aktuelle Podcast-Folge:

Highlight: Diese berühmten Persönlichkeiten haben (angeblich) das Asperger-Syndrom

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Plappern im Orgelhaus der aufgehenden Sonne

Folge 177

Vor ein paar Tagen sah ich in der Sendung des Fußballexperten Arnd Zeigler den Organisten Franz Lambert. Ich hatte Franz Lambert wohl 200 Jahre nicht mehr gesehen und war einigermaßen erstaunt: Franz Lambert sah immer noch aus wie Franz Lambert. Aber nicht in der Weise wie Claus Theo Gärtner (Matula) immer noch aussieht wie Claus Theo Gärtner (Matula), sondern viel besser.

Das bedeutet entweder, dass Franz Lambert damals, als er in den 70ern halb Deutschland und damit (freilich nur „aus der Konserve“) auch den Partykeller meiner Eltern beorgelte, ein ziemlicher Jungspund gewesen sein muss. Oder es bedeutet, dass Franz Lambert extrem gesund gelebt hat. Letzteres glaube ich nicht, denn Organisten sind nach meinem Dafürhalten ziemliche Schluckspechte, wobei ich nicht von meiner bescheidenen Kenntnis des Organistenwesens auf Franz Lambert schließen möchte.

„Wunschmelodien, die man nie vergisst“ von Franz Lambert auf Amazon.de kaufen

Franz Lambert war popkulturell in den 70ern tatsächlich eine ziemlich große Nummer und genoss im Hause meiner Eltern einen ausgezeichneten Leumund. Heute glaube ich, mein Vater selig, selbst ein ausgezeichneter Organist, verehrte damals im Grunde weniger Franz Lambert als dessen Instrument, das ungeahnte technische Möglichkeiten bot.

Franz Lambert veröffentlichte 107 Alben!

So eine Wersi-Orgel hätte mein Vater nur zu gerne auch gehabt, aber er konnte sie sich nicht leisten. In den Partykellern solventerer Freunde hingegen stand manchmal so ein Gerät herum, und wenn sich mein Vater daransetzte und anstrengungslos Evergreens wie „Red Roses For a Blue Lady“, „The Lady Is A Tramp“ oder „Mr. Sandman“ miteinander verwob, war er der lässigste Vater der Welt.

71 ist Lambert jetzt, so alt wie mein Vater als er 1997 starb. Was noch viel mehr erstaunt als sein ewig jugendliches Aussehen: Der Mann veröffentlichte bislang 107 Alben! 69 mehr als der sechs Jahre ältere Bob Dylan, der schon ein ganzes Jahrzehnt vorher mit dem Plattenmachen angefangen hat. Sicher, Lambert ist vorrangig Interpret fremden Lied-Materials, da orgelt man schnell 107 Alben voll. Aber er hat auch selbst komponiert, unter anderem die offizielle FIFA-Hymne. Auch die offizielle DFB-Hymne stammt von Lambert.

Die Kreativität des Heppenheimers scheint massiv vom Ballsport getriggert zu werden. Von Bob Dylan – der Notre-Dame der Rockmusik – weiß man wenig über die künstlerische Anregung durch den Ballsport, sieht man vom eher unbekannten 70er-Outtake „Catfish“ ab, in dem recht kryptisch der Baseballspieler Jim Hunter besungen wird. Wobei es natürlich irrsinnig gut zu Bob Dylan passen würde, wenn er seine Fans verdutze, indem er eine offizielle Baseball-Hymne schriebe. Eine Baseball-Hymne wäre der Dylan-Move, der noch ausstünde.

Das Publikum braucht Ansagen

Ob Franz Lambert bei Konzerten zwischen den Liedern jovial daherplaudert, weiß ich nicht. Bob Dylan spricht bekanntlich gar nicht auf der Bühne. Bis auf neulich in Wien – da unterbrach er plötzlich ein Lied, weil er sich vom Blitzen der Mobiltelefone im Publikum gestört fühlte. „We can either play or pose“ grunzte Dylan suggestiv ins Rund. Für Fans eine mittelschwere Sensation.

