„Fuck Axl!“ So war die Zeremonie der Rock and Roll Hall of Fame


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Als man am Samstagabend das Public Auditorium in Cleveland, Ohio zur 27. Rock and Roll Hall of Fame Induction Ceremony betrat, war es schwer, nicht an das 100. Jubiläum des Titanic-Untergangs zu denken. In den vergangenen Tagen hatten Axl Rose und Rod Stewart – zwei der größten Stars der Zeremonie – den Veranstaltern eine Absage erteilt und damit vollständige Reunion-Konzerte der Faces und Guns N‘ Roses unmöglich gemacht. Red Hot Chili Peppers-Gitarrist John Frusciante entschied sich ebenso fernzubleiben, und der an Krebs erkrankte Adam Yauch von den Beastie Boys blieb aus gesundheitlichen Gründen daheim.

Nach diesen herben Rückschlägen für die Veranstalter hatte so mancher gedacht, die Zeremonie müsse Titanic-gleich untergehen – was sich aber als Trugschluss herausstellte. Tatsächlich wurde es eine der besten Zeremonien der letzten Jahre. „Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so wichtig ist, wer heute Abend hier ist und wer nicht – hier geht es um die Musik, die diese Bands gespielt haben“, sagte Guns N‘ Roses-Bassist Duff McKagan während seiner Rede. Nur wenige Minuten später betrat McKagan die Bühne und spielte ein mitreißendes Drei-Song-Set mit Slash, Gitarrist Gilby Clarke, Alter Bridge-Sänger Myles Kennedy und den Drummern Matt Sorum und Steve Adler.

Die ganze Nacht über hörte man immer wieder „Fuck Axl“-Rufe, aber ab dem Moment, in dem die Band „Mr. Brownstone“ anstimmte, war die Entscheidung von Axl Rose und Izzy Stradlin nicht zu kommen komplett vergessen, und dieses Band-Line-up, das so nie zuvor zusammen gespielt hatte, bewies, dass es den GNR-Spirit durchaus neu entfachen konnte. Adler grinste bis über beide Ohren während des perfekt gespielten „Sweet Child O‘ Mine“ und das abschließende „Paradise City“ brachte auch den letzten im Publikum dazu, sich die Seele aus dem Leib zu singen. Kennedy, der ein starker Sänger ist, schaffte es dabei immer wieder, jene Heultöne zu treffen, die man auf Axl patentiert glaubte.

The Faces rückten ebenfalls ohne ihren Leadsänger aus und rekrutierten erneut Mick Hucknall von Simply Red. Der hatte bereits in den vergangenen Jahren diverse Shows mit der Band gespielt und klingt exakt wie Rod Stewart in der frühen 70ern. „Ohh La La“ war ein großer Spaß, aber „Stay With Me“ wurde zum großen Siegeszug. Ron Wood spielte mit glühender Leidenschaft, fast so, als wolle er Mick und Keith beweisen, dass er für eine Rolling Stones-Tour in Topform wäre. Ian McLagan bewies, dass er noch immer einer der besten Keyboarder im Rock’n’Roll ist, und Drummer Kenny Jones hat immer noch den Biss, der ihm Ende der 70er Keith Moons alten Job einbrachte. Man kann nur hoffen, dass Rod eines Tages zu Sinnen kommt und mit diesen Jungs auf Tour geht.

Die Beastie Boys hatten einen Auftritt ohne Adam Yauch natürlich nicht im Sinn, also spielten The Roots gemeinsam mit Kid Rock und Travie McCoy von den Gym Class Heroes ein Medley aus Beastie Classics – inklusive „Sabotage“ und „So What’cha Want.“ Rock, Black Thought und McCoy trugen dabei grüne Adidas-Trainingsanzüge und machten einen Superjob, wenn es darum ging, die Energie und den Spirit der originalen Beastie Boys rüberzubringen.

