Eric Pfeils Pop-Tagebuch: The Forgotten Indie Classics Series Teil 3

Folge 181

Da Teil 1 und 2 meiner kleinen Rückschau auf vergessene Indie-Perlen von Anno Pief so schlecht ankam, folgt sogleich Teil 3. Wieder geht es Indie-Alben lang vergangener Tage, deren Loblied allzu selten angestimmt wird. Yippie!

Brian Ritchie – Sonic Temple and Court of Babylon (1988)

Das zweite Solo-Werk des Violent Femmes-Bassisten ist eine der untypischsten Platten, die der Katalog des SST-Labels vorzuweisen hat. Bei den Violent Femmes war Richie neben dem manischen Gordon Gano so etwas wie der entspannte Hippie-Clown. Was macht so jemand für eine Solo-Platte? Genau: eine entspannte Hippie-Clown-Platte. „Sonic Temple“ ist eine quietschbunte Pop-Revue, die Exotica, Cowpunk, Pubrock, Folk, Psychedelia und Funkrock zusammenfinden lässt.

Kalimbas, Zithern, Maultrommeln, Tablas und tibetanische Glocken ergänzen ausgesprochen organisch das Band-Instrumentarium. Manchmal wird gar zu voodooeskem Percussion-Geklöppel in Muscheln geblasen – so ernsthaft, wie man das eben tun kann, denn Ritchie mag zwar ein Clown sein, aber er ist weder Zappa, noch Ween. Zynismus und Zoten liegen ihm fern, wie etwa „Christian For One Day“, ein todernstes Stück über die Bigotterie des Weihnachtsfests, oder seine Ode an Sun Ra demonstrieren. „Sonic Temple“ ist ein Album, das dem Begriff Eklektizismus etliche neue Bedeutungsaustülpungen hinzufügt; nahezu jeder Strophe-Refrain-Wechsel markiert hier einen Genre-Bruch.

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Richies Zweitwerk zeigt, was passiert, wenn Punks Weltmusik machen wollen. Ich vergebe sieben Blasemuscheln.

Ruth’s Refrigerator – Suddenly A Disfigured Head Parachuted (1990)

Nachdem sich seine Band The Deep Freeze Mice aufgelöst hatte, gründete Alan Jenkins 1986 mit dem Sänger Terry Burrows alias Yukio Yung die noch tolleren The Chrysanthemums, ein Sixties-verknalltes Weird-Pop-Projekt, dem ich geneigt bin, den Titel „Englischste Band aller Zeiten, XTC eingeschlossen“ zu verleihen. Nachdem auch The Chrysanthemums 1990 Geschichte waren, unterhielt der umtriebige Jenkins kurz die Band Ruth’s Refrigerator. Der Hauptunterschied zu The Chrysanthemums bestand darin, dass statt des nasalen Gesangs Yukio Yungs hier der nasale Gesang Ruth Millers zu hören war.

Dieser Gesang nun könnte polarisieren: Ruth Millers Vortrag ist so derart piepsvogelhaft, dass im Vergleich manch andere Schrammelband-Sängerin jener Ära wie eine grimmige Ballettschulenleiterin Dario Argento’schen Ausmaßes erscheint. Hinzu kommt: Ruth Miller ist nicht eben intonationssicher.

Doch wie so oft bei großer Kunst sorgt die unverhohlen ausgestellte Unperfektion erst für die Zuckerglasur auf dem Sonntagsbraten. Auf dem vorliegenden zweiten Album spielt die Band bis in die hintersten Ecken durchkomponierten Pop Beatles-scher Prägung, ausgeführt mit Schülerband-hafter Rappeligkeit und versehen mit Texten, die Menschen mit Vorliebe für blöde Wörter womöglich als „Python-esk“ beschreiben würden. Wie bei allen guten englischen Bands wird viel über Fisch gesungen. Tolle Platte für schrammelfreudige Tee-Exzentriker. Ich vergebe acht Andy Partriges.

Daevid Allen & Kramer – Who’s Afraid (1992)

Während der New Yorker Zauberproduzent Kramer sonst bevorzugt zeitgenössische Off-Troubadoure und örtliche Krachmacher ins Studio zerrte und dort mit seinem Treatment bedachte, arbeitet er hier mit dem damals 54-jährigen „Hofnarr des Hippierock“ (Daily Telegraph) Daevid Allen zusammen. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß far out.

Daevid Allen, den ich mit fast 80 noch im Zaubererkostüm auf der Bühne erleben durfte (Also: Er trug das Kostüm, nicht ich), war neben Syd Barrett und Kevin Ayers stets mein Lieblingshippie: Mit der Pilzfresser-Kommune Gong kreierte er epische Quatsch-Werke über fliegende Teekessel, elektrische Camemberts und Radiozwerge und verfügte über mehr Humor als alle Siebziger-Freakbands zusammen.

