.

Absurder Humor

Berman war ein überaus talentierter Songwriter, auch wenn man das auf der ziemlich krachigen Debüt-EP „Dime Map Of A Reef“ nur erahnen kann. Er selbst, der zu jener Zeit im New Yorker Whitney Museum jobbte, bezeichnete das Werk als Konzeptkunst – es sah aus wie eine ganz normale Platte, war aber eigentlich unhörbar. Sein schräger, der Depression abgerungener Humor bestimmte auch die weiteren Silver-Jews-Platten, auf denen Berman sich als äußerst origineller Texter offenbarte – eine Mischung aus Richard Brautigan und John Prine, könnte man sagen.

Malkmus und Nastanovich spielten nach dem ersten Album, „Starlite Walker“ von 1994, bei den Silver Jews kaum noch eine Rolle. Musiker von den Pernice Brothers, Lambchop und anderen Bands halfen bei den Aufnahmen aus. Konzerte gab es eh keine, Berman unterhielt die Silver Jews als Schreibtisch- und Studioprojekt. 1998 erschien sein wohl bestes Album, „American Water“, kurz darauf seine wundervolle Gedichtsammlung „Actual Air“. Er zog nach Nashville und heiratete. Doch die Depression blieb ein ständiger Begleiter, er versuchte sie in großer Verzweiflung mit Crack und Heroin zu bekämpfen, unternahm einen Selbstmordversuch. „There is a place past the blues/ I never want to see again”, sang er auf dem Album “Tanglewood Numbers” (2005) über diese Zeit.

Er begann, die Torah zu studieren und ging mit einer Band, zu der auch seine Frau Cassie am Bass gehörte, auf die erste Silver-Jews-Tour. 2007 gaben sie auch zwei Konzerte in Tel Aviv und besuchten Jerusalem, wie man in der Dokumentation „Silver Jew“ von Michael Tully und Matthew Robinson sehen kann. Es klingt wie einer dieser schrägen Berman-Witze, dass eine Band mit dem Namen Silver Jews auf Missionsreise nach Israel fährt, aber es war tatsächlich eine Art Nachhausekommen. Das nächste Silver-Jews-Album „Lookout Mountain, Lookout Sea“ klang, als sei Berman irgendwo angekommen, auch wenn ausgerechnet das eingängige Country-Pop-Stück „Suffering Jukebox“ etwas anderes erzählte:

„Suffering jukebox in a happy town
you’re over in the corner breaking down
they always seem to keep you way down low
the people in this town don’t want to know”

Im Mai 2008 traf ich Berman anlässlich eines Konzerts der Silver Jews in Hamburg zum Interview. Das heißt, eigentlich habe ich keine einzige Frage gestellt. Er hat eine Stunde lang durchgeredet und dabei jeden Blickkontakt vermieden. Am Ende sagte er, wie dankbar er sei, dass man ihm in Deutschland so kluge und einfühlsame Fragen stelle und er an Orten wie der Hamburger Fabrik vor vielen Leuten spielen dürfe. So viele waren es dann leider gar nicht. Vielleicht 20 Fans verloren sich im Saal. Im folgenden Jahr löste Berman die Silver Jews auf. Als Grund nannte er, der nach der Trennung seiner Eltern bei seiner Mutter aufwuchs, die Scham darüber, der Sohn von Rick Berman zu sein, einem knallharten Lobbyisten der Genuss- und Nahrungsmittelindustrie, der sich gegen das Verbot von Alkohol am Steuer aussprach und später von der „Huffington Post“ in „America’s Ruling Class Hall of Shame“ gewählt wurde.

Berman zog sich in sein kleines Haus in Nashville zurück, las Bücher, schrieb Songs mit Dan Auerbach von den Black Keys und nahm ein nie erschienenes Album mit der kanadischen Psychedelic-Band Black Mountain auf. Vor 5 Jahren starb seine geliebte Mutter, ein Jahr später sein bester Freund, der Musiker Dave Cloud, kurz darauf ging seine Ehe zu Bruch, er zog in eine Einzimmerwohnung über dem Büro seiner Plattenfirma Drag City in Chicago und begann Songs zu schreiben, in denen er seine Krisen und Kränkungen verarbeitete – allerdings mit dem ihm eigenen sprachlichen Witz und einer melodiösen Einfachheit, in der sowas wie Hoffnung steckte.

Er unternahm mehrere Versuche, die Lieder aufzunehmen. Unter anderem mit Wilcos Jeff Tweedy und dem kanadischen Songwriter Dan Bejar alias Destroyer. Schließlich fand er in der New Yorker Band Woods die richtige Begleitung. Er nannte das neue Projekt „Purple Mountains“, nach einer Songzeile in „America The Beautiful“, der inoffiziellen Nationalhymne der USA. Schon im ersten Song redete er Klartext:

“Well, I don’t like talkin’ to myself
But someone’s gotta say it, hell
I mean, things have not been going well
This time I think I finally fucked myself
You see, the life I live is sickening
I spent a decade playing chicken with oblivion
Day to day, I’m neck and neck with giving in
I’m the same old wreck I’ve always been”

Sehr viele Menschen waren sehr froh, das „alte Wrack“ zurück zu haben, auch die Kritik war begeistert von „Purple Mountains“. Es sollte das Vermächtnis einer verlorenen Seele sein, die immer die richtigen Worte fand.

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