Tänzchen mit dem Teufel: Amy Winehouse und die Medien


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Sogar die Rentner in der U-Bahn und die Leute im Blumenladen reden drüber. Die Mutter sagt, sie sei nicht überrascht gewesen, der Boyfriend schon, weil Amy ja bereits die Kleider rausgelegt hatte, um mit ihm am Sonntag auf eine Hochzeit zu gehen. Und vor ihrem Apartment in London stellen die Leute nicht nur Blumen und Bilder ab, sondern auch Zigarettensträuße und Wodkaflaschen. Absolut geschmacklos, wo die Frau sich doch wahrscheinlich totgesoffen und -geraucht hat, sagen die Leute.

Ich muss dann immer an einen Abend vor viereinhalb Jahren denken, als die Zähne, die Leber und der Teint der großen Sängerin Amy Winehouse noch halbwegs in Ordnung waren. An dem es also noch völlig okay war, dass die deutsche Plattenfirma per Beamer animierte Whiskypullen durch den Berliner Club fliegen ließ und an der Bar ein Gemisch aus Southern Comfort, Bananenlikör und Baileys ausschenkte, das angeblich Amys Lieblingscocktail war (vor dem Genuss wurde ausdrücklich gewarnt). Am 24. Januar 2007 war das, als die in Deutschland noch weithin unbekannte Künstlerin der hiesigen Presse vorgestellt wurde, mit Konzert, Party, Interviewmöglichkeiten. Man sei sich nicht sicher, ob man mit ihr fertig werden würde, wisperte schon im Vorfeld ein Mitarbeiter: Schließlich habe man aus England gehört, dass Amy Winehouse im Suff ziemlich gewalttätig werden könne, auch gegen Offizielle.

Dass ihre Musik ohne die privaten Süchte und Dunkelpunkte niemals dieselbe, niemals so gut gewesen wäre, ist in den letzten Tagen oft gesagt worden. Auch, dass der Druck der öffentlichen Beobachtung auf ihr lastete und einige Ausfälle wohl erst provozierte. Trotzdem: In den Todesfall Amy Winehouse sind die Medien – die Onlinedienste, Zeitschriften, TV-Magazine, U-Bahn-Newsbildschirm-Belieferer – auf eine Art und Weise verwickelt, wie sie in den rund 56 Jahren seit dem Tod von James Dean bislang beispiellos war. Und bevor jemand fragt: Ja, auch wir haben mitgemacht. Auch dieser Artikel ist noch immer Teil des Systems, das den Tod von Amy Winehouse zwar sicher nicht verursacht hat. Auf das dieser Tod allerdings ein extrem schmerzendes Licht wirft.

Wie doppelmoralisch Redakteure und Leser einerseits die Köpfe über Amys Gossengänge schüttelten, andererseits aber auch Spaß, Spannung und Umsatzzahlen aus ihnen zogen, wurde schon im November 2007 von der deutschen „Vanity Fair“-Ausgabe verurteilt. Kleines Problem: Es war Teil einer Amy-Titelstory, unter der Schlagzeile „Sterben für den Ruhm? Stars in der Drogenfalle – warum Amy Winehouse, Britney Spears, Pete Doherty & Lindsay Lohan mit ihrem Leben spielen“. Der Zauber des Hässlichen, Versehrten, dionysisch Kaputten – im Fall Amy Winehouse schien er ins derart unmessbar Große zu wachsen, dass viele ihn nicht mehr vom Glanz des Schönen und Begehrenswerten unterscheiden konnten. Und immer mehr davon wollten.

Man könnte allen, die die Fotos von blaugeschlagenen Augen, heraushängenden Brüsten und diversen bunten Wunden angeklickt haben, natürlich einfach Voyeurismus und Schadenfreude vorwerfen. Zwei Aspekte, die sicher mitgespielt haben. Eine Sache war noch entscheidender: die Naivität der Betrachter. Ausgerechnet Naivität, in einer Zeit, in der wir doch angeblich die letzten Illusionen schon verloren haben. In der aber auch immer tiefer das Gefühl in unsere Hirne sickert, dass Realität eine Art interaktives Spiel ist. In der eine Geschichte wie die vom Niedergang der Amy Winehouse nur eine Inszenierung sein kann, ein Perez-Hilton-Fotoroman, erzählt in den Termini der Soap Operas und Klitschko-Boxkämpfe.

Erst recht bei einem Opfer, das immer wieder erfolgreich den Eindruck erweckte, alles im Griff zu haben. Und deshalb kein echtes Mitleid, keine wahre Empörung zu brauchen schien. Und die Fresse geradezu absichtlich hinhielt, wenn von irgendwo ein neuer Schlag gesegelt kam.

Damals, als im Januar 2007 in Berlin die Deutschland-Release-Party stattfand, stellte die Plattenfirma auch ein neues Online-Promotion-Tool vor: ein Computerspiel, in dem man eine animierte Amy Winehouse mit Schnaps abfüllen musste. Mehr Rausch, mehr Punkte. Man fand das lustig damals –  wie die koketten „Was war ich gestern blau!“-Klagen pinktragender Schülerinnen. Ein Spiel. Beim anschließenden Konzert in der Kalkscheune trat Amy Winehouse unfassbar nüchtern auf, gut und on the spot. Viele, die Rabbatz erwartet hatten, gingen enttäuscht nach Hause.

Als Amy Winehouse dann Ende Juni 2011 bei ihrem Auftritt in Belgrad vor 20.000 Zuschauern dramatisch scheiterte, gab es immer noch Leute, die auf Facebook schrieben, dass sie großartig wie nie gewesen sei. Dass sie erfolgreich alle Erwartungen des Publikums unterlaufen und ein einzigartiges Kunstwerk geschaffen habe. Anfeuern, Applaus für Zerstörung. Entschuldigen muss sich keiner mehr, weder das Opfer noch die Betrachter. Bei Harald Juhnke war das noch ganz anders.

Umso bezeichnender und eigenartiger, dass der Tod von Amy Winehouse nun selbst keine richtig gute Geschichte herzugeben schein. Nicht wie bei Michael Jackson, nicht wie einst bei den anderen Mitgliedern des sonderbaren „Klub 27“, zu dem weder Sid Vicious noch Nick Drake oder Marc Bolan gehören. Sie sei wohl im Kampf gegen Alkohol und Drogen unterlegen, schrieb gestern irgendwer. Eine Floskel, klar, aber eine aufschlussreiche. Denn man kämpft nicht wirklich gegen Drogen: Man nimmt sie oder nicht. Wenn einer sie nicht mehr nimmt, ist das Spiel vorbei. Und wir unterhaltungssüchtigen Dinger sollten das gut finden.