Der Abend wurde eröffnet mit einer Überraschungsperformance von Green Day, die eine bombastische Version von „Letterbomb“ hinlegten – einem der besten Songs von „American Idiot“. Obwohl nur wenige im Publikum den Song zu kennen schienen, hatte Billie Joe Armstrong die Halle wie ein Profi im Griff und heizte die Menge perfekt ein für diese lange Nacht voller Musik und langer Reden. Traditionell sprach Rock and Roll Hall of Fame-Mitbegründer Jann Wenner am frühen Abend zur Menge. „I believe in the magic of rock and roll,“ sagte er. „That magic can set you free. Ladies and gentlemen, tonight you’ve entered a place where magic happens.“

Billy Gibbons und Dusty Hill von ZZ Top hielten die erste Aufnahmerede des Abends und ehrten postum den Bluesgitarristen Freddie King. Kings Tochter, Wanda, erinnerte sich rührend an ihren Vater: „Er hat so viele junge Bluesmusiker inspiriert“, sagte sie. „Ich erinnere mich daran, wie ich mit 14 zu einer Show ging und Stevie Ray Vaughan zum ersten Mal traf. Er sagte zu meinem Vater: ‚Wie schaffe ich es, den Blues so zu spielen wie du?‘ Und mein Vater antwortete: ‚Wenn du den Blues nicht fühlst, wirst du ihn nie spielen können.'“

Nach einem feurigen Bluesgitarren-Battle von Gibbons, Joe Bonamassa und Derek Truck bei den King-Songs „Hideaway“ und „Going Down“ kam John Mellencamp auf die Bühne, um die Rede für Donovan zu halten. „Er war meine Inspiration“, sagte Mellencamp. „Ich habe Donovan nicht bloß gehört. Ich habe ihn gelebt. Was bedeutet, dass ich all meinen Kram von ihm gestohlen habe. Andere Künstler – fühlt euch ruhig angesprochen – sagen dazu: ‚Er hat mich inspiriert.'“ Donovan trug im Anschluss ein kleines Gedicht vor, spielte „Catch The Wind“ und „Sunshine Superman“ und zum Abschluss „Seasons Of The Witch“ im Duett mit Mellencamp.

Bette Midler brach in Tränen aus während ihrer Rede über Laura Nyro, die 1997 ihrer Krebserkrankung erlag. „In einer Welt voller Nachahmer mit ‚Fake it till you make it!‘-Attitüde war sie ein Original“, so Midler. „Sie spielte in ihrer eigenen Liga. Wenn man ihre Platten auflegt, klingen sie noch immer, als hätte sie sie erst gestern aufgenommen. Sie verkörpert alles, was wir alle sein wollen, wenn wir nur das Zeug dazu hätten. Sie hat unsere Welt schöner gemacht.“ Songwriterin Sara Bareilles verneigte sich im Anschluss mit einer wundervollen Pianoversion von „Stoney End“.

Während der Zeremonie wurden auch viele Non-Performer ausgezeichnet. Carole King ehrte Don Kirshner, der während ihrer Tage als Songwriterin im Brill Building Ende der 50er, Anfang der 60er ihr Chef und Mentor war. Darlene Love verneigte sich vor dem Plattenboss mit einer starken Version von „Will You Still Love Me Tomorrow“, die sie mit Paul Shaffer und dem CBS Orchester vortrug. Später am Abend überreichte Robbie Robertson den „Award For Musical Excellence“ an Cosimo Matassa, Glyn Jones und Tom Dowd.

Ungefähr zur Halbzeit der Feierlichkeit würdigte die Hall Of Fame einige Musiker, die lange übersehen wurden. Smokey Robinson ehrte die Blue Caps (die Backing Band von Gene Vincent), die Comets (Bill Haley), die Crickets (Buddy Holly), die Famous Flames (James Brown), die Midnighters (Hank Ballard) und die Miracles, die Robinsons Backingband in den ersten zwei Dekaden seiner langen Karriere waren. Die noch lebenden Bandmitglieder versammelten sich dazu auf der Bühne, und es war sehr rührend zu sehen, wie diese lange übergangenen Musiker endlich die Ehre bekamen, die sie verdienten.

