Toggle menu

Rolling Stone

Back to top Share
Artikel teilen
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
  • Whatsapp
  • Email
Search

Shinchonji: Eine schrecklich nette Sekte will in Deutschland groß werden

Kommentieren
0
E-Mail

Shinchonji: Eine schrecklich nette Sekte will in Deutschland groß werden

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Lee Man-hee ist 83 Jahre alt. In seinem Fall ist das aber kein Alter, denn er behauptet von sich, dass er sowieso nie sterben werde. Schließlich sei er der Nachfolger von Jesus Christus. Er misst nur ungefähr 1,60 Meter, aber für 150.000 Menschen ist Lee Man-Hee der Größte. Sie glauben, dass sein Blut heilig ist und dass sie etwas mit ihm erreichen können, was niemandem je gelungen ist: die Welt retten. Und Frieden überall. 

Wie das gelingen soll in Zeiten von IS-Terror, Gaza, Assad und Ukraine? Realtiv einfach: Alle Religionen der Welt sollen sich vertragen. Deshalb gründete er vor 30 Jahren eine Kirche namens Shinchonji („neuer Himmel, neue Erde“). Ihre Lehre basiert auf der Bibel, zumindest passagenweise, die so gedeutet werden, dass ein neuer Heiland aus einem Volk kommt, das isoliert zwischen Japan und China lebt. Korea also. Die Welt, die wir kennen, befinde sich gerade in ihrer Endphase und nur wer sich dem „verheißenen Pastor“ anschließt und für den Weltfrieden kämpft, zählt zur Elite der „Versiegelten“ und hat eine Chance, dem Fegefeuer zu entgehen. Am ehesten ist Shinchonji wohl mit der in den 70er-Jahren ebenfalls in Korea umtriebigen Moon-Sekte zu vergleichen: Christentum, aggressive Missionierung, Abschottung der Mitglieder. Auch die Wiedervereinigung Koreas war eines ihrer Ziele ­– und nun bekommt eben Lee Man-hee Beifall dafür.

Rund 75.000 Menschen, darunter viele ältere Damen und Jugendliche, haben sich im Seouler Olympiastadion versammelt. Auf einer kleinen Bühne in ihrer Mitte: Lee Man-hee. Vergrößert auf einer Leinwand sieht man ihn besser. In weissem Anzug und gelbem Schlips steht er dort und brüllt auf Koreanisch in das Mikrofon: „Die Jugend ist der Schlüssel zum Weltfrieden!“ Jubel, die Damen mit ihren Schirmmützen schwenken Tausende Fähnchen: brasilianische, chinesische, auch deutsche. Hier scheint die ganze Welt vertreten zu sein. „In Israel herrscht ein Konflikt zwischen Brüdern, die sich nur vertragen müssten!“ – Mehr Applaus. Und dann: „Doch das grosse Ziel muss der Weltfrieden sein!“

Der Weltfrieden also. Den hat schon die beachtliche westdeutsche Friedensbewegung in den 80er Jahren nicht herbeidemonstrieren können. Aber die Menschen im Stadion sind überzeugt, dass ihr Glaube Berge versetzen oder zumindest Nationen versöhnen kann.

Politiker aus 140 Ländern sind angeblich an diesem Wochenende zum World Alliance of Religions Peace Summit angereist, wie sich die seltsame Versammlung hochtrabend nennt. Und zumindest die früheren Präsidenten von Rumänien und Ekuador sind darunter und auch der ehemalige Vizepräsident Russlands, Alexander Ruzkoi. Der lässt auf der Bühne „Grüße von Präsident Putin“ ausrichten: „Wir arbeiten ja alle am Ziel des Weltfriedens.“

Dafür hat Lee Man-hee auch schon konkrete Vorschläge: Alle Anwesenden sollen ein Papier unterzeichnen, das er persönlich aufgesetzt hat. Auf Koreanisch und auf Englisch. Er ist sich sicher, „dieser Vertrag ist die Grundlage für den Weltfrieden“. Dann hält er Daumen und Zeigefinger abgespreizt in die Luft, so dass ein V entsteht, für „Victory“. Aber weil der Daumen kürzer ist als der Zeigefinger, könnte es genauso gut ein L sein.

