Ortsbesuch beim Steppenwolf-Sänger John Kay in Kalifornien: ‘Ich bin wütend auf die Politiker’

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Ortsbesuch beim Steppenwolf-Sänger John Kay in Kalifornien: ‘Ich bin wütend auf die Politiker’

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Der Studiokeller in John Kays Haus im kalifornischen Santa Barbara ist düster. Samtvorhänge saugen das ohnehin gedämpfte Licht auf. Es ist ein seltener Moment, den Steppenwolf-Leadsänger ohne Sonnenbrille zu sehen.

John Kay, Sie sind mit der Biker-Hymne „Born To Be Wild“ unsterblich geworden. Sind Sie eigentlich begeisterter Motorradfahrer?

Meine Augen sind sehr lichtempfindlich, ich bin halb blind, schon seit meiner Kindheit in Hannover. Deshalb trage ich auch immer eine Sonnenbrille. Ich konnte nie ein Motorrad fahren. Es ist die Ironie meines Lebens, dass ich mit dem Easy-Rider-Titelsong den Durchbruch geschafft habe. Meine Bandkollegen wurden oft gefragt, welche Harley Davidson ich fahre, das hat die unglaublich genervt. Irgendwann haben die Jungs geantwortet: Der hat einen ganzen Schuppen voller Motorräder.

Was sind die ersten Worte aus Ihrer Kindheit, an die Sie sich erinnern?

„Halt den Kopf runter, sonst schießen sie.“ Als fünfjähriger Junge bin ich mit meiner Mutter von der DDR in den Westen geflohen, vom thüringischen Arnstadt nach Hannover. Fluchthelfer haben uns in einer nebligen Nacht über die Grenze geführt. Einer der Männer zischte mir diese Worte zu. Die haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Als Jugendlicher beschloss ich, nie wieder meinen Kopf runter zu halten, mich nie mehr vor Autoritäten zu beugen.

Ihre Band Steppenwolf hatte weitere Hits wie „Magic Carpet Ride“, und sie war für Drogenexzesse bekannt.

Unser Bandleben war geprägt von Ignoranz, Arroganz, Testosteron, Drogen. Wir lebten in unserer eigenen Welt. Ich rede nicht gerne über die Abgründe, die sich mir damals aufgetan haben. Ich habe alles ausprobiert. LSD habe ich genommen, um mein Bewusstsein zu erweitern. Aber das Kokain-Ding trieb ich so weit, bis ich es gehasst habe.

Auf Ihren Konzerten geben Sie gerne den grimmigen Outlaw, gehüllt in schwarze Lederkleider, die Stimme dunkel und aggressiv. Alles nur Show?

Wenn Sie die Hip-Hop-Musiker anschauen, viele von denen präsentieren sich als Rebellen – doch das, was sie von sich geben, ist nur das, was ihnen ihre Manager aufschreiben. Meine Texte, auch mein Jähzorn, das ist tief empfunden. Ich bin wütend auf die Politiker, die lieber ihre Bürger überwachen, als für sie zu sorgen. „The country needs a father, not an uncle or big brother!“, das habe ich schon 1969 der korrupten Nixon-Regierung in meinem Song „Move Over” entgegengebrüllt. Stimmt damals wie heute, leider. Wollen Sie mehr über meinen Charakter wissen? Ein alter Indianer-Häuptling hat mal gesagt: Es leben zwei Hunde in mir. Der eine ist friedvoll und sanft, der andere voller Hass, Wut, Jähzorn. Die beiden kämpfen die ganze Zeit miteinander. Wer gewinnt? Der, den ich am meisten füttere.

Zu Ihrer bitterbösen Ballade „Monster“ haben Studenten während des Vietnam-Kriegs öffentlich ihre Wehrpässe verbrannt. Was denken Sie über die heutige Studentengeneration?

