DOK.fest München 2021: Diese fünf Musikdokus sollten Sie sehen


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Das internationale Dokumentarfilmfestival „DOK.fest München“ gehört zu Europas größten Festivals seiner Art und bietet mit insgesamt 131 Filmen aus 43 Ländern auch in diesem Jahr ein vielfältiges Programm. Mit dabei sind diesmal auch fünf Filme, die sich vor allem Musik-Begeisterte merken sollten. Wir haben uns die Filme angesehen und verraten Ihnen, warum sich diese Musikdokus lohnen.

7 YEARS OF LUKAS GRAHAM

Sieben Jahre habe es gedauert, um „7 Years of Lukas Graham“ fertigzustellen, so der Regisseur René Sascha Johannsen. Denn die größte Herausforderung sei es gewesen, überhaupt einen Konflikt innerhalb der dänischen Pop-Gruppe Lukas Graham zu finden. Denn zwischen den Jahren 2011 und 2015 erlebten die drei Musiker einen kometenhaften Aufstieg. Erst eroberten sie die Charts ihrer Heimat, dann gingen sie im restlichen Europa durch die Decke und am Ende auch noch in den USA.

Mit ihrem Album LUKAS GRAHAM (BLUE ALBUM) erzielten sie dort im Jahr 2015 nicht nur Platinstatus, sondern wurden im Dezember 2016 auch noch für drei Grammys nominiert. Besser hätte es nicht laufen können, doch als sie keinen der Grammys gewannen, zeichnete sich plötzlich doch ein Konflikt ab, auf welchen Johannsen den Film auch gezielt zulaufen lässt. 

Ihm ist es aber auch gelungen andere Konflikte zu finden, insbesondere im Inneren des Sängers Lukas Forchhammer. So zeigt der Film Forchammer beispielsweise nach einer misslungenen Studiosession in Los Angeles, wo er plötzlich doch an allem zu zweifeln beginnt und mit einem stinknormalen Leben liebäugelt. „7 Years of Lukas Graham“ ist somit nicht nur ein realistisches Porträt aufstrebender Musiker, sondern auch einer auf Kommerz ausgerichteten Musikindustrie, in der Forchhammer und Co lernen die Balance zu finden.

Außerdem: Am kommenden Samstag (15. Mai) werden Lukas Forchhammer sowie der Regisseur René Sascha Johannsen ab 20:00 Uhr zu Gast bei dem kostenfreien DOK.live Filmgespräch sein. Hier finden Sie zur Veranstaltung.

A SYMPHONY OF NOISE 

Der britische Sound-Artist Matthew Herbert ist seit über 20 Jahren dem Klang der Welt auf der Spur. Nachdem er als Kind klassisch ein Instrument lernte, merkte er im Alter von 16 Jahren, wie sehr ihn Klänge langweilen, die ausschließlich von Instrumenten erzeugt werden. Er kaufte sich schließlich einen Sampler und war überwältigt von der Macht, die sich ihm damit eröffnete.

Der Regisseur Enrique Sánchez Lansch zeigt mit „A Symphony Of Noise“ diese unendlichen Möglichkeiten und mit wie viel Witz, Kreativität, aber auch Ernsthaftigkeit Matthew Herbert den Sound der Welt erforscht und am Ende in einzigartige und vor allem tanzbare Soundscapes verwandelt. Denn „Dance-Musik muss nicht dumm sein“, sagt Herbert. So setzt sich seine Musik aus den alltäglichsten aber zugleich absurdesten Geräuschen zusammen. Zu Hören ist unter anderem das Ziehen eines Zahns oder das Klatschen von totem Schweinefleisch auf einem Schlachttisch.

Der Brite nimmt aber auch die Perspektive eines Baumes ein und lässt im inneren des Stammes ein Mikrofon befestigen, bevor dieser gefällt und seiner Baumrinde entledigt wird. An anderer Stelle wird es aber auch albern: Zum Beispiel als der Musiker in einem britischen Fish-And-Chips-Restaurant eine Trompete frittiert, um die dabei erzeugten Geräusche einzufangen. Fest steht: „A Symphony Of Noise“ ist ein durch und durch geräuschvoller Film, der es verdient auf guten Boxen geschaut zu werden.

FREAKSCENE – THE STORY OF DINOSAUR JR  

Filmemacher Philipp Reichenheim erzählt die Geschichte der legendären Rockband Dinosaur Jr., ohne deren Einfluss die Entstehung des Grunge und damit auch Bands wie Nirvana oder Sonic Youth kaum möglich gewesen wären. Damit ist der Film auch gleichzeitig eine Hommage, die offenlegt, wie sehr Dinosaur Jr. die Rockszene der frühen 1990er-Jahre beeinflussten.

