Vic Chesnutt ist tot


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Es hinterlässt einen bitteren Schmerz, wenn man sich dieser Tage noch einmal „Flirted With You All My Life“ von Vic Chesnutt anhört. Jenen Song, in dem er dem Tode diesmal nicht per Selbstmordversuch sondern künstlerisch ins Auge blickt: „I flirted with you all my life / even kissed you once or twice / to this day I thought it was nice / but clearly I was not ready.“ Wer seine Lebensgeschichte kennt, den Unfall in seinem 18. Lebensjahr, der ihn an den Rollstuhl fesselte, wer um seine Selbstmordversuche weiß, wer seine tragischen, surrealen aber immer auch gallig-humorvollen Lyrics im Sinn hat, der ahnte von Anfang an, dass es sich dabei mitnichten um ein konventionelles Liebeslied handelt.

Chesnutt selbst sprach in den Interviews zum 2009er Album „At The Cut“ oft von diesem Song: „Ich wollte einen Song über eine selbstmordgefährdete Person schreiben. Es ist ein Song über mich. Ich habe diese Gedanken. Es ist ein Song, über einen Selbstmörder, der leben will.“ Wenn Chesnutt dort immer wieder singt „Oh death, clearly, I’m not ready“, mit diesem kraftvollen Schnarren, das schon Ende der 80er seinen Entdecker Michael Stipe so fasziniert hatte, dann klangen diese Zeilen nach Hoffnung, nach einer finalen Erkenntnis, dass es ein solches Ende auch nicht sein kann.

Es wird nun viel darüber spekuliert werden, ob Chesnutts Tod die Folge eines Selbstmordversuchs war. Aber das sollen andere übernehmen. Sein Label Constellation hat angekündigt, auf Wunsch von Chesnutts Familie weitere Informationen über den Tod zugänglich zu machen. Belassen wir es dabei. Fakt ist lediglich, dass Chesnutt eine zu hohe Dosis eines Muskelrelaxans im Körper hatte, die ihn zunächst in ein Koma fallen ließ und später, am 25. Dezember um 14:59 Uhr zum Tode führte. Mittel dieser Art musste er aufgrund seiner Krankheit nehmen.

Künstler und Fans zeigen sich in Trauer. Michael Stipe, der die ersten beiden Chesnutt-Alben produzierte, und ihn Ende der 80er im legendären „40 Watt Club“ in Athens entdeckte, sagte: „Wir haben einen unserer Besten verloren. Seine Songs und seine Lebensgeschichte werden überdauern.“ Patti Smith: „Er hatte eine Energie, die nicht von dieser Welt war.“ Jeff Mangum, Sänger von Neutral Milk Hotel erinnert sich: „1991 zog ich nach Athens, Georgia um Gott zu finden. Stattdessen fand ich Vic Chesnutt. Seine Musik hat meine Sichtweise auf mein Songwriting für immer verändert. Ich stehe auf ewig in seiner Schuld.“

Die mit Chesnutt befreundete Songwriterin Kristin Hersh ruft auf einer Website zu Spenden für seine Familie auf, begleitet von einem sehr ergreifenden Nachruf: „Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder seine Musik hören kann, aber ich weiß wie wichtig es ist, dass sie für andere weiterlebt. Als der Anruf kam, vor dem ich mich die letzten fünfzehn Jahre gefürchtet hatte, ist mein Leben aus dem Gleichgewicht geraten.“ Den kompletten Nachruf findet man hier.

Chesnutt hinterlässt ein großartiges Werk, das 13 Alben umfasst – und Stipe und Hersh sehen es ganz richtig: Diese Musik, allen voran Songs wie „Flirted With You All My Life“ – die wird weiterleben. Sie ist viel zu gut, wahr und schmerzhaft schön, um in Vergessenheit zu geraten.