Zurück ins Schwarz. Zum Tod der großen, verzweifelten Sängerin Amy Winehouse


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Es war die Chronik eines angekündigten Todes – und dennoch wirkt die Nachricht vom Tod der Amy Winehouse wie eine makabre Erfindung der Klatschpresse, die in den vergangenen vier Jahren stets ein Plätzchen für Fotos von Exzessen, Abstürzen und Peinlichkeiten der jungen Frau bereit hielt. Noch Anfang der Woche zitierte Sat.1 Vater Mitchell mit der Aussage, seine Tochter müsse nun viel Zeit zur Erholung bekommen – und einen Arzt mit der drastischen Prognose, sie werde unter den derzeitigen Bedingungen nur noch wenige Monate leben.

Ende Juni war Amy Winehouse beim Auftakt einer Tournee in Serbien torkelnd und lallend aufgetreten, gestürzt und schließlich von gnädigen Musikern von der Bühne gebracht worden – unter Buhrufen des Publikums. Die Tournee wurde abgebrochen. Mit ihrer Patentochter stand Amy in der letzten Woche noch einmal kurz auf einer Bühne, um für die Platte des Mädchens zu werben. Gestern nachmittag, kurz vor 16 Uhr Ortszeit, wurde ein Notarztwagen zu ihrem Haus in London gerufen. Amy Winehouse war tot, 27 Jahre alt.

Die Karriere dieser außergewöhnlichen Sängerin fand – so erstaunlich sie war – im Schatten ihrer Selbstzerstörung statt. Stärker noch als bei Janis Joplin oder Billie Holiday waren ihre Leiden verwoben mit  den grandiosen Liedern, die sie zum größten Teil selbst schrieb. Schon an der Theater- und Musikschule für Begabte rebellierte das intelligente Mädchen, geboren am 14. September 1983. Mit 16 spielte sie in einem Jazz-Orchester, trat in Late-Night-Clubs auf und spielte, WAR die Verruchte; Mutter und Vater – sie Apothekerin, er verkrachter Jazz-Musiker und praktizierender Taxifahrer – erkannten ihr Talent und sahen hilflos zu, wie Amy ihren Weg ging. Ihre Leidenschaft für Soul, Jazz und Girl Groups der 60er-Jahre war ebenso manisch wie die Neigung zu wilden Männern, Alkohol und Drogen. Der erste Versuch einer Plattenfirma, die 18-jährige Amy Winehouse mit Songs im Sound der Zeit zu positionieren, scheiterte vor allem an der Renitenz der Künstlerin selbst.

2003 erschien dann das respektable Debüt „Frank“, ein ordentlicher Erfolg, der Amys Talent indes nur andeutete. Unter den Fittichen des Produzenten Mark Ronson entwickelte sie einen verblüffenden Retro-Stil, den sie mit ihrer Beehive-Frisur und dem düster-pathetischen Make-up spiegelte. An dem zweiten Album „Back To Black“ wirkten die Dap-Kings mit, ein Bläser-Ensemble, das sich ebenfalls dem Rhythm & Blues und Soul der 60er-Jahre verschrieben hat. Fast alle Songs schrieb die Winehouse allein, sogar ihr Gitarrenspiel wird im Booklet angegeben. Die Platte erschien Ende Oktober 2006 und entwickelte sich schleichend zum Bestseller und zur Sensation – nach einem halben Jahr erreichte sie die Spitzenposition der US-Charts, in Deutschland belegte sie erst im Januar 2008 die Nummer-eins-Position. In New York kopierten hysterische Mädchen Amys Outfits, sämtliche Konzerte waren ausverkauft.  

2007 heiratete Amy den Wüstling Blake Fielder-Civil, der wegen Drogendelikten zwischenzeitlich im Gefängnis saß, ließ sich nach zwei Jahren aber wieder scheiden. Beide teilten die Vorliebe für Tätowierungen, die sie großzügig auf ihren mageren Körpern verteilten, für harte Drogen und unflätiges Reden. Es häuften sich die derangierten Auftritte, die Abstürze, die durchgemachten Nächte, die auf dem Asphalt endeten. In einem Hotel im norwegischen Bergen wurden Blake und Amy mit Marihuana festgenommen und mussten sich vor Gericht verantworten. Die Öffentlichkeit gewöhnte sich an das Bild der verquollenen, irr dreinblickenden Winehouse, die Auftritte kaum noch durchstand. Die Arbeit an einem Titelstück für den James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ wurde untere reger Anteilnahme der Medien aufgegeben, weil Amy den Anstrengungen nicht gewachsen war. Neben der notorischen Alkoholsucht hatte sie wohl auch bulimische Anfälle; zuletzt berichtete ihr Vater von einem Lungenemphysem aufgrund von Crack-Rauchen. Die Einlieferung in die „Rehab“, deren Verweigerung sie in ihrem berühmten Song ironisch besang, gehörte zum Ritual:Erst im vorigen Mai hatte sie einen Entzug abgeschlossen – oder abgebrochen.    

In den wenigen Songs ihres Lebens besang Amy Winehouse furchtlos das Unheil: „You Know I’m No Good“, „Love Is A Losing Game“, „Wake Up Alone“, „Some Unholy War“. Auf Erden war dieser obsessiven, manisch-depressiven, schutzlosen Frau nicht zu helfen. Sie starb nun mit 27 Jahren, der magischen schwarzen Zahl der Popmusik: Hendrix, Joplin, Morrison und Cobain wurden ebenso alt.

Es bleibt diese Stimme, die so abgründig und erfahren klingt, so zynisch und herausfordernd, lustvoll und uralt. Es ist die Stimme, mit der Aretha Franklin „Respect“ sang, eine Stimme aus den Sümpfen und Kaschemmen, die Benachteiligung beklagt, verletzte Gefühle, unerwiderte Liebe, das Gewicht der Welt – und die eigene Dummheit. Amy Winehouse hatte die gewaltigste Stimme ihrer Generation – aber sie gehörte gar nicht zu dieser Generation. Man wird in Jahrzehnten nur von der legendären Sängerin sprechen, die so Recht bekam wie keine andere und der das nichts bedeutete. Die ein Meisterwerk und ein halbes hinterlässt und ein Mysterium. „What’s inside will never die“, sang Amy Winehouse. „I go back to black.“

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