„Chaos“: Hinter den Kulissen von Amazons Melania-Trump-Doku

Chaos, Macht und Millionen: Ein Blick hinter die Kulissen von Amazons Melania-Trump-Doku und die umstrittene Rolle von Brett Ratner.

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Am Samstag, am selben Tag, an dem ein ICE-Agent den Intensivpfleger Alex Pretti erschoss, während dieser in Minneapolis mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden fixiert war, versammelten sich einige Dutzend VIPs – darunter Apple-CEO Tim Cook, Königin Rania von Jordanien und der ehemalige Schwergewichtsboxweltmeister Mike Tyson – im Weißen Haus zu einer opulenten Party. Gefeiert wurde die bevorstehende Dokumentation „Melania: Twenty Days to History“, komplett mit speziell angefertigten Popcorn-Eimern und Geschenkboxen, die mit dem Porträt der First Lady verziert waren.

Einladung mit Fußnote

Die private Vorschau fand vor der Weltpremiere des von Brett Ratner inszenierten Films statt, die am Donnerstag im Kennedy Center in Washington, D.C., geplant ist. Im Kleingedruckten am unteren Rand der Einladung hieß es: „Wenn Sie Regierungsangestellter oder Regierungsbeamter sind, bestätigen Sie mit der Annahme dieser Einladung, dass Sie die Genehmigung Ihres Ethikbeauftragten oder Ihrer Rechtsabteilung erhalten haben, an dieser Veranstaltung teilzunehmen und bereitgestellte Gegenstände anzunehmen.“

Diese Standardformulierung bezieht sich auf die Tatsache, dass Bundesbeamte und Regierungsangestellte strengen Regeln unterliegen, wenn es darum geht, Geschenke von Personen oder Unternehmen anzunehmen, die Geschäfte mit der Regierung machen – um Interessenkonflikte oder auch nur den Anschein solcher Konflikte zu vermeiden.

Ein ironischer Hintergrund

Die Ironie ist kaum zu übersehen: Etwas mehr als ein Jahr zuvor hatte Melania einen Bieterwettstreit unter Hollywood-Studios ausgelöst, die sich die Gunst der kommenden Trump-Regierung sichern wollten. Amazon MGM Studios setzte sich schließlich gegen Disney (das gerade 15 Millionen Dollar an Trumps künftige Präsidentenbibliothek gespendet hatte, um eine fragwürdige Verleumdungsklage des damaligen designierten Präsidenten gegen die Tochtergesellschaft ABC beizulegen) und Paramount durch, das gute Beziehungen zum Weißen Haus suchte, da eine milliardenschwere Fusion anstand, die der Genehmigung durch die FCC bedurft hätte.

Einige Wochen bevor Amazon MGM Studios die schwindelerregende Summe von 40 Millionen Dollar für die Filmrechte bot – der höchste Betrag, den der Streamingdienst je für einen einzelnen Inhalt gezahlt hatte –, speiste Amazon-Gründer Jeff Bezos mit Trump und dessen Ehefrau in Mar-a-Lago.

Geld, Ethik und Einfluss

Laut „The Wall Street Journal“ behielt die First Lady rund 70 Prozent der Lizenzgebühr, also etwa 28 Millionen Dollar, selbst. Und technisch gesehen ist daran nichts illegal. „Die First Lady gilt aus ethischer Sicht als Privatperson, daher greifen die Interessenkonfliktgesetze und -regelungen für andere Mitarbeiter der Exekutive hier schlicht nicht“, sagt Don Fox, der frühere kommissarische Direktor des US-Amts für Regierungsethik, der unter den Präsidenten George Bush und Barack Obama tätig war.

Fox ergänzt jedoch, sein Büro hätte davon abgeraten, zu Beginn einer neuen Amtszeit einen derart lukrativen Deal mit Amazon anzunehmen – angesichts der umfangreichen Geschäftsbeziehungen, die Bezos mit der Bundesregierung unterhält: „Es sieht einfach so aus, als würde man sich Zugang und Wohlwollen erkaufen.“ Amazon Web Services ist ein riesiger Bundesauftragnehmer für zahlreiche Behörden, darunter das Verteidigungsministerium, und Bezos’ Raumfahrtunternehmen Blue Origin verfügt über NASA-Verträge im Milliardenwert.

Ein Sprecher von Amazon MGM Studios wies jede Hintergedanken zurück und erklärte gegenüber ROLLING STONE: „Wir haben den Film aus einem einzigen Grund lizenziert – weil wir glauben, dass die Kunden ihn lieben werden.“

Drehs im Ausnahmezustand

Der Kauf von „Melania“ durch Amazon löste einen hektischen Wettlauf aus, um in den Wochen vor der Amtseinführung möglichst viel Filmmaterial der First Lady zu sammeln. Das Ergebnis war ein chaotischer Prozess mit drei separaten Produktionsteams in Florida, Washington, D.C., und New York City. Jedes Team hatte einen renommierten Kameramann: Jeff Cronenweth, bekannt für seine Zusammenarbeit mit David Fincher; Michael Manns Stammkameramann Dante Spinotti; sowie Barry Peterson, zuletzt Kameramann der berüchtigten Colleen-Hoover-Verfilmung „It Ends With Us“. Jeder von ihnen drehte Teile des Films.

