Patti Smith über „Banga“, Freiheit und Tomatensauce


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Patti Smith hat Kopfschmerzen. Aber sie hat zum Glück auch eine bequeme Couch, auf der sie die robusten Stiefel, deren Schnürsenkel nur nachlässig gebunden sind, hochlegen kann. In dem schicken Londoner Hotel fällt die legere Sängerin ein bisschen auf, aber das scheint sie selbst gar nicht zu registrieren. Oder es ist ihr einfach egal. Sie schließt häufiger die Augen und nestelt an ihrem (natürlich ungebügelten) Hemd herum, ihre leicht angegrauten Haare hat sie zu lockeren Zöpfen gebunden. Patti Smith ist 65, aber Kategorien wie Alter spielen bei ihr keine Rolle. Sie hat nie in ein Schema gepasst, sie wird jetzt nicht damit anfangen. Und obwohl es ihr heute nicht so gut geht, hat sie immer noch genug Energie für ein Gespräch – schließlich geht es um ihre Kunst.

Nach acht Jahren hat Patti Smith endlich wieder ein Album mit eigenen Songs fertig, „Banga“. Warum das so lange gedauert hat, weiß sie selbst nicht so genau: „Wir sind viel herumgereist, haben ständig neuen Kram geschrieben, und vieles wurde wieder gekippt, weil sich die Welt immer wieder verändert hat und mit ihr die Platte. Man kann eben nichts planen.“ Nun ist das Album selbst eine Art Reise geworden, die mit „Amerigo“ beginnt, einem Stück über den eigentlichen Entdecker Amerikas. „Es geht los mit einem gewissen Abenteuersinn, vielleicht auch einer Hybris, auf jeden Fall mit Hoffnung und Visionen“, erzählt Smith. „Und es sollte nicht mit meinem apokalyptischen ,Constantine’s Dream‘ enden, mit einer Horrorvorstellung, wie das 21. Jahrhundert zu Ende gehen könnte. Das wäre mir zu düster gewesen, für so ein Ende bin ich zu optimistisch. Ich wollte einen Song, der wie ein Morgengrauen wirkt, und da habe ich an ,After The Goldrush‘ gedacht: Es ist perfekt, es schließt an den einen Traum an und entwickelt einen neuen, einen schöneren.“ Sie singt Neil Youngs Lied so emphatisch, als wäre es ihr eigenes.

Es gibt Songs, an denen Smith zwei Jahre arbeitet, andere entstehen innerhalb von Minuten – wie ihre Hommage an Amy Winehouse, „This Is The Girl“. Sie will das Thema nicht zu hoch hängen, sie hat einfach ein kleines Gedicht geschrieben und das dann spontan eingesungen, für eine Kollegin, deren „Stimme, Ehrlichkeit und Einzigartigkeit“ sie bewundert. Das Singen ist immer noch der schönste Teil ihrer Arbeit. Mit den Texten quält sie sich oft herum, diskutiert mit ihrem Langzeit-Gitarristen Lenny Kaye und holt sich dann bei Bassist Tony Shanahan Rat zur Phrasierung. Smith vertraut sehr auf ihre Kollegen, sie schreiben ihr ja auch den Großteil der Musik, die wieder zwischen dunklem Pop und ausgefranstem Rock changiert: „Das ist für mich die Rock’n’Roll-Band, ich würde keine andere mehr wollen“. Ihr 30-jähriger Sohn Jackson und die 25-jährige Jesse Paris spielen auch mit. Es ist Jackson, der im Titelstück so schön bellt – „Banga“ hieß der Hund in Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“. Für Patti Smith ist es immer noch etwas Besonderes, mit ihren Kindern im Studio zu stehen: „Ich spiele ja häufiger mit beiden, und irgendwann behandelt man sie wie normale Musiker. Aber dann blickt man plötzlich hoch und denkt: Mein Sohn! Meine Tochter! Ihr Vater wäre so stolz auf sie! Die Zusammenarbeit mit ihnen ist wunderschön, sie macht mich stolz und traurig zugleich.“

Die Karriere von Patti Smith ist – nicht erst seit ihrer Bestseller-Autobiografie „Just Kids“ von 2010 – bekannt: 1967 zog sie nach New York, 1975 wurde sie mit ihrem grandiosen Debüt „Horses“ als Punk-Poetin berühmt. Schon 1980 zog sie sich zurück und gründete mit MC5-Gitarrist Fred „Sonic“ Smith eine Familie. Sie nahm zwar 1988 „Dream Of Life“ auf, aber erst nach dem Tod ihres Ehemanns 1994 warf sie sich wieder mit voller Kraft in die Musik – unterstützt von Freunden wie Michael Stipe, der noch heute gern ihr Motto „I don’t fuck much with the past but I fuck plenty with the future“ zitiert.

