The Beatles: Vor 60 Jahren erschien „Rubber Soul“
Das Album, das die Popmusik auf Farbe stellte und das Album-Zeitalter einläutete, hat Geburtstag
Im Herbst 1965 konnten die Beatles auf dem Gipfel des Ruhms kurz Luft holen – und die roch süßlich. Der amphetamingetriebene Beat war einer neuen Melancholie gewichen, die Band entdeckte das Studio für sich und erschuf innerhalb eines Monats ihr erstes Gesamtkunstwerk, das schließlich zwei Wochen nach Ende der Sessions, am 3. Dezember, erschien. Es trug den Namen „Rubber Soul“ – der Titel eine Hommage an Stax und Motown einerseits und das englische Wetter andererseits. Ein Album, das in seiner Originalität und Diversität ohne das, was in den Monaten zuvor geschah, nicht denkbar gewesen wäre.
Sitar, LSD, Elvis
Die Beatles begannen das Jahr mit der Produktion ihres zweiten Films, „Help!“. Die meiste Zeit waren sie bekifft, sodass die nötige Konzentration fehlte und sie ihre Dialoge ständig vergaßen. Die durch das Marihuana intensivierte Sinneswahrnehmung hatte allerdings weitere, für die Popmusik wegweisende Effekte: George Harrison verliebte sich beim Dreh in einem indischen Restaurant in der Londoner Blandford Street in den Klang der Sitar; John Lennon, der seine inneren Konflikte zuvor mithilfe von Amphetaminen und Alkohol verdrängt hatte, war plötzlich stillgestellt und lernte, in seinen Songs „Ich“ zu sagen – was ihn 1965 zu den besten Stücken seiner Karriere inspirierte: Im Frühjahr schrieb er „Help!“ und „You’ve Got to Hide Your Love Away“, im Herbst „In My Life“, „Girl“, „Nowhere Man“ und „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“.
Vermutlich spielte noch eine andere Droge eine Rolle bei Lennons veränderter Selbstwahrnehmung: Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihm und George Harrison im Frühjahr 1965 LSD in den Drink gemischt – für beide eine Offenbarung. Ihren zweiten Trip warfen sie im August 1965 während ihrer US-Tour ein, bei der die Beatles auch im New Yorker Shea Stadium vor 55.000 Besuchern das erste Stadionkonzert der Rockmusik spielten. Mit Peter Fonda und den Byrds in einem Haus in den Hollywood Hills. Einige Tage später trafen die Fab Four – wiederum bekifft – ihr Idol Elvis Presley in dessen Haus in Bel Air.
Songs of Experience
Nach dem letzten Konzert der Tour im Cow Palace in Daly City am 31. August hatten die Beatles zum ersten Mal nach anderthalb Jahren Beatlemania wieder ein paar Wochen frei. Allerdings mussten sie in dieser Zeit ein neues Album schreiben, das noch im selben Jahr erscheinen sollte.
Am 12. Oktober begannen sie mit den Aufnahmen, mussten dann am 26. Oktober für einen Ausflug zum Buckingham Palace unterbrechen, wo Queen Elizabeth II. sie, nachdem sie auf der Toilette des Palasts einen Joint geteilt hatten, zu Members of the British Empire ernannte. Am 11. November war das Album, auf dem sie alle Einflüsse dieses irren Jahres verarbeiteten, im Kasten.
Auf „Rubber Soul“ fanden sich, um es mit William Blake zu sagen, ihre „Songs of Experience“. Es klang, als hätte man die Beatles von Schwarz-Weiß auf Farbe gestellt: Aus dem vierköpfigen Monster waren vier Typen geworden; der fröhliche Beat hatte Melancholie und Folk Platz gemacht; die Rhythmussektion hatte sich emanzipiert, war freier geworden und gab den Songs eine neue musikalische Tiefe; und die Texte hatten sich von den üblichen Formeln des Pop gelöst, erzählten von starken Frauen, verunsicherten Männern und komplizierten Beziehungen. Popmusik war erwachsen geworden. Mit „Rubber Soul“ wurde das Album zur Kunstform erhoben. Und Brian Wilson hörte in seinem Haus in den Hollywood Hills ganz genau hin.
Zum 60. Jubiläum des Albums haben wir die 14 Songs in unserem Podcast ROLLING STONE Weekly für euch gerankt. Was ist der beste, was ist der schlechteste Song des Albums?