Neil Young Hitchhiker

Warner

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Foto: Warner

Neil Young ist ein widersprüchlicher Geist, ein Visionär und ein sentimentaler Knochen zugleich. Deshalb interessiert er sich für neueste Techniken vor allem deshalb, weil er mit ihrer Hilfe die Vergangenheit bewahren und seine Archivierungs- und Ordnungswut befriedigen will. Bald soll es den kompletten Young-Katalog im Abo als audiophilen Online-­Stream geben. Da wird man dann auch die vielen Legende gewordenen Alben hören können, die der Songwriter jeweils direkt nach der Produktion wieder verwarf. Die Songs dieser Werke erschienen zwar oft viele Jahre später in neuen Versionen auf anderen Platten, doch der Kontext ihrer Entstehung blieb bis heute verschüttet.

Jetzt erscheint mit „Hitchhiker“ eines dieser verschollenen Alben auf LP und CD. Entstanden ist es bei einer Session mit dem Produzenten David Briggs an einem von Gras, Kokain und Bier verfremdeten Augustabend 1976. Young spielt akustische Gitarre und singt beseelt beziehungsweise stoned neue Lieder, die er in den folgenden Jahren sukzessive für andere Alben neu aufnehmen wird, gleich drei – „Pocahontas“, „Powderfinger“ und „Ride My Llama“ – 1979 für seinen (letzten) Klassiker „Rust Never Sleeps“.

Der Titelsong – eine Drogenbeichte, die selbst dem schwer zu beeindruckenden Bob Dylan ob ihrer Offenheit eine Art von Bewunderung abverlangte: „Well, that’s an honest song“ – war der Höhepunkt der vom Esoteriker Daniel Lanois produzierten Klangschale „Le Noise“ von 2010. Nur das mit einem bekifften Giggeln eingeleitete „Hawaii“ und das verloren klingende „Give Me Strength“ erscheinen hier offiziell zum ersten Mal. Letztgenanntes war auch schon ein Kandidat für das anderthalb Jahre zuvor entstandene und zugunsten von „Tonight’s The Night“ verworfene Meisterwerk „Homegrown“ gewesen. Keine Ahnung, was nach diesem Sommerabend 1976 passiert ist, aber „Hitchhiker“ markiert das Ende der klassischen Periode des Songwriters Neil Young. Ein Album mit so vielen großen Songs hat er nie wieder aufgenommen.

Warum Neil Young für immer verändern könnte, wie wir Musik hören

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