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Elton-John-Film „Rocketman“ Sex, Drugs und Glamour


Paramount Pictures

Ein Mann in schrillem, orangefarbenem Federkostüm platzt in eine Selbsthilfegruppe: „Mein Name ist Elton Hercules John und ich bin Alkoholiker, kokainabhängig, sexsüchtig, habe Bulimie und einen Shoppingzwang.“ Es ist der Tiefpunkt in seinem Leben als Musiker, als Elton John. „Rocketman“ von Dexter Fletcher beleuchtet in einem ekstatischen Hybrid aus Musical und Biopic den Aufstieg Johns vom schüchternen Middlesex-Knaben zum extravaganten Ausnahmekünstler und den damit verbundenen Mega-Tourneen und Endlos-Exzessen sowie Konflikten mit seiner Homosexualität.

Und so erzählt Elton John (Taron Egerton) in jener Therapiesitzung von seiner Geschichte, die in Rückblenden ein möglichst eindeutiges Beweisbild dieser (Schatten-) Seiten liefern soll.

„Der Film musste so ehrlich wie möglich sein. Ich bin hoch geflogen, aber auch sehr tief gefallen. So sollte der Film auch sein.“ Dass Sir Elton John selbst, der als ausführender Produzent mitwirkte, diese Einsicht mit der neutralen Zuschauererwartung teilte, darf zumindest als Fortschritt gegenüber anderen gesehen werden.

Denn grundsätzlich ist das in „Rocketman“ eine schonungslos offene und faire Darstellung seiner Person, die neben dem gigantischen Erfolg als Musiker eben auch Johns Alkohol- und Kokainabhängigkeit, das angespannte Verhältnis zu seinem Vater (Steven Mackintosh) und die Affäre mit seinem ersten Liebhaber und Musikmanager John Reid (Richard Madden) aufarbeitet – der Film verherrlicht seinen Protagonisten definitiv nicht.

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Elton loves John

Die Liebesszenen zwischen John und Reid – überragend: Madden als toxischer Verführer und gewiefter Geschäftsmann – tragen den Film. Schon beim ersten Kuss der beiden wird klar, dass hier nicht nur Ringelpiez mit Anfassen gespielt wird.

Von der noch wenig ausgeprägten sexuellen Neigung des jungen Reggie Dwight aus Pinner bis zur selbstbewussten Homosexualität des weltbekannten Sängers Elton John stellt Dexter Fletcher intime Momente und Liebesszenen authentisch dar, ohne sie durch den Filter zu jagen.

Elton John vor dem wegweisenden Auftritt im Troubadour, Los Angeles.

Mit der ersten Sexszene in einer Major-Produktion zwischen John und Reid bricht der Regisseur dann endgültig das Tabu, das in der Vergangenheit – aus welchen Gründen auch immer – optisch und inhaltlich allzu gern weichgespült oder gar ausgeklammert wurde. Zu sehen sind feuchte Küsse, viel nackte Haut und zwei Männer, die mit ihren Körpern so gar kein Problem zu haben scheinen.

Damit setzt der Film Inhalt vor Profit, in Ländern wie China dürfte man ihn auch in zensierter Version nicht zu sehen bekommen. Das widerspricht allerdings auch ein wenig dem folgenschweren Dilemma, dem schwule Promis damals ausgesetzt waren. Dass Elton John seine Homosexualität unter dem Motto „say it loud, I’m gay and proud“ so tänzerisch leichtfüßig in die Welt posaunte, wie es die vielen Sing- und Tanzeinlagen im Film suggerieren, ist zu bezweifeln.

„Rocketman“ ist mehr Musical als Biopic

Der sehr offensiv herausgestellte Musical-Charakter erweckt den Anschein, als hätte Elton John Queerness und Kostüme damals eher beiläufig als Showelement integriert. In Wahrheit war Elton John mehr Pionier als Popstar – „Rocketman“ jedoch ist mehr Musical als Biopic.

Die Genre-Verortung birgt noch ein weiteres Problem: Im Film wird zwar viel gesungen, jedoch werden Entstehung und Inhalt der Songs kaum thematisiert.