Frankfurt im Sommer 2011: John Seven weiß von Korea nur wenig – Olympiastadt Seoul, geteiltes Land, Samsung. Er ist Ende 30, kommt aus einer Kleinstadt, nur bei Facebook heißt er John Seven. Ein neues Gemeindemitglied nimmt ihn irgendwann mit zu Bibelstunden. Er ist auch Christ, sie reden viel über den Auftrag Gottes, über das Himmelreich, der neue Freund sagt, das sei bereits angebrochen, denn der Messias sei da, also in Korea. Seven kann heute nicht mehr genau erklären, warum er all das glaubte, warum er bei Koreanern in Frankfurt Halt fand, warum er anfing, „Annyeonghasseo“ statt „Hallo“ zu sagen. Aber es dauerte letztlich nur wenige Wochen, dann  hatte er ein koreanisches Formular unterschrieben: seine Beitrittserklärung. Ab jetzt muss er „den Zehnten“ entrichten, zehn Prozent seines Gehalts.

Dann folgt die Isolierung von den Freunden und der Familie. Seine neuen Freunde feiern viele Feste, die Gelegenheit bieten, noch mehr Geld für Shinchonji  zu spenden. John Seven missioniert, hilft bei Seminaren, wirbt Mitglieder. In dieser Zeit tauchen auch die ersten Fotos von Friedensmärschen der Sekte im Internet auf. Was ist schon falsch daran? Einiges, findet Thomas Gandow.

Der vollbärtige Theologe war damals Sektenbeauftrager der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, und Lee Man-hees Jünger sind nun so etwas wie sein Hobby geworden. 150, so schätzt er, gibt es davon in seiner Region. „Vor vier Jahren dachte ich noch, sie wären eine christliche Sekte, aber inzwischen bin ich davon überzeugt, dass sie das Christentum nur benutzen, um Kontakt zu neuen Anhängern zu knüpfen.“ In Berlin funktioniere das so: Sie feiern koreanische Grillabende in Kirchengemeinden, denn Bulgogi (scharf mariniertes Rindfleisch) ist gerade nicht nur in den hippen Restaurants von Prenzlauer Berg sehr angesagt. Dort werden die Gäste dann mit dem koreanischen Nationalgericht und esoterischen Thesen zum Weltfrieden versorgt. Warum die Sekte damit so erfolgreich und wohlhabend geworden ist, kann Gandow auch nicht sagen, aber er sei gerade dabei, die Finanzstrukturen zu durchleuchten. Die zehn Prozent von John Sevens Gehalt seien da nur der kleinste Teil.

Seoul, Herbst 2014: Die Veranstaltung im Olympiastadion dauert drei Tage, mindestens 2.000 Gäste aus aller Welt sind eingeladen worden, inklusive Flug, Hotel, Flughafentransfer. Viele Jugendgruppenleiter sind darunter, und die fangen an, sich zu wundern, warum sie da sind. Auch Dirk Niebel, bis 2013 Deutschlands Entwicklungsminister, wäre beinahe im Stadion gewesen, ebenso die ehemalige CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld. Sie standen jedenfalls als Redner auf dem Festivalprogramm der Sekte. Lengsfeld antwortet auf Nachfrage des ROLLING STONE per E-Mail, sie habe erst kurz vor dem Abflug von dem Sektenhintergrund erfahren und sofort abgesagt. Niebel beruft sich auf das „renommierte Institute for Cultural Diplomacy“, über das er eingeladen worden sei. Doch im Berliner Büro des omminösen Instituts ist niemand zu erreichen. Offiziell habe sich die Organisation von Shinchonji distanziert, weiß Thomas Gandow – doch im Stadion von Seoul spricht ein Mitarbeiter des Instituts zu den verzückten Massen, direkt nach Lee Man-hees Auftritt.

