Elton John über die Magie des Albums


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Grosse Alben sollten kurz sein – je kürzer, desto besser. Wenn ich eine CD mit 17 Tracks sehe, bin ich gleich genervt. Große Alben sind die, zu denen man immer wieder zurückkehrt – wie etwa Aretha Franklins „I Never Loved A Man The Way I Love You“. Es ist einfach eine perfekte Platte, die ich in regelmäßigen Abständen immer wieder auflege. „Exile On Main Street“ ist das beste Rock’n’Roll-Album, das je gemacht wurde – auch wenn es sogar 18 Tracks hat. Kanye Wests „808 & Heartbreak“ ist so sexy wie ein Marvin-Gaye-Album: Wann immer ich es höre, haut es mich um. Keine Frage: Singles sind fantastisch, und ich liebe natürlich auch Pop, aber das Album hat die populäre Musik positiv verändert.

Mein erstes Album war „Dusty“ von Dusty Springfield – was für eine unglaubliche Stimme! Und dann Marvin Gaye: „What’s Going On“ hat die schwarze Musik für immer revo-lutioniert. Wenn man ein derartiges Album auflegte, hörte man zunächst die erste Seite, atmete einmal tief durch und spielte dann die zweite. Es war wie ein magisches Ritual. Einmal kaufte ich mir vier große JBL-Lautsprecher, stellte sie in ein großes Zimmer meines Hauses und legte Kraftwerks „Trans-Europe Express“ auf. Ich rauchte einen Joint und glaubte ernsthaft, Gott begegnet zu sein.

In den Sechzigern und Siebzigern konnte man jede Woche zwölf Alben kaufen, die heute allesamt Klassiker sind. Ich erinnere mich noch, wie ich mein erstes Exemplar von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ kaufte: Es war 1967, und ich war gerade 20. Das Album hatte eins der ersten Klapp-cover, und auf dem Rückweg musste ich mein Rad einhändig steuern, weil ich das schöne Cover nicht ruinieren wollte. Es war, als habe jemand gerade etwas völlig Neues erfunden. „Revolver“ hingegen war das Album, bei dem die Beatles zu einer wirklichen Band wurden – im Sommer 1966 drehte sich alles um „Revolver“.

Das zweite The-Band-Album veränderte mein Songwriting grundlegend, während „Chet Baker Sings“ eine der bewegendsten Platten aller Zeiten ist. Gott sei Dank nehmen Musiker noch immer Alben auf. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Song aus dem Netz runtergeladen und plane auch nicht, das in Zukunft zu tun. Ich erinnere mich noch daran, wie ich einmal zu einer Show fuhr und Eminems „The Marshall Mathers LP“ im Auto hörte. Ich konnte einfach nicht abschalten und war geradezu in Trance, weil die Energie so elektrisierend war. Arcade Fires „Neon Bible“ bewirkte Ähnliches bei mir: Das Album scheint dich beim Hören geradezu anzuspringen.

Das Album wird auch in Zukunft überleben – Adeles „21“ ist dafür das beste Beispiel. Die Leute werden davon gerührt: Es verändert die Art und Weise, wie sie ihr Leben empfinden, es macht sie glücklich oder traurig. Es ist einfach ein großartiges Album – und übermäßig lang ist es auch nicht.

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