Kritik: The Cure, Berlin 2 – Eden Gallup rettet die Show
Cure-Boss Robert Smith kündigt Eden Gallup als Retter an. Tatsächlich steht er im Mittelpunkt eines Cure-Konzerts, das vielleicht noch gelungener ist als das vom Abend davor.
Die Worte lasen sich dramatisch, aber das liegt natürlich daran, dass sie komplett in Versalien geschrieben sind (Dringlichkeit!) und nicht zuletzt auch ein Zeichen dafür sind, dass Robert Smith selbst in die Tasten gehauen hat: Er macht immer All Caps. Wie am heutigen Samstag (11. Juli) auf Instagram: „Kurz vor dem ersten unserer drei Konzerte in der Berliner Wuhlheide gestern wurde Simon krank. Sein Sohn Eden rückte kurzerhand nach und rettete die Show. Leider geht es Simon noch immer nicht gut genug, um aufzutreten, daher wird Eden auch heute Abend wieder den Bass übernehmen. Wir hoffen, ihr schließt euch uns an und wünscht Simon eine schnelle Genesung. Und danke, Eden! Vorwärts! – RSX“
„Rettete die Show“ – das kann man wohl sagen. Nach dem Konzert am Freitag, dem ersten von dreien in der Parkbühne Wuhlheide, war es das Thema unter Cure-Apologeten: Wie schlägt sich Eden Gallup als Stellvertreter seines Vaters? Wird etwas fehlen, wenn er nicht mehr Gitarre spielt?
Natürlich hat Simon Gallup, der „Bad Wolf“, der Iron-Maiden-meets-Rockabilly-Bassist, eine starke Präsenz. Man muss aber auch sagen, dass er nicht wirklich fehlt. Sein Sohn Eden verzichtet sogar auf den Overdrive-Sound des Seniors, der das jüngste Cure-Album „Songs of a Lost World“ so unerquicklich prägte – so sehr, dass Robert Smith in einem Interview, selten genug, Stellung dazu nahm. Simon ist ihm wichtig, anscheinend auch die Art, wie er sich einbringt, auch wenn Smith manche Dinge anders getan hätte.
Warum in Berlin keine neuen Songs gespielt werden
Dass Eden Gallup zuletzt aber 2019 als Bassist für die Band tätig war, erklärt vielleicht auch das Fehlen von „Songs of a Lost World“-Tracks in den Berliner Setlists, weil Eden sie vielleicht noch nicht eingeübt hat. Das rückt The Cure zwar in die Nähe von Kiss, die auf den Tourneen zu ihren letzten aktuellen Alben ebenfalls keine aktuellen Songs spielten, im Fall von The Cure aber nur Vorteile bietet, da die Band sich auf ihren besseren Backkatalog konzentrieren kann.
The Cure gaben den Ausfall Simons am Samstagnachmittag bekannt, „Berlin 2“ fällt also deutlich entspannter aus als „Berlin 1“. Bei „Pictures of You“ redet Smith mit Eden, sie lachen, er streckt ihm die Zunge raus. Bei „Burn“ stützen sich beide gar Rücken an Rücken – das könnten Jon Bon Jovi und Richie Sambora nicht besser. Die gemeisterte Bewährungsprobe Edens ist „Fascination Street“, das zwar nicht Simons kompliziertesten, aber seinen wuchtigsten Basslauf enthält. Das Set bietet mit „The Lovecats“ auch jenes Weimarer-Republik-Gefühl, das zu Berlin passt; und bei „Never Enough“ greift Robert Smith erneut zum Tamburin („I may have found my instrument!“).
Alte Visuals, starke Songs und ein vermisstes Highlight
Dass die Visuals sich seit 2016 nicht geändert haben – Schattenrisse, auch von Perry Bamonte, bei „Shake Dog Shake“, die phallischen Birken bei „A Forest“ –, fällt fast nicht ins Gewicht, wäre da nicht dieser schön farbgefilterte Doppelherz-Margarine-Werbungsbaum, der bei „The Last Day of Summer“, gewidmet dem erkrankten Simon, eingespielt wird. Ein „Bloodflowers“-Lied, das uns wieder in Erinnerung ruft, dass The Cure in diesem Jahrtausend noch kein gutes Album veröffentlicht haben. Unglücklicherweise erwähnt Smith vor „The Last Days of Summer“ in seiner Ansage, die sich wie immer schwer verstehen lässt, auch noch „If Only Tonight We Could Sleep“, das die Band auf dieser Tour leider noch kein einziges Mal gespielt hat und das man sehnlichst erwartet.
„Play for Today“ wird vom Publikum mit jenem Chorgesang gesteuert, den uns auf dem 1993er-Livealbum „Paris“ die Franzosen vorgemacht haben und der seitdem Weltkarriere gemacht hat – das einzige Cure-Stück, bei dem die Menschen keinen Gesang, sondern eine Instrumentallinie nachsingen. „Play for Today“ geht über in „A Forest“, bei dem Eden Gallup selbstbewusst seinen unwahrscheinlichen Starfaktor ausspielt: Dem Bass-Freakout am Ende setzt er eine kleine Pause voran, um die Spannung zu erhöhen. Man wünscht Simon also schnelle Genesung, muss sich aber auch nicht für den Gedanken schämen, dass beide Konzerte auch ohne den Bad Wolf vollwertige Cure-Konzerte sind.
Am beeindruckendsten ist der „Pornography“-Block, dessen drei Titel „A Strange Day“, „One Hundred Years“ und „Cold“ vielleicht noch nie in dieser Reihenfolge gespielt wurden, uns aber auch in Erinnerung rufen, dass die Dramaturgie dieser Tournee ziemlich abrupten Brüchen folgen kann. Es fehlt ein Mittelteil. Der erste Block besteht aus den Epen, der zweite aus dem, was „Musikexpress“-Kollegin Hella Wittenberg treffend den „TikTok-Block“ nennt, also den Pop-Hits. Bei vielen anderen Tourneen gab es einen Mittelteil, der sich meist einer frühen, dunkleren Ära widmete – so wie hier der Ausflug in die „Pornography“-Epoche, der zu kurz geraten ist.
England vor Augen bis zum Schluss
The Cure performen heute einen Song mehr (27) als gestern, aber dass Robert Smith ausgerechnet heute überzieht, war von Anfang an unvorstellbar. Um 23 Uhr ist Anpfiff England–Norwegen. Einst kündigte Smith gar an, an Turnierspieltagen Englands überhaupt nicht auftreten zu wollen.
Vor dem letzten Song „Boys Don’t Cry“ fliegt ein Gegenstand auf die Bühne, den Keyboarder Roger O’Donnell unbeholfen wegkickt und dabei keine gute Figur macht. Smith hebt den mahnenden Zeigefinger: „Und genau darum wirst du heute Abend nicht für England spielen!“ Smith hat gut lachen. Ob backstage schon ein Fernseher mit der Live-Übertragung wartet? Dass die Verbindung steht, ist nichts, worauf man sich in diesem Berliner Wald verlassen sollte.