Neil Young
„Harvest Moon“
Reprise (VÖ: 13.2.)
Youngs Rückgriff auf einen Zustand ewigen Glücks.
Nur selten ließ sich der Songkünstler dazu herab, mit neuen Platten platt Erwartungen zu bedienen, nur selten erlaubte er es sich, in nostalgischen Gefühlen zu baden oder gar lebenslange Treue zu beschwören. Lieber stieß er seine Fans vor den Kopf und frustrierte sein Label, indem er nicht selten abseitige, schwer verkäufliche Überraschungen anbot, wohl wissend um deren beschränkten Appeal. „Harvest Moon“ war 1992 die Ausnahme von der Regel, die nicht den Renegaten und Quertreiber in ihm befriedigte, vielmehr den sanftmütigen, melodieseligen Poeten, der seine größten Triumphe dem unermüdlichen Suchen nach einem Herzen aus Gold verdankte. „Harvest“ war die LP, die diese Seite seines Schaffens am überzeugendsten vermittelte, musikalisch in ruhigen Bahnen, lyrisch ergreifend und umsatzträchtig.
Musikalisch in ruhigen Bahnen, lyrisch ergreifend und umsatzträchtig
Zwanzig Jahre danach knüpfte „Harvest Moon“ nahtlos an diese allseits gefeierte Großtat an, ganz ohne Scham. Das fing bereits beim Albumtitel an und hörte beim Personal nicht auf. Wieder bildeten die Stray Gators den countryesken Klangkörper: Ben Keith, Kenny Buttrey, Spooner Oldham und Tim Drummond. Jack Nitzsche steuerte ein feines String-Arrangement bei, Linda Ronstadt und James Taylor liehen ihre Stimmen. Und Neils neue Tunes waren Sequels der alten, feierten alte Liebe, die nie rostet, mitsamt all den romantischen Verklärungen, für die nur Zyniker nicht empfänglich sind.
Der Songzyklus endet mit einer gut zehnminütigen Ode an „Natural Beauty“, worin Youngs Herz blutet: „I heard a perfect echo die/ Into an anonymous wall of digital sound.“ Tut weh. Die aktuelle Neuauflage kommt als Doppel-LP, das Etching auf Seite 4 zeigt die Silhouette des Covers, erstmals als Gatefold, mithin auch haptisch nicht ohne Reiz.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.