Ich finde es begrüßenswert, wenn Künstler ihr verirrtes Publikum maßregeln. Die Zeiten sind so, man muss das machen. Es gibt schlicht zu viele Menschen, die nicht schnallen, dass Kunsterleben nicht der armseligen Inszenierung des Dabeiseins bedarf. Knipser und Plaudertaschen gehören ermahnt, zumal wenn sie vorrangig zum Knipsen und Plaudern gekommen zu sein scheinen. Manchmal muss man als Zuhörer auch selbst einschreiten. So tat es unlängst ein Freund, der auf einem Konzert der Goldenen Zitronen weilte. Das Publikum befand sich, so war zu hören, in massiv feierwütiger Stimmung, was nicht so recht zur Haltung der Band passen wollte.

Irgendwann setzte im Nacken meines Freundes hartnäckiges Geplapper ein. Als er sich nach einer Weile umdrehte und darum bat, dass man ihn doch bitte in Ruhe dem Konzert zuhören lassen solle, entgegnete einer der Plapperer: „Das hier ist ein Konzert, ich kann reden soviel ich will. Wenn du deine Ruhe haben willst, geh ins Theater!“ Mein Freund war so perplex über diesen seltsamen Satz, dass er sogleich das Konzert verließ und ins Theater ging.

Es sei festgehalten, dass dieser Satz neben einigen Kommentaren zu Notre-Dame das Betrüblichste darstellt, was in letzter Zeit zum Thema „Wertschätzung von Kunst“ zu hören war. Stichwort: „Leute, es ist nur ein Gebäude“. Ja, das ist es. Nur ein Gebäude, errichtet zudem von einer fragwürdigen Sekte. Musik ist ja auch nur Musik. Kann man auf Spotify umsonst hören und braucht keine dämlichen überteuerten Doppel-Vinyls. Zudem wird sie nicht selten von Leuten gemacht, die ethisch nicht alle Latten am Zaun haben. Und natürlich kann der Konzertquatscher soviel reden, wie er will. Schade ist nur, dass er es will.

Verbieten lassen will man sich nichts

Kritik an dieser Haltung hat übrigens nichts mit „konservativ“ zu tun. Es ist keineswegs so, dass die Konzertquatscher von der dargebotenen Musik aufgepeitscht den Umsturz organisieren oder lautstark den Bühnenvortrag kreativ in völlig ungeahnte Dimensionen weiterdenken würden. In der Regel werden Grillabende geplant, umständlich die Rückgabe von Bierbechern organisiert oder andere RTL-Themen beredet, die sich ebenso gut während öder Fußballspiele besprechen ließen.

Es ist diese ganz und gar widerliche FDP-Attitüde, die hier am Werk ist: Alles muss verfügbar sein, am besten in geiler Event-Darreichung, gern ist man überall angesoffen dabei, lässt sich von niemandem nichts verbieten, schnell noch ein Foto, guck mal hier: da war ich letzte Woche im Urlaub, und überhaupt: Fun, Fun, Fun.

Ted Gaier von den Goldenen Zitronen ist Dylan-Fan. Wie er zu Franz Lambert oder Notre Dame steht, weiß ich nicht. Ob Lambert je Dylan-Songs georgelt hat, ist mir auch nicht bekannt. Aber auf der Franz Lambert-Platte, die ich nach dem Tod meines Vaters erbte und bis heute aufbewahre, findet sich eine wahrlich funkensprühende Version des Traditionals „House of the Rising Sun“. Neben Dylans Version ist es meine liebste. Aber bedenken Sie: Das Freudenhaus der aufgehenden Sonne ist auch nur ein Gebäude.

Peter Bischoff Getty Images
Bettina Wolf
Werbung

Jetzt in die Zukunft starten mit den neuen MagentaMobil Tarifen

Ab sofort inklusive 5G*. Jetzt in die Zukunft starten!

Mehr Infos

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bomben und Schwertfische

Folge 186 Wenn Sie diese Zeilen lesen, weilt Ihr ergebener Autor im Zuge eines ausgedehnten Sommer-Praktikums auf einer kalabresischen Oliven-Ranch. Man bekommt hier nicht viel mit. Manches aber schon. Vor ein paar Wochen etwa jährte sich zum 25. Mal der Todestag des großen italienischen Sängers Domenico Modugno. In den Timelines meiner Social-Media-Kameraden habe ich nirgends eine Wertschätzung entdecken können, hier unten in Italien war der Jahrestag ein Nachrichtenthema. Zu Recht! Modugno war – ähnlich wie Gilbert Bécaud – einer dieser Menschen, die für die Bühne geboren wurden. Man schaue sich nur einmal an, wie der Mann aus Apulien 1955 in…
Weiterlesen
Zur Startseite