Die letzten Klänge von Amy Winehouse: Neue Songschnipsel aus „Lioness: Hidden Treasures“


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Sehen Sie hier den neuen Trailer zum Album „Lioness: Hidden Treasures“, das bei uns am kommenden Freitag erscheint:

Hier ist der Clip zu „Our Day Will Come“, der noch einmal die Amy Winehouse zeigt, die man heute so vermisst. Lesen Sie im Anschluss unser Feature über die letzten Klänge und Tage der Amy Winehouse:

Amy Winehouse – Our day will come (Official video)

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Im Frühjahr 2009 arbeiteten Amy Winehouse und ihr Produzent Salaam Remi im neuen Studio, im Dachboden ihres Hauses im Londoner Stadtteil Camden. Gitarre spielend sang sie eine verheerende Version von Leon Russells „A Song For You“ – eine schmerzerfüllte Ballade über das Leidwesen eines Entertainers – in ein kleines Handmikrofon. Während sie sang, begann sie zu weinen. „Es war wirklich so, als sänge sie über sich selbst“, erinnert sich Remi. „Sie steckte all ihr Herzblut in diesen Song.“

Diese Aufnahme ist das emotionale Finale von „Lioness: Hidden Treasures“ (das am 02. Dezember hierzulande erscheinen wird), eine Sammlung bisher unveröffentlichter Songs, die ihre gesamte Karriere umfassen. Zusammengetragen wurden sie über ein paar Wochen im Oktober von Remi, Mark Ronson, der sonst hauptsächlich ihre Platten produziert hatte, und ihrer Familie.

Die Meldung über die Veröffentlichung des Albums kam nicht einmal eine Woche nach der gerichtsmedizinischen Anhörung am 26. Oktober, in der ihre Todesursache endgültig bekannt gegeben wurde. Mitch und Janis, die Eltern von Amy Winehouse, saßen still im kapellenartigen Gerichtssaal, als die stellvertretende Gerichtsmedizinerin Suzanne Greenaway erklärte, dass Winehouse am 23. Juli an „misadventure“ verstorben war – ein britischer Fachterminus für einen Unfall. Ein Pathologe sagte aus, dass die Menge an Alkohol, die in ihrem kleinen Körper gefunden worden war, etwa dem fünffachen des Promillegehalts entsprach, mit dem man noch Autofahren darf – etwa das Äquivalent zu 12 Drinks.

Die Untersuchung brachte tragische Erkenntnisse über die letzten Tage im Leben von Amy Winehouse. Laut ihrer persönlichen Ärztin Cristina Romete war Winehouse fast den ganzen Juli über nüchtern gewesen, hatte aber am 20. Juli wieder begonnen zu trinken. Romete hatte Winehouse zum letzten Mal am Abend vor ihrem Tod getroffen. „Sie war ruhig und klar“, erzählte Romete. „Ich würde sagen, dass sie angetrunken war, aber sie lallte nicht und war in der Lage, sich zu unterhalten.“ Obwohl Winehouse bei einem Psychologen in Behandlung gewesen war, sagte Romete aus, dass Winehouse „sich gegen jede Art von Therapie wehrte… Sie hatte ihre eigenen Ansichten und war entschlossen, alles auf ihre Art und Weise zu machen.“

Einer der Gründe, weswegen Winehouse mit dem Trinken aufgehört hatte, war ihr katastrophales Konzert in Belgrad am 18. Juni. Während des ersten Termins ihrer geplanten Europatour lallte die Sängerin auf der Bühne, vergaß ihren Text und brach schließlich auf der Bühne zusammen. „Amy hatte das Gefühl, dass sie in Serbien alle im Stich gelassen hatte, und es tat ihr unglaublich leid“, so eine enge Bekannte der Familie. „Danach folgte eine Periode der Abstinenz vom Alkohol.“

Andrew Morris, ihr Leibwächter, der auch bei ihr lebte, bestätigte, dass Winehouse am Abend ihres Todes alleine zu Hause Musik gehört und Ferngesehen habe. Er sah um 2.00 Uhr morgens nach ihr, kurz bevor er schlafen ging, und noch einmal um 10.00 Uhr morgens, wo er sie schlafend vorfand. Aber um 15 Uhr atmete Winehouse dann nicht mehr. Sanitäter wurden gerufen, doch diese konnten nur noch den Tod der Sängerin feststellen. Drei leere Flaschen Wodka wurden in ihrem Zimmer gefunden.