Die Generation von heute ist zu weich. Hier, in Amerika und Europa, werden die Jugendlichen in einem Vakuum groß. Sie leben in einem goldenen Käfig. Sie müssen mehr Kraft aufbringen, aus diesem Käfig zu fliehen. Als wir auf Tournee waren, habe ich in Texas, in einem Kaff namens Tylor, eine Kellnerin kennengelernt. 17 Jahre war sie. Da steht sie in dieser Dorfkneipe vor mir, mit diesem neugierigen und naiven Blick, und fragt mich: „Sir, als Musiker sind Sie doch viel unterwegs. Ist der Rest der Welt so wie hier?“ Da sagst du doch: „Baby, wenn du dir solche Fragen stellst, mach dich auf und geh’ raus in die Welt!“ Da gibt es viele in der heutigen Generation, die sich selbst ihre Fesseln auflegen. Sicher, das Leben kann hart sein, manchmal unerbittlich, aber auch voller großartiger Erfahrungen. Doch um die zu sammeln, musst du erstmal aus deinem goldenen Käfig ausbrechen.

Bevor Sie in Amerika Ihren Traum gelebt haben, sind Sie in Hannover aufgewachsen. Ihr gebürtiger Name lautet nicht John Kay, sondern Joachim Fritz Krauledat. Gibt es noch etwas, was Sie mit Deutschland verbindet?

Richtig zu Hause habe ich mich nirgends gefühlt. Aber wenn ich etwas meine Heimat nennen kann, dann ist es Hannover. Als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, habe ich stundenlang vor dem Spiegel in unserer Wohnung in der Kronenstraße gestanden und Gitarre geübt. Mein Vater hätte wohl zu mir gesagt: „Junge, du bist zwölf, halb blind, kannst kein Englisch, was bildest du dir ein?“ Doch ich habe meinen Vater nie kennengelernt – er ist im Krieg gefallen. Der Ring hier an meiner Hand, das ist der Ehering meines Vaters. Meine Mutter hat ihn mir damals in Hannover gegeben. Den trage ich bis heute.

Sie mussten viel Kraft aufbringen, als Steppenwolf Mitte der 70er auseinander gebrochen ist. Ex-Bandmitglieder gründeten eine billige Kopie und imitierten im John-Kay-Look Ihre Songs.

Mein Sturz war tief, ja. Der Name Steppenwolf war ruiniert. Ich bin nicht stolz darauf, aber der Hass war mein Antrieb damals. Und weil die juristischen Streitigkeiten sich hingezogen haben, habe ich wieder neu angefangen, ganz unten. Ich bin in kleinen verdreckten Klubs aufgetreten, vor 300 Leuten, nachdem ich zuvor Arenen mit zehntausend Zuschauern gefüllt hatte. Da fühlt man sich erst mal wieder unbedeutend, wie der kleine Junge in Hannover, der vor dem Spiegel steht und sich in die Welt eines Rockstars hineinträumt. Die Leute sagten zu mir: „Du willst John Kay sein? Dann würdest du nie in so einem Drecksloch wie diesem hier auftreten.“ Diese Zeit hat mich Demut gelehrt, Demut vor dem Erfolg.

Mit Ihrer Frau Jutta, einer gebürtigen Hamburgerin, haben Sie ein Waisenhaus für Elefantenbabys in Kenia errichtet. Warum Elefanten?

Im hannoverschen Zirkus saß ich als kleiner Junge immer in der letzten Reihe. Doch erkennen konnte ich wegen meiner Sehschwäche nichts. Naja, fast nichts. Immer nur diese verdammten Elefanten. Ich liebe die Wildheit Afrikas. Als ich kürzlich wegen meiner Afrika-Stiftung im Serengeti gewesen bin, da habe ich das Serengeti-Monument von Michael Grzimek gesehen. Da steht geschrieben: „He gave everything he possessed including his life for the wild animals of Africa.“

Plötzlich stockt die Stimme von John Kay. Seine Lippen beben. Er kann nicht weiterreden, ohne dass Tränen fließen. Sekundenlange Stille. Schließlich spricht er mit brüchiger Stimme weiter.

Das sind wahre Helden. Ich schäme mich, dass ich nicht früher angefangen habe, mich für Gutes einzusetzen. Für etwas Sinnvolles, was unserer Welt erhalten bleibt.

Ihre große Zeit als Rockstar ist vorüber, aber Sie haben noch Träume.

Man kann einen Mann erst dann zu Grabe tragen, wenn sein letzter Traum gestorben ist. „Born To Be Wild“ – das bedeutet, ob die Flamme in deinem Innern brennt. In mir brennt das Feuer noch lichterloh.

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