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Suede wollten nie Britpop sein. Bassist Mat Osman sagte lakonisch über ihren Einfluss: „Suede waren Dr. Frankenstein, aber eben nicht das Monster.“ Eine musikalische Hei- mat hatten sie dennoch: Mit ihrem 1993er Debüt waren sie die erfolgreichste Glam-Band seit T. Rex, und sicher hatten sie weniger mit „Cool Britannia“ gemein als mit Kate Bush und deren Poesie über Träume von Zoomorphismus, Dungeons & Dragons und den Zauber von Tarotkarten. „So Young“ feiert die Jugend, „The Next Life“ das Jenseits. Darin jauchzt Brett Anderson selbst bei einem Ausflug zum Eisessen im Kurort Worthing so, als ginge es um Leben und Tod.
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Die Aufhebung der Darwin’schen Hierarchien: „Dog Man Star“, Tier und Mensch, nicht mehr Sklave und Herr, sondern gleichrangig – Stars. Anderson verabscheut das B-Wort, aber 1994 war es so, dass die Big Four des Britpop im selben Jahr wichtige Alben veröffentlichten: Oasis mit „Definitely Maybe“, Pulp mit „His ’n’ Hers“, Blur mit „Parklife“ und Andersons Suede mit „Dog Man Star“.
Darüber, ob die Platte besser ist als jene der Konkurrenz, debattiert man seit mehr als dreißig Jahren in den Pubs. Das finale „Still Life“ trieb die Band auseinander, Gitarrist Bernard Butler würde Suede bald verlassen, die Orchestrierung empfand er als zu pompös. Tatsächlich bietet „Still Life“ eine unpeinliche Harmonie von Klassik und Pop, großartigen Schönklang, eine ganz andere, viel mutigere Welt als die der Neoklassiker heutiger Tage.
COMING UP
1996
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Sein Nachfolger wurde der 19-jährige Gitarrist Richard Oakes, der ein weniger fuzziges, weniger voluminöses Spiel bevorzugt. „Coming Up“ ist das schlanke Pop-Album der Band, die sich im „Cool Britannia“-Jahr von Fußball-EM, Spice Girls, „Trainspotting“ und den Rekordzahlen von Oasis aus Knebworth erstaunlich gut behaupten konnte. „Trash“, eine an David Bowies „Heroes“ angelehnte Vorabsingle, rief Erinnerungen an alte britische Meister hervor – zusammen mit „Stay Together“ ihre erfolgreichste UK-Single (Platz 3).
LOHNEND
Head Music
1999
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Richard Oakes wurde immer fülliger, weil er aus Frustration immer mehr trank. Brett Anderson wurde immer dünner, weil er aus Frustration immer mehr Crack und Kokain konsumierte.
Entstanden ist ein Album, das etwas mehr bietet als die Summe der einzelnen Teile – elektronische Musik war die Arbeitsidee und machte „Head Music“ zu einem Konzeptalbum über die Frage, ob Clubbing nicht vor allem im Kopf stattfindet. Wie auf dem Cover: der Körper als psychedelischer Resonanzraum.
Für eine Rockband war die Hinwendung zur Elektronik gewagt, U2 hatten es mit „Pop“ zwei Jahre zuvor schwer. Trip-Hop war der Sound der Stunde. Das letzte Nummer-eins-Album von Suede enthielt mit „Electricity“ und „She’s In Fashion“ zwei respektable Singles.
THE BLUE HOUR
2018
Pop, der als „erwachsen“ bezeichnet werden könnte – jedoch nicht im uncoolen Sinn von Adult Contemporary, wie man ihn in „Playlisten für Zerstreuungen“ findet: Songs wie „Roadkill“ oder „Dead Bird“ präsentieren Anderson, 51, als Überlebenden.
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Er überlebte seine Heroinabhängigkeit in den 90er-Jahren, später Crack und Kokain. Auch deshalb Lieder über Tiere, die in Gefahr sind, unachtsam waren, angefahren wurden und am Straßenrand verreckten.
So entstand Andersons Faszination für das „Blue Hour“-Motiv: verendete Lebewesen und wie sie vom Menschen, jenem „elevated beast“, betrachtet oder verwertet werden können.
