Pixies

Indie Cindy

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Einst beschrieb Black Francis, was seine Landsleute bewegte, was sie antreibt. Jetzt kommen einem die Pixies so spießig vor wie die Drei von der Tankstelle.

Man muss schon Nerven wie Drahtseile haben, um als Fan bei solchen Aussagen nicht die Fassung zu verlieren: „Ehrlich gesagt, jetzt, wo ich die Pixies als Vehikel zur Verfügung habe“, gab Black Francis jüngst in einem Interview kund, „sehe ich keinen Grund zu einer Solokarriere.“ Pixies als Vehikel?

Natürlich ist das ein Problem: die Identität der einst einflussreichsten Band ihrer Generation für die Veröffentlichung schlechteren Materials zu missbrauchen. Nur, weil es mit der Solokarriere nie so richtig lief. Als Black Francis mit den Pixies sein letztes Album veröffentlichte, „Trompe Le Monde“ von 1991, befand er sich auf dem Zenit. Da war er erst 26 Jahre alt. Mal klang er wie ein Dämon, und mal wie jemand, der auf Zehenspitzen fröhlich die Wellen reitet – innerhalb desselben Songs. Er war der König. Was sollte noch kommen? Francis wandte sich ab Mitte der Neunziger der wahrscheinlich schwierigsten Herausforderung zu, die einem US-Songwriter bevorsteht: dem Great American Songbook. Blues, R&B und Country. Und seitdem ging es mit ihm stetig bergab. Es klang langweilig.

Man muss die Solojahre kennen, um die Herkunft der neuen Pixies-Songs zu verstehen. Lieder wie „Another Toe In The Ocean“ soll Black Francis schon zu Solozeiten aufgeführt haben. Sie haben nichts mehr von jenen Achterbahnfahrten an Laut-Leise-Dynamiken, die seine besten Songs stets auszeichnete. Einst standen im Vordergrund: Sexualität und Religion, Lust und Schuldgefühle. Auf den Platten schrie Black Francis die Doppelbelastung heraus. Einer flog übers Kuckucksnest für den Dancefloor. Nun singt er: „I’m in love with your daughter“. Keine passiv-aggressiven Klagen mehr eines benachteiligten Jungen, den die Cheerleaderin nicht angucken will. Nun bezirzt Black Francis nicht mehr die gleichaltrige Teenagerin, die er ins Bett zerren will, sondern deren Mutter, die er um einen Segen bittet. Will man das hören? Iggy Pop ist älter als er, wird aber in seinen Liedern doch auch nicht alt.

Es ist erstaunlich, wie offen der heute 49-Jährige Black Francis mit seinen Quellen umgeht. Den besten Song der Platte, „Greens and Blues“, identifizierte er in Statements selbst als Nachfolger der Pixies-Melodiebombe „Gigantic“. Ein anderer halbwegs guter, „Blue Eyed Hexe“, bedient sich im Refrain ausgiebig an ihrem sehr alten und einzigen Song, der im Netz kursiert, aber nie offiziell erschien: „Boom Chick-A Boom“.

Pixies-Verehrer David Bowie bezeichnete die Leadgitarre Joey Santiagos einst als eine der drei wichtigsten Säulen für die einzigartigen Kompositionen des Quartetts: die abrupten Wechsel von brutal zu so engelsgleich, als hätte Santiago noch nie zuvor jemandem weh getan. In dieser neuen Pixies-Phase, der Ära des Diktators Black Francis, hört man sein Instrument manchmal gar nicht mehr heraus. Er erhält keine längeren Passagen mehr für sich, bildet keine Gegenentwürfe mehr zur Rhythmusgitarre des Sängers. Nicht herauszuhören ist auch Kim Deal, die sich nicht an den Aufnahmen beteiligte und die Band verlassen hat. Man muss sie auch nicht überbewerten. Auf den voran gegangenen, exzellenten Alben „Bossanova“ (1990) und „Trompe Le Monde“ war sie als Komponistin und Sängerin kaum vertreten, lediglich einige „Ahhs“ und „Ohhs“ (die dennoch sehr schön klangen!) hatte die streitbare Bassistin darauf noch hinzugefügt.

Ein weiteres Problem der zwölf neuen Songs ist deren Länge. Sie sind zu lang. Früher dauerten die Stücke meist zweieinhalb Minuten. Da entstand viel in kurzer Zeit. Man muss ein selbstbewusster Komponist sein, einem Zwei-Minuten-Stück wie „I Bleed“ eine Geschichte anzuvertrauen, für die andere Bands sich doppelt so viel Zeit nehmen. Das Stück hatte doch gerade erst begonnen! Wie führt man diese Power eigentlich ab? Im günstigsten Fall nicht wie im neuen Lied „What Goes Boom“, das sich über Minuten wiederholt und dann auspendelt. So bleibt doch keine Aggression hängen, man verlässt das Lied ohne Aufputsch.

Das Ärgerlichste an „Indie Cindy“ ist natürlich die Vermarktung, auf die jeder Fan reingefallen ist. Denn zunächst wurden die Songs auf drei teure limitierte EPs statt auf einem Longplayer verteilt, was Black Francis im ROLLING-STONE-Interview mit der Idee begründete: „Listen. The LP as a format is dead.“ Eine spätere Veröffentlichung der Lieder in gesammelter Form, so der Sänger im letzten Jahr, sei nicht geplant. Nun: Zahlt man halt doppelt. Andererseits dürfen leise Zweifel wohl erlaubt sein: Sollten die Pixies, die zur Zeit ihrer ersten Karriere bis 1991 nur mäßig Alben verkauften und vom Zögling Kurt Cobain überholt wurden, nicht doch jetzt ihre Ernte einfahren dürfen?

Einst beschrieb Black Francis, was seine Landsleute antreibt. Es waren amerikanische Stoffe. Der Glaube und der Zweifel daran. Das Surfen. UFOs, Außerirdische. Die Angst vor Invasion des Heimatkontinents – den sie einst selbst als Eroberer betraten. Jetzt kommen einem die Pixies so spießig vor wie die Drei von der Tankstelle. Ein Leben ohne Themen.

Eine Platte mit dem Wort „Indie“ zu betiteln zeigt jedenfalls, dass die Band nicht hinter ihrer Bedeutsamkeit für die Musikrichtung zurückstehen will. Man beruft sich auf Historie, nimmt den Titel an. Aber nun gilt auch: Für den zweiten Abschnitt ihrer Karriere können sich Pixies, die seit ihrer Reunion 2004 neun Jahre lang nur mit altem Material tourten, nicht mehr hinter früherem Ruhm verstecken.