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„Die Leute wurden extrem hart rangenommen. Sehr lange Arbeitszeiten, stark desorganisiert, pures Chaos“, sagte eine Person, die am Set arbeitete. „Es war kein leicht verdientes Geld“, ergänzte eine andere. „Es war sehr schwierig wegen des ganzen Durcheinanders. … Normalerweise heißt es bei einer Doku: ‚Folge der Person.‘ Aber es ist Melania Trump. Mit First Lady und Secret Service kann man nicht einfach machen, was man sonst macht.“

Namen lieber nicht im Abspann

Ein Vollzeit-Reisekoordinator wurde engagiert, um logistische Probleme zu lösen – etwa wenn Crewmitglieder an Bord der Boeing 757 der Trump Organization gingen, um die First Lady auf einem Flug nach Mar-a-Lago zu filmen, und anschließend ohne Rücktransport dastanden.

Eine mit dem Projekt vertraute Person schätzte, dass rund zwei Drittel der Crewmitglieder in New York darum baten, nicht namentlich im Abspann genannt zu werden. Eine andere, die im Film genannt wird, sagte, sie bereue dies inzwischen: „Ich bin jetzt deutlich alarmierter als noch vor einem Jahr.“

Ratner als Problemfigur

Die meisten Beteiligten berichteten, dass sie weniger Schwierigkeiten mit Melania Trump selbst hatten – sie sei freundlich und sehr engagiert gewesen – als mit Regisseur Brett Ratner. „Sie war total nett“, sagte eine Person. „Sie war das Gegenteil von Brett Ratner.“

„Melania“ ist der erste Film, den Ratner gedreht hat, seit ihm 2017 von sechs Frauen sexuelle Belästigung und Übergriffe vorgeworfen wurden. Die Schauspielerin Natasha Henstridge sagte der „Los Angeles Times“, Ratner habe sie gezwungen, ihm mit 19 Jahren Oralsex zu leisten. Olivia Munn berichtete, Ratner habe vor ihr masturbiert, als sie als junge Schauspielerin ein Set besuchte. Ratner bestritt die Vorwürfe und wurde nie angeklagt. Später tauchte zudem ein Foto eines oberkörperfreien Ratner mit dem Model-Scout und Epstein-Vertrauten Jean-Luc Brunel in neu freigegebenen Epstein-Akten auf. Ratner bestritt gegenüber ROLLING STONE über einen Vermittler, Epstein je getroffen zu haben.

„Ich fühle mich ein bisschen unwohl wegen des propagandistischen Elements“, sagte ein Teammitglied, „aber Brett Ratner war das Schlimmste an diesem Projekt.“ Die Person erklärte, sie habe erst wenige Tage vor Drehbeginn von Ratners Beteiligung erfahren und hätte den Job sonst abgelehnt.

Ein anderer bestätigte: „Es wurde mehr darüber geredet, wie schmierig Brett ist, als über Melania.“

Respektloses Verhalten am Set

Ratner hinterließ laut Crew überall Abfälle – Orangenschalen, Kaugummipapier. „Er hat tatsächlich ein Kaugummi gekaut und es in einen Kaffeebecher auf meinem Wagen gespuckt“, sagte eine Person, „und meine Existenz nicht einmal eine Sekunde lang wahrgenommen.“

Ein anderer erinnerte sich an einen langen Drehtag, an dem keine Essenspausen erlaubt waren und kein externes Essen mitgebracht werden durfte. Alle waren hungrig. „Brett holte sich sein eigenes Essen, ging nach oben, aß es und leckte sich die Finger auf die widerlichste Art – entweder absichtlich oder völlig ohne Bewusstsein dafür, dass alle anderen arbeiteten und nichts zu essen hatten.“

Eine dritte beteiligte Person verteidigte Ratner hingegen: „Er ist ein intuitiver, unglaublicher, emotional intelligenter Regisseur. Das wird man auf der Leinwand sehen. Es ist nicht nur eine Dokumentation, es ist ein Film.“

Nähe zum Machtzentrum

Wie Trump und Ratner sich ursprünglich kennenlernten, ist unklar. Fest steht, dass der Regisseur dem Präsidentenpaar nahesteht: Berichten zufolge lebt er in einer Villa in Mar-a-Lago und filmte die First Lady auch nach Abschluss der Dreharbeiten weiter.

Eine Prüfung seiner politischen Spenden zeigt, dass Ratner keinen der drei Präsidentschaftswahlkämpfe Trumps finanziell unterstützte. Stattdessen spendete er 2016 mehrfach an Hillary Clinton sowie später an Kamala Harris, damals noch Senatorin von Kalifornien.

Viel Geld, wenig Enthüllungen

Trotz des außergewöhnlichen Zugangs zur First Lady und der enormen Summen, die in den Film flossen, sollten Zuschauer keine großen Enthüllungen erwarten. „Manche Menschen sind langweilig“, sagte ein Crewmitglied. „Und manche lassen ihre Fassade nie fallen.“

Amazon verweigerte eine Vorabvorführung des Films. Nach dem 40-Millionen-Dollar-Deal investiert der Streamingdienst laut „Puck News“ nun weitere 35 Millionen Dollar in die Vermarktung – mit TV-Spots während NFL-Übertragungen und einer Übernahme der Las Vegas Sphere. Ob sich diese Investition jenseits von politischem Wohlwollen auszahlt, bleibt offen.

Prognosen und Vergleichsfälle

Die Prognosen schwanken: BoxOffice.com rechnet mit nur rund einer Million Dollar am Startwochenende, während die National Research Group etwa fünf Millionen erwartet. Es gibt jedoch jüngere Beispiele, in denen Filme für ein konservatives Publikum besser abschnitten als erwartet: Das von Kritikern verrissene Dennis-Quaid-Biopic „Reagan“ spielte 2024 rund 30 Millionen Dollar ein, und der ebenfalls stark kritisierte Daily-Wire-Film „Am I Racist?“ kam auf 12 Millionen Dollar und war damit die erfolgreichste Dokumentation des Jahres.

Tessa Stuart schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil