Video: Grant Hart im Ramones Museum in Berlin


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Jeden Abend das gleiche Theater: Grant Hart steht auf irgendeiner Minibühne, in diesem Fall im Berliner King Kong Klub, und das Publikum verlangt lautstark nach „Diane“, „Pink Turns To Blue“ oder irgendeinem anderen der vielen Hüsker-Dü-Klassiker, die kein Mensch als Hits bezeichnen würde, die aber natürlich enorm wichtig waren und sind.

Hart tut den Leuten den Gefallen nicht – oder nur in kleinen Dosen. „Mehr als drei Hüsker-Dü-Songs mag ich nicht spielen“, erklärt der Veteran. Nicht, weil er sich von seinen früheren Ruhmestaten distanzieren will. Im Gegenteil: Hart erinnert sich gerne und heute auch überwiegend ohne Reue an die wegweisende Erst-Hardcore-und-später-irgendwas-Underground-Band, die er mit 17 zusammen mit Greg Norton und Bob Mould gründete und deren Werk den Boden für Grunge bereitete. Was er allerdings nicht sein möchte, ist eine Art musikalisches Äquivalent zu Sportwagen und Toupet. „Unsere alten Fans sind jetzt Mitte 40, stecken in der Midlife-Crisis – und ich soll ihnen nun helfen, sich ihrer Jugend zu erinnern. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung“.

Folgerichtig hält sich Hart auch nicht mit der Frage nach einer Reunion auf, und zwar nicht nur wegen der andauernden Querelen mit Bob Mould. Nach einer zögerlichen Annäherung im Jahre 2004 anlässlich einer Charitiy-Veranstaltung für den an Krebs erkrankten Soul-Asylum-Bassisten Karl Mueller, bei der Hart und Mould zusammen auftraten, ist das Verhältnis der beiden Songschreiber wieder so zerrüttet wie eh und je. „Das einzige, was ich wirklich bereue, ist der Verlust unserer Freundschaft“, sagt Hart. „Aber auch davon abgesehen: Wenn wir die Wahl zwischen Rück- und Weiterentwicklung hätten, würden wir uns beide für Weiterentwicklung entscheiden.“

Die Entwicklung des Musikers Grant Hart fand zuletzt überwiegend im Verborgenen statt. Nach „Good News For Modern Man“ (1999) veröffentlichte er zehn lange Jahre kein weiteres Album. „Ich fragte mich, warum ich mich ewig mit Plattenfirmenleuten herumärgern soll, nur um meine Musik im Internet zu verschenken“, erinnert sich der Musiker an die einsetzende Krise als Hauptursache für den Rückzug. Statt ins Studio zu gehen, tourte er unablässig durch die USA, um den Lebensunterhalt seiner „Wohngemeinschaft“ zu sichern, die aus zwei Katzen und seiner 86-jährigen Mutter besteht.

Inzwischen mag er auch wieder Platten aufnehmen: Anfang des Jahres gab es mit „Hot Wax“ ein neues Studio-Album, in diesen Tagen erscheint „Oeuvrevue“, eine Werkschau der Solo-Jahre. „Heute gibt es vernünftige Angebote für den Vertrieb von Musik im Internet“, erklärt Hart den Gesinnungswandel. Außerdem arbeitet er gerade an einer musikalischen Adaption von John Miltons Gedicht „Paradise Lost“, was ja absolut passt.

Denn natürlich ist Grant Hart, der lange mit einer falschen Aids-Diagnose lebte, heroinabhängig war und nicht genug Geld hat, um sich die Zähne restaurieren zu lassen, ein Mann, der sich mit der Vertreibung aus dem Paradies auskennt.