Robbie Williams

„Britpop“ – Zeitreise in die eigene Jugend

Columbia/Sony (VÖ: 16.1.)

Robbie spielt noch einmal den 20-jährigen Britpop-Fan. Das ist putzig, doch ihm fehlen die Hitschreiber.

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Zeugt es von fehlendem oder zu viel Selbstbewusstsein, dass Robbie Williams sein 13. Studioalbum verschob, weil er nicht in derselben Woche wie Taylor Swift veröffentlichen wollte? Als könnte er wirklich mit dem Megasuperstar konkurrieren! Robbie singt immer noch in Stadien, das ist famos, aber der Großteil seiner Fans ist jetzt über vierzig, da sind keine sensationellen Spotify-Rekorde mehr zu erwarten. Ist doch auch egal, ein gutes Album würde reichen. „Britpop“: Die Ankündigung klang vielversprechend im Oasis-Reunion-Jahr, wenn man zu denen gehört, die sich 1995 freuten, dass sich Robbie von Take That befreit hatte und lieber mit den Gallaghers rumhing. Das von Farbbeuteln attackierte Foto auf dem Albumcover zeigt ihn in Glastonbury, sichtlich angeschickert und angeschlagen. Das war die Kehrseite. Wie viel hat der 50-jährige vierfache Vater jetzt noch mit dem wilden Schlawiner zu tun, der er vor dreißig Jahren war?

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„Britpop“ klingt wie der Versuch, noch mal die Leidenschaft und den Irrsinn rauszuholen, der einen mit zwanzig glauben lässt, alles drehe sich nur um einen selbst. Bei Robbie Williams hat dieses Gefühl wohl nie nachgelassen. Die besten Momente in seinem Werk waren immer die, wenn er sein Chaos in große Hymnen oder Balladen umwandelte – bzw. umwandeln ließ. Und da liegt schon das größte Problem: Rob braucht gute Songwriter. Früher hatte er Guy Chambers und Stephen Duffy, heute fehlen ihm geeignete Leute. Karl Brazil, Owen Parker, Sam Miller und all die anderen, die hier mitgewirkt haben, beherrschen Malen nach Zahlen, mehr nicht.

Robbie Williams war immer eine lose Kanone

Natürlich ist es herrlich, wie beim Auftakt „Rocket“ Black-Sabbath-Gitarrist Tony Iommi rumgniedelt und Robbie emphatisch „What a time to be alive!“ behauptet. Doch Teile von „Britpop“ klingen eher nach käsigen 80erJahren als nach Cool Britannia – und leider versucht sich Robbie zwischendurch als Rapper („Bite Your Tongue“, „You“). So wird es keine konsequente Zeitreise in die eigene Jugend, sondern ein durchwachsener Mischmasch an Möchtegern-Hits. Wenn er im banalen „Pretty Face“ immer wieder „Hello, hello“ singt, möchte man zurückrufen: Hallo, wo ist denn dein Pop-Gespür hin? „Human“, mit dem mexikanischen Duo Jesse & Joy gesungen, plätschert mit Standard-Erbauungslyrik („None of the strongest will survive/ Just make the most of being alive“) vor sich hin. „Morrissey“ funktioniert nicht, obwohl die Idee, Robbie würde den fehlgeleiteten Kollegen für den Rest seines Lebens festhalten, putzig ist – leider verdirbt ein billiger Dance-Beat alles.

Auf der Habenseite: „All My Life“ ist ein unwiderstehliches Selbstgeißelungsstück in bewährter Tradition, „It’s Okay Until The Drugs Stop Working“ ebenso überschwänglich larmoyant. Das reguläre Album (auf der Deluxe-Edition gibt es sechs weitere Songs) endet mit „Pocket Rocket“ und den Worten: „Are you gonna let it blow your mind?/ I just wanna be your rocket!“ Robbie Williams war immer eine lose Kanone, natürlich verzeihen wir ihm ein schwaches Album.

Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 2/2026.