Die ausländischen Gäste würden jedoch meist nur für die Fotografen eingeladen, erklärt Gandow. So würden sie oft unfreiwillig zum Teil der Sekten-Propaganda. Man lässt sie das Victory-Zeichen mit Daumen und Zeigefinger machen, in Kameras lächeln und den koreanischen Anhängern zeigen, dass man international ernst genommen werde. „Das ist erschreckend banal“, sagt Gandow. „An Shinchonji Interessierte sehen die vielen verschiedenen Flaggen und die hohen Amtsträger und sind beeindruckt.“ Er habe erlebt, dass hochrangige deutsche Politiker nicht gemerkt haben, dass sie es mit Sektenanhängern zu tun hatten. Es existierte zum Beispiel ein Bild mit Angela Merkel, auf dem eines der Mädchen neben der Kanzlerin ihre Hand zum V-Zeichen hebt. Auch ein Bild von Lee Man-hee und Lothar de Maizière wird von der Sekte für PR genutzt.

Das gläubige Fußvolk muss derweil für Nachschub sorgen: „Wenn wir niemanden brachten, keine Mitglieder werben konnten“, erzählt John Seven, „wurde uns gedroht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.“ Sonntags schaute er mit 50 anderen Gläubigen Lees live übertragenen Gottesdienst  aus Seoul auf dem Flachbildfernseher. John Seven trug in dieser Zeit eine gelbe Krawatte, denn Lee Man-hee hat seine Anhänger in zwölf Stämme unterteilt. Jeder bekommt einen Namen zugewiesen, Johns Stamm war „Simon“, und die Farbe von „Simon“ ist Gelb. Im März 2013 sollte John schließlich selbst Lee Man-hee treffen und flog nach Seoul. Drei Stunden wartete er bei minus 17 Grad. Der Messias hatte sich verspätet. Die Begegnung dauerte zwei Minuten, ein Foto wurde gemacht.

Man weiß nur wenig über den 83-jährigen Guru. Lee Man-hee ist verheiratet, stammt angeblich aus einer armen Familie aus Cheongdo. Weder über sein Vorleben noch über Bildung oder Beruf gibt der Messias Auskunft. In den 60er-Jahren hatte er sich einer anderen Sekte angeschlossen, bis er dann seine eigene gründete.

Die Bitte um ein Interview wird vertändelt, wir werden immer wieder vertröstet, schließlich erhalten wir gar keine Antwort mehr. Auf der Pressekonferenz zu Beginn des Festivals stellt sich Lee Man-hee ausschließlich den Fragen von Sektenmitgliedern. Stattdessen spricht Erika Lee mit uns, eine junge Amerikanerin und Mitarbeiter in der Shinchonji-Presseabteilung. „Lee Man-hee will den Weltfrieden“, sagt sie, „und wir, die Jugend der Welt, können ihm helfen, das zu erreichen.“ Mit der Kritik deutscher Sektenexperten konfrontiert, sagt sie nur: „Ich möchte nicht streiten. Jeder kann sich umschauen und sehen, dass alle Menschen hier eine positive Ausstrahlung haben.“ Sie sei gern bereit, ein Interview mit Lee zu organisieren, sagt sie freundlich und reicht eine Visitenkarte. Doch unsere Anfrage wird nie beantwortet.

