Miss Thompson bei Charlie Sheen: Das Tor zur Hölle


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Der Tsunami in Japan hatte Charlie Sheens Eskapaden übers Wochenende erstmal völlig unwirksam werden lassen. Wer interessiert sich noch für wirres Koksgefasel, wenn so was passiert? Es gibt aber welche. Sie stehen vor Charlies Haustür. Und warten.

Der Psychiater eines Freundes hatte gesagt, Charlie Sheen wäre vom Teufel besessen. Warum? „Wenn jemand sich Warlock nennt, ist das ein Zeichen“, so der Psychiater. Warlock kann so was wie Satanssohn oder Hexenmeister bedeuten. Und da man als Katholik immer daran interessiert ist, wie der Teufel (theoretisch) aussehen könnte, spazierte ich ein bisschen vor der Einfahrt zur Hölle herum.

Es ist teuer, dort wo Charlie Sheen lebt. Logisch. Es riecht angenehm nach Tannenduft, Vogelzwitschern ist zu hören, doch die Augen der Menschen VOR Charlies Tor sind darauf gerichtet, wann der pechschwarze SUV aus der Einfahrt schießt. Zwei fette TV-Sender-Trucks stehen heute rum und warten, aber Charlie ist ja um 10.30 noch nicht auf. Zu früh. Gestern wahrscheinlich Party. Unwahrscheinlich, dass bei Charlie gearbeitet wird. Er sucht ja nach einem Praktikanten, der den ganzen Mist für ihn raustwittert. Ich bin ein bisschen nervös. Ich habe mich beworben, hatte sogar meine Haarfarbe angegeben (wer will, hier geht’s zur Bewerbung). Morgen kommen die Ergebnisse, wer als Teufelspraktikant genommen wird.

Erstmal Zeit für ein Wasser vom Mexikaner-Truck. Hier kaufen die (mexikanischen) Garten-Arbeiter von Charlies Wohnsiedlung ihr Frühstück. Der Besitzer: ein Typ namens José aus Puerto Rico. Er hat keinen Bock auf die ganze Charlie-Situation. „Weiß der Teufel, wer Geld macht mit Charlie Sheen! Machst du Geld mit Charlie Sheen? Ich jedenfalls nicht.“  Falls Charlie Sheen jetzt also der Teufel wäre, würde der sagen: „Wieso? Du machst doch Geld mit mir!“ José verkauft immerhin mehr Burritos und Tacos als sonst. Die ganzen TV-Crews kommen zum Essen, ein paar Paparazzi schauen vorbei, und angeblich gibt es einen ganz bestimmten Paparazzo, der täglich in Charlies Haus fotografiert und eben für Teufel Sheen noch einen Burrito mitkauft. José glaubt, es ist das einzige, woran Sheen derzeit knabbert. „Hast du ihn gesehen? Jesus Christus, er sieht verflucht schlecht aus.“

Ich habe Charlie in den letzten Wochen nur auf dem Bildschirm gesehen, und das ist doch eher sein Medium. José spricht weiter über seine Umsatzprobleme vor dem Haus von Charlie Sheen.

„Nur die TV-Tussen essen nicht. Sie verlangen nach Obst, weil sie von den Burritos fett werden. Aber um Obst zu verkaufen, brauche ich eine andere Lizenz. Und das nur wegen den TV-Tussen?“, fragt José.

An mir hatte José heute nur zwei Dollar verdient, zwei kleine Flaschen Wasser, weshalb ich wohl als TV-Tusse durchging. Auf der anderen Seite warteten schon seit Minuten vier Jungs, neue Kunden für José. Alter: circa 16 bis 19, Hand am Telefon und der „Coke Light“-Dose, Hirn auf Twitter, falls was passiert. Sie hatten sich alle bei Charlie beworben.

Acht Wochen als „Social Media“-Praktikant, aber Charlie zahlt dafür. „Das wäre wie ein Sechser im Lotto“, sagt der Redseligste.

„Du meinst das Honorar? Das kann nicht so hoch sein. Charlie ist bald pleite“, sage ich.

„Nein, ich meine neben Charlie zu sitzen den ganzen Tag. Wer will nicht so einen Lifestyle?“

„Meinst du die Porno-Göttinnen? Oder was genau?“

„Na, alles. Und davon könntest du deinen Enkeln erzählen! Dass du mal für Charlie Sheen getwittert hast!“

Der Redselige (zwei Ohrringe, ein paar Dutzend Teenie-Pickel plus schwarze Nerd-Brille) bietet mir an, mir zu texten. „Falls was passiert. Ich meine: Falls jemand rausfährt.“ Das ist supernett, aber selbst wenn Charlie hier rausfährt: Es ist völlig egal, weil Charlie im Prinzip die verrücktesten Dinge immer von seinem Zuhause oder aus geschlossenen Räumen in die Welt sendet.

Dort entwickelt Charlie Sheen derzeit eine ganz neue Sprache. „Charlie-ismen“, die sich schon auf frischen Tattoos an New Yorker Beinen wiederfinden (auf einem Tattoo sagt eine Comic-Tiger mit Sheen-Kopf „Winning“). Gestern hatte er das Wort „Sheen-Envy“ (Sheen-Neid) in eine Videobotschaft zur aktuellen Sheen-Lage integriert, weil ja quasi alle auf ihn neidisch seien. Derzeit. Die Bösen („Trolls“) würde sich schon umschauen! Charlie geht jetzt auf Tour und spricht vor echten Menschen. Die Tour startet Anfang April und ist schon ausverkauft. Ein Dollar der Eintrittstickets geht an die Erdbebenhilfe in Japan. Hat Charlie beschlossen – und irgendwie muss er am Ball bleiben, mit Japan.

Ich probierte am Nachmittag aus, die Reden von Charlie Sheen rückwärts abzuspielen. Ob ein paar Teufelsbotschaften dabei wären? Null. Bei Charlie reicht es momentan nur zum Hexemeister. Er pennt zu lange, um ins Teufelsgeschäft einzusteigen. Der zukünftige Praktikant textet gegen 3.00 nachmittags. „Charlie fährt jetzt raus…Ein Businesstermin. Glauben wir, genaueres später.“

Alle Folgen von Miss Thompson gibt es hier in unserem Blog.