„Freakscene“ startet bei den frühen Anfängen der Band, als Bandleader J. Mascis, Bassist Lou Barlow und Schlagzeuger Murph noch zu jung waren, um selbst mit dem Auto zur Bandprobe zu fahren. Doch ihr beeindruckendes Talent zeichnete sich schon damals ab – genauso wie ihre gegensätzlichen Charaktere, die letztendlich auch zu heftigen Konflikten führten. Eine Szene zeigt sogar, wie sich J. Mascis und Bassist Lou Barlow auf offener Bühne zu prügeln begannen. Inzwischen stehen die drei Rocker aber nicht mehr auf Kriegsfuß, was sie schlichtweg damit begründen, erwachsen geworden zu sein. Seit den Nullerjahren spielen sie wieder in ihrer Triobesetzung zusammen.

Mit umfangreichen Archivmaterial und neuen Interviews rekapituliert Philipp Reichenheim zusammen mit Dinosaur Jr. und weiteren Vertrauten eine Bandgeschichte, die rückblickend wie eine nervenaufreibende Achterbahnfahrt wirkt. Aber um Spaß sei es ihnen eh nie gegangen, sagen Dinosaur Jr. heute.

SILENCIO – VOICES OF LISBON

Die Regisseurinnen Judit Kalmár und Céline Coste Carlisle zeigen in ihrem Film die ursprüngliche Seele Lissabons, in dessen Kern seit Jahrhunderten die traditionelle Fado-Musik steht. Dicht verwoben ist diese alte Kultur insbesondere mit ihren Sänger*innen, zu denen auch Ivone Días (80) und Marta Miranda (40) gehören. In „Silencio – Voices of Lisbon“ offenbaren die Sängerinnen ihre tiefe Verbundenheit zu Lissabon und dem Fado.

Unermüdlich halten Miranda und Dias an der geliebten Tradition fest, die über Generationen hinweg als Sprachrohr der einfachen Leute galt. Sie singen über die Liebe zu ihrer Heimat und den Schmerz, nicht gehört zu werden. Im Hinblick auf die sich zuspitzende Gentrifizierung, das Aussterben alter Generationen und den Kreuzfahrt-Tourismus wirken die Inhalte uralter Fado-Lieder plötzlich wieder hochaktuell.

So lädt „Silencio – Voices of Lisbon“ am Ende zu zwei sich widersprechenden Wünschen ein. Erstens: Irgendwann selbst als Tourist bei einem Glas portugiesischen Rotwein einem Fado-Konzerte zu lauschen und zweitens: Dies auf gar keinen Fall zu tun und der Stadt und ihren Einheimischen eine Pause vom Massentourismus zu geben.

HERE WE MOVE HERE WE GROOVE

DJ Robert  Šoko flüchtete Anfang der 1990er-Jahre nach Berlin, nachdem sich der Krieg im ehemaligen Jugoslawien zuspitzte und den Staat allmählich zum Zusammensturz brachte. Seine neue Heimat fand der heute 51-Jährige in Berlin-Kreuzberg, wo er sich zum Godfather der Balkan-Beats entwickelte – einem Genre, das die traditionelle Musik des Balkanraumes mit Dance und Pop mischt.

Nach 30 Jahren in Berlin sagt Šoko nun: „Ich bin ein Berliner“, doch inzwischen habe eine neue Zeit begonnen, mit der sich auch seine Musik verändert. Regisseur Kreso begleitete Robert  Šoko drei Jahre lang, während dieser versuchte, die Musik von kürzlich nach Europa immigrierten Menschen mit Balkan-Beats zu verschmelzen, um so herauszufinden, wie sich der neue Sound Europas anhört.

Dabei musste Šoko schnell feststellen: Nicht nur Europa und seine Wahlheimat Berlin sind einem permanenten Wandel ausgesetzt, sondern die gesamte Welt – und damit auch zwingend seine Musik. Dies sei laut Šoko eine Tatsache, die ihm weder zu gefallen noch zu ärgern hat. Wichtig sei vielmehr, wie er als Musiker damit umgehe. Auf dieser Erkenntnis fuße laut Sergej Kreso auch der gesamte Film, der ohne Klischees wieder mal beweist, wie verbindend Musik wirken kann.