Johnny Marr „Fever Dreams, Pts. 1–4“


BMG Rights (VÖ: 25.2.)


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Ein neues Album von Johnny Marr ist ein verhältnismäßig unspektakuläres Ereignis angesichts der Tatsache, dass sein Jangle-Gitarren-Sound bei den Smiths einst eine komplette musikalische Epoche in Großbritannien prägte. Das dürfte sich auch der Tatsache verdanken, dass Marr nie Probleme hatte, sich in der zweiten Reihe aufzuhalten, als Lakai von Bryan Ferry oder als Mitglied der Cribs beispielsweise.

Hier passiert alles im Verborgenen

Schnell vorweg: Das in vier „Parts“ unterteilte vierte Solowerk von Marr ist in gleichem Maße gelungen, wie es komplex anmutet. Selten ringt dabei seine Gitarre so sehr um Dominanz. Einige Songs erinnern an seine elektronischen Frickelarbeiten mit Modest Mouse, und oft erschließt sich einem die Schönheit der Melodien erst nach mehrmaligem Hören, wie einst beim zweiten, leider völlig unterschätzten Electronic-Album, das Marr mit Bernard Sumner und Karl Bartos aufnahm.

Larger-than-life-Refrains durfte man ohnehin nicht erwarten, hier passiert alles im Verborgenen. Immerhin: „Tenement Time“ und „Spirit, Power And Soul“ verfügen über Hymnencharakter. Der Legenden prägenden Zeit entspricht am ehesten „All These Days“, ein Britpop-Feger mit Gothic-Nuancen, und für einen Moment klingt Marr wie sein alter Kollege Morrissey. Obwohl sein Gesang nicht so prägnant rüberkommt, zeigt sich Johnny Marr als durchaus überzeugender und variabler Sänger. Bei „Receiver“ konkurriert er dabei sogar mit einem weniger rockigen Billy Idol.

Dieses Album nimmt musikalische Fäden von vor und nach der Smiths-Zeit auf, nur diese selbst nicht. Für das „vor“ stehen T. Rex, die New York Dolls und New Wave im Stil der frühen Simple Minds, Generation X und Comsat Angels. „Fever Dreams“ erweist sich darüber hinaus als sehr passender Titel, die dunklen Passagen überwiegen hier, ohne Verzweiflung zu verbreiten, nur eben mit auf genügend Lebenserfahrung basierender Dramaturgie. Unterm Strich, doch, doch: eine nicht unspektakuläre Platte.


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