Highlight: Michael Hutchence: Das letzte ROLLING-STONE-Interview vor seinem Tod

INXS Welcome To Wherever You Are


Wer als etablierte Rockband in den frühen 1990er-Jahren mithalten wollte, der musste sich schon etwas bewegen. U2 erkundeten mit „Achtung Baby“ den Madchester-Rave, selbst Bon Jovi brachten für „Keep The Faith“ den Bass zum Swingen. Auch INXS suchten die Tanzfläche und setzten auf den wahrscheinlich bestimmenden Rhythmus seiner Zeit.

Für die Singles „Taste It“ und „Not Enough Time“ verwendeten die Australier den Beat des Soul-Searchers-Song „Ashley’s Roadclip“, entstanden 1974, aber erst viel später berühmt geworden; seine Hochphase erlebte er ab den späten Achtzigern, Milli Vanilli, EMF, P.M. Dawn. Heute klingt der Rhythmus altmodisch, und er verzerrt den Blick auf alle Melodien, die sich mit ihm schmücken wollen. Was schade ist: Auf ihrem achten Album stellten INXS ein letztes Mal unter Beweis, dass sie Stars auf Lebenszeit hätten sein können.

Aber „Welcome To Wherever You Are“ ging unter, das Jahr war wohl zu voll mit spektakulären Alben. Es erschien 1992 zu einer Zeit, als Guns N’Roses und U2 die Welt betourten, Axl Rose hielt „One“ für den größten Song aller Zeiten, Bono wiederum sang mit Michael Stipe „Everybody Hurts“. Nirvana, mit „Nevermind“ selbst von 0 auf 100 zu Megastars geworden, bekundeten ihre Liebe zu „Automatic For The People“ von R.E.M. Und Sogar Metallica wurden Mainstream. Der Sommer war dicht. Das Sextett um Michael Hutchence wirkte dagegen abgehangen, auch, weil das letzte Werk, „X“, wie Bluesrock vor der Schließstunde klang.

Auf „Welcome …“ sind eigentlich nur Hits – auch, wenn sie in den Charts nicht zu finden waren. Vorab-Single„Heaven Sent“: Das war 1-2-3-4-Rock, nicht so aufgeblasen wie davor „Suicide Blonde“. Sogar die Nicht-Singles, wie „Strange Desire“ oder „Back On Line“, sind Hits, von traumwandlerischer Zielsicherheit. Sich selbst genügender Pop ohne jene Weltmacht-Ambitionen, an sie sich doch nur hätte messen lassen müssen.

Das Albumcover war großartig. Würden die Jungen nicht lachen, sie wirkten wie aus einem späteren Wes-Anderson-Klamauk entsprungen. Es ließ keinerlei Rückschlüsse auf Musik, geschweige denn eine Verbindung zum Plattentitel zu.

INXS wurden bereits 15 (!) Jahre zuvor gegründet, 1977. Hutchence war nun erst 32. Die Band durchlief etliche Formationen, spielte sich in ihrer Heimat hoch. Bis zu 300 Konzerte pro Jahr. Als sie 1985 bei „Live Aid“ aus Down Under zugeschaltet wurden, dachte man in Europa dennoch nur: Wer sind die denn? Aber was hätte man INXS 1992, nach dem Welterfolg von „Kick“, noch erzählen sollen? Sie hatten alles erlebt.

Medien-Terror

Zwei Höhepunkte des Albums sind „Communication“ und „Baby Don’t Cry“. Der erste Song behandelte das Thema Reizüberflutung, Anfang der 90er war das im Pop ein großes Ding. „Communication – disinformation“ sang Hutchence, wie in bester „Zoo TV“-Manier von U2. Damals ging es nicht mal um den wirklichen Medien-Terror von heute, Fake News, Social Media, Filterblase und im Allgemeinen das Internet. Satelliten-Fernsehen plus Live-Übertragung erschienen schlimm genug. Das Übel würden 1993 dann noch Duran Duran besingen („Too Much Information“), die für ihre „Wedding Album“ genau wie INXS übrigens auch auf den „Ashley’s Roadclip“-Beat zurückgriffen.

„Baby Don’t Cry“ hätte in einer gerechten Welt der größte Hit der Band werden müssen. In Wirklichkeit kam es in Großbritannien nur auf Platz 20, in ihrer Heimat Australien gar nur auf die 30. Dies Bläser spielen derart bombastisch auf, dass INXS den einzig Richtige tun um dagegen anzukommen. Sie setzen jene Pop-Geheimwaffe ein, auf die ABBA oder Depeche Mode immer wieder zurückgriffen: den Song knallhart nicht mit der Strophe, sondern gleich mit dem Refrain beginnen.

Michael Hutchence legte alles in seine Stimme. Er war ja auch ein Soulsänger, was viele nicht anerkennen wollten. Am Ende übertönt er das Orchester wie im Spiel.


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