ANTIDEPRESSANTS
2025
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Manche sagen, dass das gesamte Gothic-Genre 1979, mit Bauhaus, Siouxsie And The Banshees und Co., als Reaktion auf den sich zuspitzenden Kalten Krieg zwischen den Blockmächten entstand.
Auch das erste Gothic-Rock-Album von Suede folgt dem Gedanken einer verlorenen Welt, die dem Untergang geweiht ist – Ukrainekrieg und Trump schweben über den elf Songs ihres aktuellen Albums, in dem Anderson auch Spoken Word einsetzt.
„Disintegrate“ ist eines ihrer besten Stücke. „Antidepressants“ gilt als Mittelstück einer Trilogie von „black and white albums“ und folgt auf „Autofiction“ von 2022.
ERGÄNZEND
A NEW MORNING
2002
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Mag das Cover an die große, kurze Ära der „selbst gebrannten“ (gibt es das Wort heute im digitalen Kontext überhaupt noch?) CDs Anfang der Nullerjahre erinnern, setzte im neuen Jahrtausend dennoch eine Suede-Müdigkeit ein. „A New Morning“ erreichte nicht die Top 20 der UK-Charts und ist das einzige Suede-Album, das nicht in den USA veröffentlicht wurde.
Aber auch wenn nach den Electronica-Experimenten von „Head Music“ die Rückkehr zum Glam-Pop nicht mutig wirkte – die Songs, allen voran „Positivity“, sind nicht so schlecht wie ihr Ruf. Und Anderson war clean – „die ersten Albumaufnahmen ohne Drogen“.
NIGHT THOUGHTS
2016
Sicher ihr stärkstes Werk seit „Head Music“ und ein Grund für Zuversicht nach dem eher erschöpfenden „Comeback“-Album „Bloodsports“ drei Jahre zuvor. Brett Anderson integrierte erstmals seit „Dog Man Star“ wieder orchestrale Arrangements ins Klangbild, das die cineastische Atmosphäre der Ed-Buller-Produktion verstärkte.
Die Band griff erstmals zu einer ungewöhnlichen Arbeitsmethode: Gitarrist Oakes, Bassist Osman, Schlagzeuger Simon Gilbert und Pianist Neil Codling komponierten instrumentale Stücke, Anderson kam später ins Studio nach Belgien und schrieb seine Texte – Fans wünschen sich bis heute eine Instrumentalversion von „Night Thoughts“, der Suede hoffentlich nachkommen. Bis dahin gilt es, die Platte als Quasi-Soundtrack zu genießen.
AUTOFICTION
2022
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Die vielsagende Leadsingle „She Still Leads Me On“ schrieb Brett Anderson nach dem Tod seiner Mutter. „Autofiction“ ist die „Rückspiegel-Platte“ von Suede, die Betrachtung des eigenen Lebens, vor allem der Kindheit, inspiriert von seiner Autobiografie „Coal Black Mornings“. Ander son verteidigte kreative Freiheiten in der Schilderung seiner Daseinsbilanz, verglich sie mit Tolkiens „Herr der Ringe“: „Viele Fantasy-Gestalten, Orks und Zauberer, aber eben auch Momente menschlicher Wahrheit.“ Die Expanded Edition enthält wuchtige Live-Versionen aller Albumsongs – späte Genugtuung dafür, dass Suede die Platte nicht live in kleinen Clubs einspielen konnten, da die Pandemiemall solche Pläne zerstörte.
SCHWÄCHER
Bloodsports
2013
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Suede können kein einziges wirklich schlechtes Album vorweisen, aber von den nicht so lohnenden ist dieses ihr unbefriedigendstes. Sie klangen hier, nach zehnjähriger Pause, wie Keane: teuer, edel ausstaffiert, aber sinnfrei. Pathos und Melancholie von „Dog Man Star“, das klar als Vorbild dienen sollte, findet Entsprechung in leblosen Liedern wie „Snowblind“.