Während der Anhörung sprach Mitch Winehouse nur einmal, um den Namen und die Adresse seiner Tochter zu bestätigen. Später veröffentlichte die Familie ein Statement: „Es erleichtert uns gewissermaßen, dass wir nun wissen, was Amy passiert ist. Wir können nachvollziehen, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes Alkohol im Blut hatte – möglicherweise hatte es sich über die letzten Tage angesammelt. Das Gericht hat vernommen, dass Amy kämpfte, um ihren Alkoholkonsum zu überwinden, und es ist sehr schmerzlich für uns, dass sie diesen Kampf nicht rechtzeitig gewinnen konnte.“

Wegen ihres Kampfes gegen Drogen und Alkohol hatte Winehouse zwar nur zwei Stücke für den geplanten Nachfolger von „Back to Black“ fertigstellen können und viele unvollständige Songs hinterlassen. Diese zwei Stücke zeigen, welchen Weg Winehouse mit ihrer Musik einschlagen wollte. Das im Jahr 2008 aufgenommene „Between The Cheats“ über ihren damals Noch-Ehemann Fielder-Civil zeigt, dass sie ihre Melange aus modernem Pop und  Retropop fortführen wollte. In „Like Smoke“ rappt ihre enger Freund Nas, der seine Strophen nach ihrem Tod hinzugefügt hatte. „Why did God take away the homey?„, lautet eine Textzeile, und „I’m a firm believer that we all meet up in eternity„.

Als das Album zusammengetragen wurde, hatten Winehouses Label Universal und ihre Familie keine besonders hohen Erwartungen. „Mitch sagte zu mir, dass er vielleicht nach ein paar Songs den Raum verlassen müsse“, sagt Remi. „Er erwartete, ein Wrack zu hören. Das Label genauso. Aber als sie zuhörten, meinten sie: ‚Moment mal. Hier passiert doch was.'“

Tatsächlich ist das Album, das nach ihrem Tod mit Backgroundgesang und Streichern aufpoliert wurde, überraschend zusammenhängend. Eine 18-jährige Winehouse zeigt in einer Aufnahme von 2002 ihre frühes Begreifen der schlüpfrigen, mit Jazz angehauchten Ausdrucksweise des Bossa-Nova-Klassikers „The Girl From Ipanema“. Andere Highlights sind die gemäßigte, frühe Version von „Tears Dry“ vom „Back To Black“-Album, eine Version des Brill Building-Standards „Will You Still Love Me Tomorrow“ aus dem Jahr 2004 und eine Reggea-Aufarbeitung vom Ruby-and-The-Romantics-Song „Our Day Will Come“, in dem sich Winehouse vor Lauryn Hill verneigt. Da Winehouse davon geredet hatte, mit dem Drummer der Roots. Ahmir „Questlove“ Thompson, ein innovatives Jazz-Album zu machen, wurde er für das Outtake „Halftime“ vom Album „Frank“ ans Schlagzeug beordert.

Die CD beinhaltet außerdem die letzte bekannte Aufnahme der Sängerin, ein Duett mit Tony Bennett auf dem Jazz-Standard „Body And Soul“, das im März in London aufgenommen wurde. „Sie nahm diesen Jazz-Groove sofort auf und so wurde die Platte wirklich wundervoll“, sagt Bennett. „Ich versuchte, ihr die Drogen auszureden, aber ich hatte keine Chance.“

Ein paar Tage vor ihrem Tod chattete Winehouse mit Remi via Skype und erzählte ihm von ihren Plänen, auf die Hochzeit ihres ehemaligen Managers Nick Shymansky zu gehen. „Sie freute sich sehr drauf“, erzählt er. „Sie witzelte herum und redete darüber, was sie wohl anziehen wolle.“

Danach sollte Remi sie nicht wieder sehen. „Eines Tages wird irgendein Kind nach einem Amy-Album greifen und sagen: ‚Das ist wirklich inspirierend.‘ Genau wie sie von Billie Holiday inspiriert war“, meint er. „Sie war von Menschen inspiriert, die starben, bevor sie geboren wurde, und sie wird Menschen inspirieren, die noch nicht geboren wurden.“