Smith besteht darauf, dass ihre Kinder trotz ihres ungewöhnlichen Lebens „ganz normal“ sind: „Manchmal nerve ich sie, manchmal bin ich ihnen peinlich, das ganze Spektrum. Mein Sohn will nichts mit meinen politischen Ansichten zu tun haben, aber das ist doch verständlich. Ich bin halt seine Mum.“ Was sie ihren Kindern beigebracht hat? Auf jeden Fall, dass Kunst nichts für Faulenzer ist. Sie hält wenig davon, immer nur von Inspiration und Spaß zu reden, wenn es um ihren Beruf geht. „Musik ist harte Arbeit. Aber ich empfinde es als Segen, dass ich diese Arbeit machen und davon leben kann. Ich habe in Fabriken geschuftet und auf Feldern Blaubeeren gepflückt, ich habe in Buchläden gejobbt und was-weiß-ich-wo. Musik ist meine liebste Arbeit, aber sie ist nicht so glamourös, wie man denkt. Allerdings sicher auch nicht so hart wie Schauspielern, das kann ich dir sagen. Ich war mal am Set bei Johnny.“

Das klingt jetzt doch ein bisschen glamourös: Sie meint Johnny Depp, den sie bei den Dreharbeiten zu „The Rum Diary“ in Puerto Rico besuchte (und für den sie dort den Song „Nine“ schrieb). „That’s a rough gig, being an actor! 15-Stunden-Tage, falsche Zähne, falsche Nasen, Rumsitzen, Drehen, noch mal Drehen. Und die miese Luft in den Kulissen. Ich hätte dafür nicht das Stehvermögen.“ Sie könnte es auch nicht ertragen, anderen die Regie zu überlassen. Bei ihren Projekten kümmert sie sich um jedes Detail: Cover, Schriftzug, Liner-Notes. Solange ihr Name drauf steht, will sie die Kontrolle haben.

Patti Smith arbeitet permanent. Wenn ihr keine Lieder einfallen, fotografiert sie. Oder malt. Oder schreibt Gedichte. Tritt auf. Stellt aus. „Ich habe Glück: Wenn ich merke, dass ich in einer Disziplin gerade nichts geschafft kriege, wechsle ich zu einer anderen. Das Wichtigste ist, dass man sich immer wieder selbst herausfordert und nicht selbstzufrieden wird. Das ist das Schöne und das Schlimme am Künstlerdasein: Wenn man einmal etwas Gutes gemacht hat, dann ist das nächsten Monat schon nichts mehr wert, weil man wieder neu anfangen muss. Picasso hat ja auch nicht gesagt: Schönes Bild, das reicht jetzt. Man muss neugierig bleiben und enthusiastisch und sich immer wieder verändern wollen.“

Sie hat nicht nur sich selbst immer wieder verändert, sondern in den 70er-Jahren auch die Art, wie Frauen in der Rockmusik wahrgenommen werden: Smith trug Krawatten und Haare unter den Achseln, sie posiert nicht wie ein Mädchen, sie kämmte sich schon damals ungern. Sie war ihr eigener Boss. All das, betont sie, war keine Strategie. Sie lebte einfach in ihrer eigenen Welt, unbeeindruckt von gesellschaftlichen Normen – bereits als Teenager, auf dem Land in New Jersey: „Ehrlich gesagt habe ich mir nie viele Gedanken gemacht. Ich bin nicht so der analytische Typ. Ich habe nicht gedacht, ich habe gemacht. Meine Familie war arm. Meine Mutter hat immer ihre Vorstellungskraft benutzt: Wenn wir zu Hause nicht genug zu essen hatten, wenn es kalt war und wir keine Heizung hatten, dann erzählte sie uns Geschichten von einem Königreich, in dem alles toll ist – oder in dem es den Leuten noch schlechter geht als uns. Sie dachte sich immer etwas aus, um die Situation magisch erscheinen zu lassen. Das hat mich sehr geprägt.“