BUCH
Brett Anderson, „Coal Black Mornings“
Angeblich wuchs Anderson in einer Waldhütte auf, die Familie musste Wild erlegen und es über offenem Feuer braten. Er selbst streunte zwischen den Büschen herum, es zählte das Recht des Stärkeren, er beschrieb es als „Herr der Fliegen“-Welt.
Anderson erweist sich in seinen Memoiren als herausragender Erzähler. Und mit atemberaubender Nebensächlichkeit berichtet er von einer Würdigung: Auf eine frühe „Drummer gesucht“-Annonce meldete sich nämlich auch ein Mike. Ein Mike aus Manchester. Ein Mike Joyce aus Manchester. Ex-Schlagzeuger der Smiths. Er kam zu einer Probe, doch man wurde sich nicht einig. Anderson schreibt, er habe Angst gehabt, vom Legendenstatus der Smiths erdrückt zu werden.
ROLLING STONE präsentiert: Suede mit neuem Album auf Tour
Suede, die Band, die den Britpop quasi erfunden hat, geht mit ihrem neuen Album „Antidepressants“ auf Tour. Am 9. März spielen sie in der Berliner Uber Eats Music Hall.
Das sind Suede
Anfang der 1990er Jahre eroberten Suede die Charts und Herzen der Engländer:innen: Mit ihren ersten Singles „The Drowners“ (1992), „Animal Nitrate“(1993) und ihrem gleichnamigen Debütalbum „Suede“ (1993) wurden sie schnell als Vorreiter des britischen Rock gefeiert. Schließlich etablierte sich mit und um Suede der Begriff „Britpop“ endgültig zu einem eigenständigen Genre.
1981 von Brett Anderson und Cat Osman gegründet, 2003 aufgelöst und spätestens 2013 wieder in aktiver Besetzung vereint, gehört die Rockband zu den etabliertesten Größen der Musikszene. Zu ihren Anfangszeiten verglich man sie mit Künstlern wie David Bowie oder The Smiths und schnell galt die Band als Favorit auf der englischen Halbinsel, bevor sie mit ihrem dritten Studioalbum „Coming Up“ (1996) die britischen und internationalen Charts stürmten.
Nach ihrer Trennung 2003 versuchte sich Brett Anderson vergebens mit Soloprojekten, bis die Band nach und nach wieder begann, vereinzelte Live-Shows zu spielen und letztlich zehn Jahre später mit „Bloodsports“ ihre Rückkehr feierten.
Zurück im Business: Neues Album und Tour
Seither veröffentlichte Suede vier weitere Alben. Nun erschien am 5. September ihre zehnte Platte „Antidepressants“. Nach eigenen Angaben liefert das Post-Post-Punk-Album der Britpop-Größen „kaputte Musik für kaputte Menschen“. Ihre Single „Dancing With The Europeans“ etwa handelt von der Suche nach Verbindungen in einer entfremdeten Welt. Ihr Klang ist jedoch noch immer derselbe, dynamisch-treibende, wie zu Suedes Anfängen.
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Mit dem neuen Album feiert die Band gleichzeitig auch ihre Rückkehr auf die die Bühnen europäischer Konzerthallen. Nach drei Jahren Live-Pause kommt Suede mit ihrer „Dancing with the Europeans“-Tour zurück. Im Januar 2026 werden sie in Großbritannien starten, bevor die Band im März weitere Orte in Europa ansteuern wird.
Am 9. März kann man sie auch in Berlin in der Uber Eats Music Hall erleben. Der Fan-Presale beginnt am 17. September um 10 Uhr exklusiv über Eventim, der generelle Ticket-Verkauf eröffnet einen Tag später, am Freitag den 19.September.
Menschen werden nicht nur krank, damit sie aus ihren Erfahrungen großartige Songs machen können. Auch wenn es manchmal fast so scheint. „June Rain“ auf „Antidepressants“, dem zehnten Studioalbum von Suede, beschwört das Gefühl von Dissoziation: „I’m an alien on the opposite side of the road“, singt der mittlerweile 57-jährige Brett Anderson, dessen Drogenabhängigkeit glücklicherweise schon eine Weile her ist, „the June rain where I hang myself out to dry“, poetisiert er weiter und haucht dem „drying“ mühelos und geschickt eine zweite Ebene ein.