Es gilt dennoch festzuhalten, dass die Vorgänge auf „Who’s Afraid“ von Produzent und Multi-Instrumentalist Kramer dominiert werden, der wieder reichlich Stimm-Samples, Hallgeräte und Percussion-Gerät auffährt. Allen tritt nur vergleichsweise selten in den Vordergrund, etwa beim barocken Folk-Gespinst „C’Est La Maison“ oder beim protestlerischen Acid-Rocker „Quit Yr Bullshit“. In den besten Momenten verpassen die beiden Hippies dem Konzept „psychedelische Rockmusik“ tatsächlich einen unangestrengt zeitgemäßen Rahmen. Ich vergebe siebeneinhalb Fliegenpilze.

Timbuk 3 – Greetings From Timbuk 3 (1986)

Ein Fall von „Seinerzeit einigermaßen erfolgreich, aber trotzdem vergessen“. Mit ihrem Debütalbum machte das Ehepaar Barbara K und Pat MacDonald die Platte, die Bob Dylan 1986 gerne hinbekommen hätte. Begleitet von Beats aus dem Ghettoblaster zauberte das Paar aus Blues und Folk amerikanischen Pop und bekam mit dem Eröffnungssong „The Future’s So Bright I Gotta Wear Shades“ gar einen veritablen MTV-Hit hin.

Producer Mike Herring betreute später das Schaffen von so unterschiedlichen Bands wie Camper van Beethoven, Modest Mouse und The Hives. Hier versieht er die Vorgänge mit einem wuchtigen Protestsänger-in-Pink-Sound. Mancher mag dem Klang der Platte heute wenig abgewinnen können, aber ich liebe diese Mischung aus amerikanischer Kernigkeit, unverhohlenem Hitwillen und flugzeugträgergroßen Linn-Drum-Snare-Sounds. In den Folgejahren machten die MacDonalds noch weitere Alben, die ich aber alle nicht kenne, 1995 löste sich das Duo auf.

Das Debüt bleibt Timbuk 3s beste Platte – man sollte allerdings kein Problem mit bluesigem Mundharmonikaspiel-Spiel und Mitachtziger-Drums haben. Ich vergebe siebeneinhalb Sonnenbrillen.

Swell – Well (1991)

Das Quartett Swell aus San Francisco zeichnet verantwortlich für einige der faszinierendsten Platten der frühen 90er Jahre. Die Gruppe um den Sänger und Gitarristen David Freel kultivierte seinerzeit einen höchst atmosphärischen Mix aus Psychedelia und Post-Punk, der bis heute seinesgleichen sucht. Auf der Bühne war man bemüht, hinter die Musik zurückzutreten und spielte gerne im Dunkeln.

„Well“, die zweite Platte von Swell, ist ihr Meisterwerk: ein abstrakter, gleichwohl treibender Psych-Post-Punk-Hybrid, der von Freels perkussiver Akustikgitarre dominiert wird. Swell werfen Pink Floyd, Noise, Folk und Ennio Morricone zusammen – und klingen dabei völlig einzigartig und mysteriös. Die „Hits“ der Platte – „At Long Last“, „Everything“ und „Down“ – sind spannungsgeladene Schleicher, deren inneres Brodeln vom ersten Moment an zu spüren ist. Einen Extrapunkt gibt es für Sean Kirkpatricks Schlagzeugspiel. Ich mag Bands, bei denen der Drummer eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat. Meisterwerk! Ich vergebe 10 Kirkpatricks!

Forgotten Indie Classics Series – lesen Sie hier:

Was nehmen wir mit aus dieser Kolumne?

Vielleicht dies: Man sollte öfter mal zünftig in eine Muschel blasen, zumindest wenn sie unbewohnt ist. Elektrische Camemberts haben mehr Spaß! Und Eidechsen sind U-Boote auf Gras.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Mystische Brüste und kastrierte Philosophen

Vor zwei Jahren habe ich eine neue Band gegründet, sie heißt DIE REALITÄT. Wir sind super: sehr laut – aber süß. It’s indie as fuck, wie meine Großtante zu sagen pflegte. Oder wie wir zu sagen pflegen: „Heute, wo sich niemand mehr für Bands interessiert, haben wir eine gegründet.“ Man nennt das womöglich antizyklisches Arbeiten. Oder man nennt es sonst irgendwie. Worauf ich hinaus will: Es ist für hiesige Indie-Musiker verführerisch, vergangene Zeiten zu glorifizieren: „In den späten Achtzigern wären wir groß gewesen! Spex-Titelbild mindestens!!“ Vor ein paar Tagen fand ich eine olle Spex-Ausgabe aus dem Jahr 1988: „The German…
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