Auf dem Platz vor dem Stadion steht Ivana D. aus Moldawien. Sie ist Leiterin einer Jugendgruppe und wurde von Shinchonji eingeflogen. Sie saß gleich unterhalb von Lees Tribüne. „Wir durften das Stadion lange nicht verlassen“, erzählt sie, „nicht einmal zur Toilette konnten wir.“ Ivana sagt, sie habe sich ständig beobachtet gefühlt – und zieht schließlich lieber in ein Hostel um, auf eigene Kosten. „Das dort drinnen ist doch Nordkorea“, sagt sie und zeigt auf das Olympiastadion. „So hatte ich mir den Süden des Landes nicht vorgestellt.“

Etwas abseits von ihr hat sich Kim Mi-suk mit einem Banner aufgebaut. Ihre Tochter ist verschwunden. Sie hält ein Passbild der jungen Frau in jede Fernsehkamera. „Seit zwei Jahren hat sie sich nicht gemeldet“, sagt die Mutter. „Ich weiß nicht einmal, ob sie noch so aussieht wie auf dem Foto.“ Gemeinsam mit anderen Eltern steht sie vor jeder Shinchonji-Veranstaltung und ruft laut: „Lee Man-hee ist ein Verräter, Shinchonji ist eine Sekte! Gebt uns unsere Kinder zurück!“

Die Veranstaltung in Seoul endet mit einem festlichen Feuerwerk, mit noch mehr Jubel und mit einem Schriftstück, das alle Gäste mit nach Hause nehmen sollen. Es ist eine schön gestaltete A4-Seite mit einer Friedenstaube im Briefkopf. Im Text wird die „Deklaration des Weltfriedens“ zitiert, die alle „hohen Besucher“ unterschrieben hätten: „Wir, die Oberhäupter aller Staaten, unterzeichnen dieses internationale Gesetz, damit alle Kriege auf der Erde beendet werden und der Weltfrieden für alle Nationen und Menschen gelte“, dann folgen ein Komma und zwei Wörter, die grammatikalisch nicht passen, aber schön klingen: „und Frieden.“

Thomas Gandow hat Kontakt zu Sektenexperten in Seoul, die ihn auf dem Laufenden halten. Nach solchen Massen-Events tauche Shinchonji allerdings meist ab. Die Webseite der Veranstaltung ist bereits gelöscht. Die Sektenführung ordnet sich neu, sie geben ihren Vereinen neue Namen, nutzen das neue Propaganda-Material. In Bezug auf Deutschland gebe es allerdings nicht viel Grund zur Sorge, glaubt Gandow, die Erfolgschancen für Sekten dieser Art seien hier eher gering. In Sachen Weltfrieden herrscht in Deutschland wohl doch eher eine gesunde Skepsis.

 Für Lee Man-hee gibt es allerdings drei Einträge auf Wikipedia: auf Koreanisch, Englisch und Deutsch. 2013 gelang es ihm sogar, auf dem Friedensforum der Leipziger Nikolaikirche zu sprechen. Vermittelt damals von der sogenannten Global Peace Generation, einer weiteren seltsamen der Sekte nahestehenden Organisation.

Das Institute for Cultural Diplomacy hat derweil im vergangenen November in Berlin Veranstaltungen organisiert, deren Gästeliste sich ähnlich merkwürdig liest wie die des Festivals in Seoul: Jermaine Jackson war dort, Marcia Barrett von Boney M hat ihre Single „You Can’t Fight While You’re Dancing“ der Organisation gewidmet, ein Zulu-Prinz sowie drei ehemalige Regierungschefs aus Georgien, Zypern und Mexiko waren auch da. Nur David Hasselhoff nicht. Er hatte kurzfristig abgesagt.

Kommentieren
0
E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel
  • Haftbefehl: Die Reime, die Musik, die Wut

    Gangsta-Rap war ein totes Genre in Deutschland, eine hohle Beschimpfungsmaschine. Seine Protagonisten suchten ihr privates Glück in Villenvierteln und Kleinfamilien. Doch im Untergrund brodelte es weiter. Ein Offenbacher Ex-Dealer stellt nun alles wieder auf die Füße. Er nennt sich HAFTBEFEHL

Kommentar schreiben