Public Enemy-Frontmann Chuck D und LL Cool J hielten gemeinsam die Rede für die Beastie Boys. „Sie sind immer noch einer der besten Live Acts der Welt“, sagte Chuck D. „Sie stellten die Konventionen des Musikbusiness in Frage und schufen ihre eigenen Regeln, um die world class hiphop cats zu werden, die sie sind… Sie haben sich stets das Recht genommen, als Musiker und als Mensch zu reifen.“ LL Cool J sagte, er verdanke seine gesamte Karriere den Beasties. „Ohne sie würde ich heute hier nicht stehen“, sagte er. „Die Beastie Boys waren es, die Rick Rubin mein Demotape vorspielten – was viele gar nicht wissen.“

Adam Horowitz las aus einem Brief von Adam Yauch an das Publikum: „Ich möchte diese Auszeichnung meinen Brüdern Adam und Mike widmen“, schrieb dieser. „Sie haben die Welt mit mir erobert. Sie ist ebenso für jeden, der jemals von unserer Musik berührt wurde. Diese Auszeichnung ist die eure, ebenso wie sie die unsere ist.“

Green Day schienen anfangs eine seltsame Wahl zu sein, um Guns N‘ Roses zu würdigen, aber Billie Joe Armstrong überzeugte in seiner Rede mit erstaunlicher Eloquenz: „‚Appetite For Destruction‘ ist das beste Debüt aller Zeiten“, sagte er. „Jeder Song trifft dich mit voller emotionaler Wucht und nimmt dich mit auf eine Reise durch die schäbige Unterwelt von Los Angeles. Was sie von allen anderen unterscheidet, ist das sie Rückgrat, Herz und Seele hatten – und, was wohl am wichtigsten ist: Sie sagten die Wahrheit.“

Nicht ein einziges Guns N‘ Roses-Mitglied erwähnte Axl Rose namentlich. Matt Sorum stichelte amüsant in Richtung Adler, dass er geschafft hätte, bei Guns N‘ Roses wegen einer Drogensucht gefeuert zu werden, und Adler gab eine überraschend kurze Rede, die damit endete, dass er „We Are The Champions“ von Queen zitierte. Slash gab zu, dass ihn das Drama um die Zeremonie fast dazu gebracht hätte, nicht zu kommen, aber seine Frau habe ihn dann doch überzeugt. Keyboarder Dizzy Reed und Gitarrist Izzy Stradlin blieben fern.

Es war ungefähr halb eins in der Nacht als Chris Rock die Bühne betrat, um seine Rede für die Red Hot Chili Peppers zu halten. „Viele regen sich darüber auf, das Axl nicht gekommen ist“, sagte er. „Aber mal ehrlich: Selbst wenn er gekommen wäre, wäre er jetzt immer noch nicht da. Where the fuck is Axl?“ Rock erzählte, er habe die Red Hot Chili Peppers zuerst live gesehen, weil er eigentlich Grandmaster Flash in Philadelphia sehen wollte, aber den falschen Club erwischt hatte. „Meine Freund und ich dachten: ‚Was soll die Scheiße? Warum sind hier so viele Weiße?'“ Und weiter: „Sie kamen auf die Bühne und ich habe nicht ein Wort verstanden. Und sie hatten Socken über ihren Schwänzen! Ich war noch nie vorher auf der Show einer weißen Band und dachte, die machen das alle so. Jahre später sind sie nun eine der größten Bands der Welt und werden in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Zur Feier des Tages tragen sie heute schwarze Krawatten an ihren Schwänzen.“

Zwar war John Frusciante zuhause geblieben, aber dafür waren die ehemaligen Drummer Jack Irons und Cliff Martinez anwesend. Um ein Uhr nachts spielten die Red Hot Chili Peppers mit drei Drummern die drei Songs „By The Way“, „The Adventures of Rain Dance Maggie“ und „Give It Away“. „Ich habe seit 25 Jahren nicht mehr mit Cliff gespielt!“, rief Flea in die Menge. Und ergänzte: „Er ist ein schöner Mann.“

Am Ende von „Give It Away“ bat Anthony Kiedies noch einmal alle auf die Bühne. Slash, Ron Wood, Billie Joe Armstrong, Kenny Jones und sogar der im Publikum sitzende George Clinton drängten sich auf der Bühne, um als euphorisches Finale „Higher Ground“ von Stevie Wonder anzustimmen. In typischer Hall of Fame-Manier war dieser Jam das reinste Chaos, aber jeder im Raum schien eine gute Zeit zu haben. Die fünfeinhalb Stunden andauernde Show fand ihr Ende um halb zwei Uhr nachts. Als die Menge in die Straßen Clevelands strömte – auf der Suche nach dem Auto, einem Taxi oder der Aftershowparty – sprach nicht einer über Axl Rose. Es stellte sich heraus, dass man ihn gar nicht gebraucht hatte.