„Queer“ – Ein schweißnasser Fiebertraum

Die queere Buchadaption kann mit überraschender Surrealität und visueller Sexyness glänzen, hat aber auch so seine Problemzonen.

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Mit der Bedeutung „seltsam“, „verdreht“, „sonderbar“ verbreitete sich das englische Wort „queer“ ab den 1950er Jahren als Schimpfwort für alle, die nicht hetero waren. Der Schriftsteller William S. Burroughs wählte den Begriff als Titel seines zweiten Buchs. Eine Autobiografie – über seine verheimlichte sexuelle Orientierung und seine Suche nach einer Super-Droge im Dschungel Südamerikas.

Luca Guadagnino hat seinen neuen Film genau dieser Episode des US-amerikanischen Autors der Beat-Generation gewidmet. Nach „Call Me By Your Name“ (2017) mit Timothée Chalamet und Armie Hammer bereits die zweite queere Buchadaption des Regisseurs. Doch der neue Film ist anders. Sicherlich nicht Coming-Of-Age. Und sicherlich nicht so süß wie der Pfirsichsaft, der Chalamet einst auf die Brust hinab rann. In „Queer“ fließen hingegen vor allem drei Dinge: a) Der Schweiß, b) Heroin und c) der Lusttropfen.

Intellektuelle Hürden vorprogrammiert

Die Handlung folgt dabei William Lee. Burroughs Pseudonym seiner ersten Romane. Kurz bevor dieser „Queer“ zu schreiben begann, erschoss der Schriftsteller versehentlich seine Frau. Betrunken und aus einem Jux heraus wollte er mit ihr den „Apfelschuss“ aus Schillers Wilhelm Tell nachstellen. Die Tat beurteilte man später als Unfall. Eine wichtige Info für den Film, die Guadagnino bedauerlicherweise als Vorwissen voraussetzt. Schade. Denn wer will schon stundenlang Wikipedia studieren müssen, um einen Film komplett zu kapieren?

Ein Dandy im weißen Leinenanzug

Die Hauptfigur, gespielt von Daniel Craig, ist ein Drogenabhängiger in seinen Vierzigern. Alkohol, Gras, Kokain, Heroin. Wahrscheinlich würde er auch an einer Kröte lecken, wenn er sich davon einen Rausch verspräche. Weil er durch seine Sucht in den USA als Krimineller gilt, versucht er sein Glück Ende der 1940er in Mexiko-Stadt. Finanziell unabhängig, mit Geld seiner Familie.

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Lee ist in der Schwulen-Szene bekannt wie ein bunter Hund. Er feiert exzessiv in den Cantinas und geht seinen homosexuellen Gelüsten freizügig nach. Ob er dafür bezahlen muss oder nicht – völlig Schnuppe. In einer Menschentraube rund um einen Hahnenkampf auf der Straße, entdeckt er schließlich den viel jüngeren Ex-Soldaten und Gelegenheitsjobber Eugene Allerton (Drew Starkey) – und verliebt sich wahnhaft in ihn.

„Musicology“ statt Mariachi

Guadagnino inszeniert diese erste Begegnung bedeutungsschwanger in Zeitlupe: Lee ist von der jungenhaften Schönheit Allertons wie versteinert. Kitschig – ja, aber durch den ungewohnten „gay gaze“ durchaus pulstreibend. Dazu im Hintergrund: Nirvanas „Come As You Are“. Ein cooles i-Tüpfelchen, der anachronistische Soundtrack von Prince, Sinéad O‘Connor oder New Order – der bewusst so gar nicht in das Mexiko dieser Zeit zu passen scheint.

Dieses Mexiko ist im Verständnis des italienischen Filmemachers vor allem eins: eine Theaterkulisse. Man sieht dem Streifen die Studioproduktion in nahezu jeder Einstellung an: Im kräftig blutrotgestrichenen Flur eines billigen Hotels, an den bunten Puppenhausfassaden der flachbedachten Häuser, im künstlichen Licht der Stammkneipe: dem „Ship Ahoy“. Aber es fehlen Texturen, Gebrauchsspuren, bröckelnde Farbe, abgewetzte Kanten – Zeichen von Leben.

Drew Starkey (l.) und Daniel Craig in „Queer“
Drew Starkey (l.) und Daniel Craig in „Queer“
Yannis Drakoulidis A24

Ganz bewusst hat dieses Szenenbild nichts mit dem „echten“ Mexiko zu tun. Es hält sich schlicht sehr genau an die Buchvorlage. Die versucht ein wahrhaftes Eindringen in die Kultur des mittelamerikanischen Landes beinahe krampfhaft zu vermeiden und kratzt nur an der Oberfläche. Im Film sieht das nicht schlecht aus – nur eben gestellt.

Verführerische Filmtricks

Fotografiert ist der Film sehr geschmackvoll. Die Kamera, die mit schnellen Schwenks das menschliche Sehen nachempfindet und in den richtigen Momenten sehr lange (fast zu lange) draufhält: Das ist simpel. Aber effektiv. Vor allem verstärkt die Kameraführung das eigentliche Motiv: Die Introspektive des William Lee, der seine Umwelt komplett ausblendet. In ihm dreht sich alles nur um sein Begehren.