Die Hits sind eben einfach da, wie vom Himmel gefallen. Lediglich bei „Your Song“ wird so etwas wie ein Songwriting-Prozess gezeigt. Überhaupt bleiben die Hintergründe zur Arbeit mit Johns kongenialem Texter und Freund Bernie Taupin (fantastisch: Jamie Bell) auf der Strecke, der definitiv mehr als nur eine Randfigur im Leben von Elton John war. Auch Johns herausragendes Songwriting und Klavierspiel werden nur oberflächlich gestreift.

Turteltauben: Elton John (Taron Egerton) und John Reid (Richard Madden)

Generell fehlen „Rocketman“ dadurch auch der Tiefgang und die Substanz, die ein starkes Künstlerporträt auszeichnen sollten. Man sieht zwar sehr viel vom Musiker, aber sehr wenig von der Person Elton John. Die hedonistischen Alkohol- und Drogenexzesse wirken fast wie ein Alibi, sich dem Stoff so ehrlich wie möglich gewidmet zu haben. Egerton hängt sich wirklich rein, doch zwei solide Wutanfälle und glasige Augen über den gesamten Film reichen nicht aus, um das Innenleben des Elton John nach außen zu stülpen.

Durch den fehlenden inneren Konflikt seines Stars gibt es folglich auch keinen Konflikt innerhalb des Films, der für eine ausreichende Dramaturgie herhalten könnte. Die einzig dafür brauchbare These, Elton John habe nie die Liebe erfahren, die er gebraucht hätte – sei es anfänglich durch seinen herzlosen Vater oder später den eiskalten Manager – wird spätestens im Abspann widerlegt: Seit 25 Jahren sind Elton John und David Furnish ein glückliches Paar.

Taron Egerton fliegt als Elton John

„Taron Egerton ist Elton John“

Innerhalb dieser Kriterien ist der Zusatz-Filmtitel „Taron Egerton ist Elton John“ zwar mutig, aber durchaus zutreffend: Hauptdarsteller Taron Egerton brilliert als Elton John. Der brüchige und trotzdem klare Gesang, das zahnlückige Grinsen, seine energischen Live-Performances und natürlich der Look mit den beeindruckend genau nachempfundenen Bühnenoutfits – es ist alles da.

Wenn er mit typischem Pokerface zu „Rocket Man“ die Bühne des Dodger Stadiums in Los Angeles betritt, wenn er sich bei seinem wegweisenden Gig im Troubadour während „Crocodile Rock“ vom introvertierten Begleitpianisten zum Bühnentier verwandelt, wenn er am Ende des Films mit „I’m Still Standing“ sein cleanes Comeback selbstironisch zum bizarren Originalvideo am Strand von Cannes besingt, dann ist Taron Egerton tatsächlich Elton John.

Genau dort wurde der Schauspieler nach der Weltpremiere zum anderen großen Musikfilm des Jahres befragt: „Unser Film ist ein Musical. Es erfordert einen Schauspieler, der in der Hauptrolle singen kann. Für ein Biopic ist das nicht notwendig. Ich bin sehr dankbar, dass uns die Leute vergleichen. Hoffentlich zeigt es, dass der Hunger nach Filmen (wie diesen) besteht. Aber dieser Film ist ein Einhorn.“

Egerton nimmt damit jenen Kritikern den Wind aus den Segeln, die in diesem Punkt künstlich-konstruierte Vergleiche mit dem Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ heraufbeschwören wollen. Und doch wehte an diesem Abend eine leicht bittere Brise „Bohemian“ an der Côte d’Azur.

Elton John blickt zurück in seine Kindheit als Reginald Dwight

Dexter Fletcher hatte „Rocketman“ bereits im Kasten, als er Bryan Singer als Regisseur von „Bohemian Rhapsody“ ablöste. Elton John selbst segnete eine ehrliche Darstellung seiner Person im Film ab. Daher ist es schon erstaunlich, wie sich unter diesen Gesichtspunkten die beiden Filme so sehr voneinander unterscheiden konnten.

„Rocketman“ hat all das, was „Bohemian Rhapsody“ vermissen ließ: Sex, Drugs und Glamour.

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