Als Patti beschloss, in New York City ihr Glück zu suchen, dachte sie gar nicht daran, dass die Kunstszene von Männern beherrscht wurde. „Für mich war Kunst nie von Geschlechtern geprägt. Das kam in meiner Gedankenwelt einfach nicht vor. Mir wäre nie eingefallen, dass man als Mädchen dieses oder jenes nicht machen kann. Um mich herum haben sich die Leute vielleicht an solche Standards gehalten, aber ich habe die gar nicht beachtet. Ich habe zum Beispiel gar nicht bemerkt, dass man in den 50ern, frühen 60ern, als ich aufwuchs, den Jungs das Autofahren beibrachte und den Mädchen das Backen. Ich bin einfach zu keiner der Stunden gegangen, sondern zum Direktor, weil ich weder fahren noch backen lernen wollte. Ich wollte eine Kunstklasse besuchen. Also durfte ich malen. Als ich dann nach New York kam, war das ein Märchenland für mich: Büchereien! Museen! Clubs! Man konnte anziehen, was man wollte. Die Polizei hat einen nicht genervt. Ich war frei! Eingeengt habe ich mich auf dem Land gefühlt, wo der nächste Buchladen viele Meilen entfernt war. Aber bestimmt nicht als Frau in New York. Da habe ich einfach gemacht, was ich will. Es kam mir nicht vor, als wäre das etwas Besonderes.“ Sie kneift die Augen zusammen und lächelt, als wäre es wirklich seltsam, dass andere Menschen von ihrem kleinen Leben so beeindruckt sind.

Dass ihre Autobiografie „Just Kids“, in der sie diese Anfänge in New York und das Leben mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe beschreibt, ein Bestseller wurde, schockiert sie bis heute. Diverse Profis wollten ihr Buch verfilmen, doch nun arbeitet sie selbst an einem Drehbuch. „Wenn überhaupt, dann mache ich den Film – einen einfachen Film, mit unbekannten Kids. Wenn irgendwer die 20-jährige Patti spielt, dann bestimmt kein Star. Ich war doch nur ein dürres Mädchen mit ein bisschen Unbeholfenheit und ein bisschen Tapferkeit.“

Parallel denkt sie auch schon über eine Fortsetzung von „Just Kids“ nach, aber momentan fehlt einfach die Zeit: Sie schreibt gerade an einer Detektivgeschichte, und am 1. Juni, wenn „Banga“ veröffentlicht wird, eröffnet sie in Detroit ihre Ausstellung „Camera Solo“. An Energie mangelt es nicht: „Manchmal macht mich das Hin- und Herspringen zwischen den Projekten müde, aber ich liebe es. Und ich habe ja sonst nichts zu tun! Meine Kinder sind erwachsen, und ich lebe allein. Ich habe viel mehr Zeit als früher, um mich meinen Ideen zu widmen. So sind meine Tage ausgefüllt.“

Die nächste Tournee steht auch an. Dass Patti Smith immer noch so sensationell singen kann, ist nicht Gott, sondern ihrer Disziplin geschuldet: „Ich rauche nicht, weder Zigaretten noch Pot. Man muss sich schonen und viel aufgeben: Tomatensauce. Chili. Alkohol. Rotwein. Kaffee. Alles Saure schadet. Das sind die Entscheidungen, die man im Leben treffen muss. Man kann nicht alles haben. Nicht Tomatensauce und mit 65 immer noch eine gute Stimme!“

Sie freut sich auf die Tournee, auch wenn das bedeutet, dass sie in einem Bus mit zehn anderen Leuten durch die Gegend fährt. „Ich mag diese spartanische Existenz  – mit einem kleinen Koffer von Stadt zu Stadt ziehen, in winzigen Kojen schlafen. Ist ein bisschen wie beim Militär, aber zum Glück ohne Krieg!“