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Die größten Musiker aller Zeiten: The Who – Essay von Eddie Vedder, Pearl Jam


von

The Who

Von Eddie Vedder

The Who begannen als Spektakel und dann wurden sie spektakulär. Anfangs wollte die Band einfach alles kurz und klein schlagen; später, auf Alben wie „Tommy“ und „Quadrophenia“, verbanden sie diese rohe Energie mit Präzision und mit dem Ehrgeiz, groß angelegte musikalische Experimente durchzuziehen. Sie fragten sich: Was sind die Grenzen des Rock’n’Roll? Hat Musik wirklich die Kraft zu verändern, wie Menschen fühlen? Pete Townshend erkannte eine spirituelle Qualität in der Musik.

Sie waren eine unglaublich gute Band, deren Hauptsongwriter nun mal auf der Suche nach Harmonie und Sinn in seinem Leben war. Auf diese Reise nahm er die Zuhörer mit, er inspirierte andere dazu, ihren eigenen Weg zu suchen – und stand gleichzeitig im Guiness-Buch der Rekorde. Die lauteste Band der Welt.

Eddie Vedder von Pearl Jam (1992)
Eddie Vedder von Pearl Jam (1992)

Ich maße mir einmal an, für alle Who-Fans zu sprechen, wenn ich sage, dass es mein Leben unermesslich bereichert hat, ihr Fan zu sein. Und beunruhigt hat es mich auch: Sie traten jede Tür des Rock’n’Roll ein und hinterließen uns anderen nur Trümmer – da blieb nicht mehr viel, was wir als etwas Eigenes beanspruchen konnten. Sie gaben sich am Anfang arrogant, auch als sie noch, wie Pete selbst sagt, „eigentlich eine ganz gewöhnliche Band“ waren. Sie wurden dann immer besser, aber die Attitüde blieb. Diesen Faden nahmen viel später dann die Punks wieder auf.

The Who wollten lauter sein, also ließen sie Jim Marshall den 100-Watt-Verstärker entwickeln. Das reichte immer noch nicht, also stapelten sie die Dinger. Es heißt, das erste Gitarrenfeedback, das es auf Platte gab, finde sich in „Anyway, Anyhow, Anywhere“ von 1965. The Who erzählten Geschichten innerhalb der Grenzen eines Songs, und im Verlauf eines Albums sprengten sie diese Grenzen. Konnte man eine noch größere Geschichte erzählen? Was war überhaupt möglich? Und wie konnte man sie einem großen Publikum vermitteln – als es noch keine Videowände gab? Die Instrumente zertrümmern? Keith Moon sagte in einem Interview, sie wollten das Publikum bei den Eiern packen. Pete verwies dagegen lieber auf die autodestruktive Kunstbewegung in Deutschland – Skulpturen, die schnell zusammenbrachen, explodierende Installationen: Genauso sei auch das, was The Who machten, Kunst.

Ich war ungefähr neun, als ein Babysitter bei mir zu Hause „Who’s Next“ auflegte. Die Eltern waren weg. Die Fensterscheiben klirrten. Die Regale wackelten. Rock’n’Roll. Ab da erkundete ich eine Musik, die Seele hatte, in der Rebellion steckte, Aggression, Leidenschaft. Zerstörung. Das alles war Who-Musik. Da gab’s die Mittsechziger Maximum-R&B-Periode: Miniopern, Woodstock, Soloalben. Man stelle sich vor, wie das ist, wenn man als Kind „Live At Leeds“ begegnet, dieser Lokomotive von einer Platte. „Hi, ich heiße Eddie, ich bin zehn Jahre alt, und ich lass mich grade komplett wegblasen.“ The Who auf Platte waren dynamisch. Roger Daltrey sang verletzlich, aber ohne Schwäche, Zweifel oder Verwirrung. Es war kein Plädoyer für Mitleid. Ihr solltet euch unbedingt Rogers Gesang in „Lubie (Come Back Home)“, einem Bonus-Track auf dem ersten Album „My Generation“, anhören. Da läuft er zu Höchstform auf.

The Who: die beste Liveband der Welt

Sehr wahrscheinlich sind sie bis heute die beste Liveband. Selbst Listenfanatiker, Punklegende und Musikhistoriker Johnny Ramone war da mit mir einer Meinung. Man kann Keith Moon und sein Spiel nicht erklären. John Entwistle war ein Rätsel für sich, noch so eine virtuose Ausnahmeerscheinung. Roger verwandelte sein Mikro in eine Waffe, scheinbar zum Selbstschutz. Derweil stürzte sich Pete ins Getümmel und schwang seine 70er-Jahre-Les-Paul – und das ist eine verdammt schwere Gitarre.

Als Liveband erzeugten sie Bewegung, alles war in Fahrt, und das Ritual des Spielens schien sie zu befreien. Kürzlich sah ich Pete in Chicago Töne aus seiner Gitarre quetschen, wie ein Mechaniker Öl aus einem Lappen wringt. Ich sah zu, wie die Gitarre zum Leben erwachte, ein Lebewesen, das verprügelt und gewürgt wird. Als Pete sie ablegte, ich schwöre, sie wirkte erleichtert. Eine Stratocaster voller Schweiß.

John und Keith machten The Who zu dem, was sie waren. Roger war der Fels. Und Pete ist bis heute einer der wenigen Rockikonen, die viel mitgemacht und trotzdem überlebt haben. Er erkannte, dass man als Rock’n’Roll-Celebrity vom Publikum die Rolle verliehen bekommt, frei nach dem Motto: „Wir bezahlen dich, damit du uns unterhältst.“ Aber er stellte auch fest, dass die Meinung des Publikums umschlagen konnte in: „Wenn wir mit dir fertig sind, werden wir dich durch jemand anderes ersetzen. Für mich werden The Who immer unersetzlich bleiben.

Gie Knaeps Getty Images

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