Kritik, The Cure, Berlin 3: NIE haben sie mehr Hits gespielt, bitte abheften!

Nie zuvor spielten The Cure in Deutschland mehr Klassiker. In Berlin liefern sie ihr Evergreen-Konzert: Alle Hits aus „Disintegration“ und „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“

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Entgegen des Klischees sind The Cure keine „Herbstband“ der regenverhangenen Tage im Jugendzimmer, sondern ein echter Sunshine Act: Zehn ihrer 14. Studioalben erschienen im Frühjahr, darunter die drei wichtigsten, „Seventeen Seconds“, „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“ sowie „Disintegration“, jenes Album mit Liedern wie Leichentüchern, bei deren Aufnahme Robert Smith, wie er sagte, die glücklichste Zeit seines Lebens genoss.

Dies zeigt sich auch beim dritten und letzten Konzert der Band in der Berliner Parkbühne Wuhlheide, wo sie zuletzt 2005 auftraten (und seltene Klassiker wie „Shiver and Shake“ aufführten), und damit übrigens auch mit nahezu 20.000 Zuschauern ihre heutige Live-Größe pro Konzert zementierten. Sie sind ein Sunshine Act, weil Robert Smith während der vergangenen Tourneen zunehmend Gefallen an Setdramaturgien gefunden hat, bei denen er im Zugabenblock einen bewegungsintensiven Hit nach dem anderen darbietet und somit im Rahmen einer fast dreistündigen Show deutlich seltener Gitarre spielen muss.

Ein energetischer Abend mit Tourpremieren

Das dritte Wuhlheide-Konzert ist auch ihr bestes in diesem Jahr, das entspannteste und technisch perfekteste. Es hat zweifellos damit zu tun, dass The Cure wegen der Sonntagssperrstunde eine Stunde eher beginnen, man dem Totgebruzzel der Sonne schon um 19.30 Uhr ein paar Lieder entgegenstemmen kann. Wieder geht es um die schönste Jahreszeit: „Diesen Song haben wir diesen Sommer noch nicht gespielt“, und dann stimmt Smith erstmals bei dieser Tournee „Catch“ an, jene südfranzösische Ballade, bei deren Aufnahmen zum Riviera-Dreh Smith 1987 ausrastete, weil der dauerbetrunkene Lol Tolhurst es nicht schaffte, mit einer Geige eine Wendeltreppe hinabzulaufen. Herrlich. Geiler Song, geile Memory Lane. Smith schafft es live sogar irgendwie, seine überlappende Gesangsspur aus der Studioversion zu replizieren.

Simon Gallup fehlt noch immer krankheitsbedingt, aber allein, dass sein Sohn Eden diese „Catch“-Tourpremiere (wie zwei Abende zuvor „Primary“) mühelos absolviert, beweist doch, wie sehr ihm diese Lieder bereits in die Knochen gegangen sind – für Rehearsals gab es keine Zeit, Eden spielte „Catch“ also from the scratch erstmals in seinem Leben (letztmals führten The Cure „Catch“ 2016 auf, da war Eden noch nicht Teil der Band).

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Die PA hält durch

Wir wünschen Simon schnelle Genesung, trotzdem ist allein der Gedanke lustig, dass Simon nicht nach Hause fährt, sondern im Krankenbett mitreist, weil er ja von Tag zu Tag abschätzen will, ob er nicht doch einsatzfähig sein könnte.

Die exzellente Stimmung zeigte sich bereits im definitiv von Robert Smith kompilierten Pre-Show-Tape, das erstmals mit seinem Lieblingslied bestückt war, „Starfish and Coffee“ von Prince, und trägt sich weiter zum Eröffnungsstück „Plainsong“, bei dem Smith zunächst einen Kussmund verteilt, nur um dann angewidert die Zunge auszustrecken (welche Antwort muss er wohl zuvor aus dem Publikum erhalten haben?).

Über den Soundmix lässt sich streiten – vielleicht hatte deshalb am Samstag kurzzeitig die PA gestreikt –, so dass gerade Liedstrecken wie „Pictures of You“ und „High“ in einem Jive-Bunny-artigen Megamix unterzugehen drohen, aber beim vierten Lied, „Lovesong“, ist die Subtilität gegeben; auch der eher handwerklich orientierte zweite Gitarrist Reeves Gabrels weiß hier durch sein sehnsuchtsdünenartiges, flächiges Spiel diesem Klassiker unerwartete neue Nuancen zu verleihen.

„Seventeen Seconds“ im Sonnenlicht

Wann haben The Cure „M“ zuletzt bei Tageslicht gespielt? Großartig. „M“ leitet den Mini-Block aus drei „Seventeen Seconds“-Stücken ein, auf „Play for Today“ mit seinem Santiano-Publikumsgesang folgt „A Forest“, bei dem ich mir niemals werde helfen lassen können: Es geht um einen Wald, schon klar, Farbe Grün, aber für mich klang dieses New-Wave-Meisterwerk immer klinisch blau.

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Es folgt „From The Edge of the Deep Green Sea“ mit seinen rötlichen, Mufasa-artigen Sonnenuntergangsvisuals, ein Gefühl wie beim „König der Löwen“ – „Eines Tages wird das alles dir gehören!“, sowie der unerwartete Soundtrack zur Klimakatastrophe, bereits 1989 vorweggenommen: „Prayers for Rain“.

Aus demselben Jahr ist auch „Lullaby“, ihr wirklich unwahrscheinlichster Hit: Hat es im UK jemals eine Top-Ten-Single gegeben, die nicht nur keinen Chorus hat, sondern auch durchgängig geflüstert wird?

Der Zugabenblock als Hit-Feuerwerk

„Lullaby“ leitet auch den Olivia-Rodrigo-Block der Hit-Singles ein, von denen eine wundersamer ist als die andere. „Close To Me“ von 1985 natürlich, von dem sich, wie Simon Price in seiner exzellenten „Curepedia“ verweist, George Michael für seinen Evergreen „Faith“ überstark „inspirieren“ ließ.

The Cure sind sehr viel. Eine Rock-Band, eine Goth-Band, und, deshalb sind auch Menschen aller Altersklassen in der Wuhlheide, eine Pop-Band. Früher verteilten sie ihre Klassiker in einer möglicherweise inszenierten Fahrlässigkeit auf ihre manchmal über drei Stunden langen Sets, manche vorn, manche mittig. Mittlerweile wuchten sie das Gros davon in ihren Zugabenblock.

Man sollte „Berlin 3“ deshalb gut in Erinnerung behalten.

The Cure performen:

Alle vier Singles von „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“.

Alle vier Singles von „Disintegration“.

Beide Singles von „The Head on The Door“.

Zwei Singles von „Wish“.

Zwei Singles aus den „Japanese Whispers“-Jahren. Nur „Let’s Go To Bed“ fehlte.

Nie haben The Cure in Deutschland mehr Hit-Singles gespielt als an diesem Sonntag in der Wuhlheide.

Ist das wichtig? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie hätten sich auf Deep Cuts konzentrieren können, und der Abend wäre genauso denkwürdig geworden.

Aber diese Setlist war einmalig, man sollte das, zumindest als Cure-Fan, immer bei sich tragen.

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