William Lee (Daniel Craig) möchte den jungen Allerton (Drew Starkey) von sich überzeugen.
William Lee (Daniel Craig) möchte den jungen Allerton (Drew Starkey) von sich überzeugen.
Yannis Drakoulidis A24

Der Eindruck gelingt Kameramann Sayombhu Mukdeeprom und Monteur Marco Costa besonders durch den Griff in die alte Filmtrickkiste: Mit weichen Überblendungen und doppelten Belichtungen sieht man auf der Leinwand sowohl Lees eigentliche Handlungen als auch seine sehnlichsten Wünsche. Zum Beispiel den Angebeteten bei der ersten Verabredung an der Bar zärtlich an der Wange zu berühren. Oder ihm später im Kino seinen Arm über die Schulter zu legen.

Daniel Craig im Kopf-Pornokino

Im Fokus dieser Ich-zentrierten Geschichte muss dabei natürlich der Hauptdarsteller stehen. Und das tut er. Daniel Craig verleiht dem im Roman als kontrollsüchtig, rassistisch und teils pädophil charakterisierten Protagonisten nun sympathische Züge. Er lässt dabei das verzweifelte Verlangen nach Aufmerksam aber nicht zu kurz kommen: Durch unsicheres Gelächter, peinliche Tanzeinlagen und grenzüberschreitendes Antatschen. Momente, in denen man vor Scham wegschauen möchte. Aber auch Mitleid empfindet.

„Drug sick“ und verzweifelt: Daniel Craig als William Lee
„Drug sick“ und verzweifelt: Daniel Craig als William Lee
Yannis Drakoulidis A24

Damit ist William Lee für Craig bisher bereits die dritte homosexuelle Rolle nach Privatdetektiv Benoit Blanc („Knives Out“, „Glass Onion“) und Francis Bacons Liebhaber George Dyer („Love Is The Devil“). Dass er dabei selbst nicht schwul ist, ist völlig irrelevant. Und ja, auch die Sexszenen sind authentisch – denn im Endeffekt sieht Sex doch immer gleich aus. Regisseur Guadagnino bebildert den Körperkontakt zwar explizit erotisch, aber vor allem ästhetisch ansprechend. Dabei zeigt das eigene Kopfkino ohnehin mehr als der Film selbst.

Drehbuch erweckt Selbstgespräche zum Leben

Drew Starkey wirkt als der umgarnte Eugene Allerton in dieser Erzählung erstaunlich blass. Das liegt weniger an seinem schauspielerischen Können. Sondern mehr am Drehbuch. Das besteht nämlich zu großen Teilen einfach aus Monologen des „Sugar Daddys“. Und der langweilt den als Objekt der Begierde degradierten Allerton immer mehr mit seinen erbärmlichen Annährungsversuchen. Skript-Autor Justin Kuritzkes („Challengers“) hält sich gerade im ersten Teil sehr streng an die Vorlage – und trotzdem transportiert der Film Lees Verzweiflung besser als das Buch.

Voll drauf durch Ecuador

Hoffnung macht dem hoffnungslos Verliebten dann nur noch die gemeinsame Reise durch Südamerika, zu der sich sein Crush nach einiger Überzeugungsarbeit letztlich bereit erklärt. Finden möchte William Lee in den Urwäldern Ecuadors eine pflanzliche Droge namens „Yagé“, heute bekannt als Ayahuasca.

Er macht sich also mit Allerton im strömenden Regen durch unwegsames Gelände des Urwalds auf die Suche nach der Botanikerin Dr. Cotter. Im Buch ein Mann, im Film eine schrullige, hexenartige Gruselfigur, hinreißend gespielt von Lesley Manville („Mum“). Sie ist bereit, die beiden zu unterstützen. Dabei wird sie auch gewahr, warum Lee so besessen nach dieser Lianenwurzel sucht. Denn die Einnahme verspricht dem Konsumenten telepathische Kräfte. Die Chance, seinen Begleiter endlich von sich zu überzeugen.

Lesley Manville als Dr. Cotter
Lesley Manville als Dr. Cotter
Yannis Drakoulidis A24

Bei der Begegnung im Dschungel wird der Film dann witzig – dreht aber auch völlig am Rad. Hier bewegt sich das Drama von der Buchvorlage weg und versetzt alle Beteiligten in einen absurden Rauschzustand. Eine choreographierte Body-Horror-Performance, die stark an Luca Guadagninos Tanz-Schocker „Suspira“ erinnert.

Ein Film für Leute, die gerne Hausaufgaben machen

„Seltsam“, „verdreht“, „sonderbar“ – diese Bedeutungen des Wörtchens „queer“ sind heute längst überholt. Dennoch deutet der Film sie für sich positiv um und macht sie zu passenden Attributen. Was ihm fehlt ist der Tiefgang der Charaktere – dafür muss das Publikum im Vorfeld seine Hausaufgaben gründlich erledigt haben. In der Handlung erfährt es über die Biographien der Protagonisten quasi nichts. In der Konsequenz sind Entscheidungen, Gefühle und Handlungen oft schwer nachvollziehbar. Überzeugen kann die Produktion hingegen vor allem durch ihre visuelle Sexyness und ihre überraschende Surrealität. Was am Ende bleibt – wohl vor allem offene Münder – und vielleicht ein paar offene Hosen.

Luca Guadagninos Drama startet am 2. Januar 2025 bundesweit in den Kinos.