Stimmen der Gegenwart


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Degenhardt war wirklich stilprägend für die deutsche Liedermacherszene – in vielerlei Hinsicht. In der Verbindung des Poetischen mit dem Politischen, in seiner Sprache, aber auch musikalisch hat er unverkennbar seine Spuren hinterlassen und wirkt bis heute. Ich mag die Leichtigkeit, die seine Lieder trotz ihrer schweren Themen haben und seinen scharfzüngigen Ton. Dota Kehr

Degenhardt hat ja einen schlechten Ruf wegen seiner Agit-Prop-Musik für die moskautreue DKP in den späten 70ern und 80ern. Zurecht, muss ich sagen, aber er ist in hindsight trotzdem ein sehr schillernder Künstler, der, wie es mir neulich wie Schuppen von den Augen fiel, George Brassens hörte und wirklich Unglaubliches textete. „Auf der Espressomaschine“ fällt mir da ein oder auch „Ein schönes Lied“. Später ging er auf Politisches und zeitgeistig Folkloristisches ein. Nicht immer gut, aber oft kam dann trotzdem Eckiges und Unangepasstes durch. „Tonio Schiavo“, „Tarantella“ oder „Väterchen Franz“ kann man da nennen. Schräger, nerviger Typ und wirklich unterhaltsamer Texter und Interpret. Ich habe schon so manchen fröhlichen Abend mit der Kompilation „Gehen unsere Träume durch mein Lied (Ausgewählte Lieder 1963 – 2008)“ verbracht. Das ist deutlich besser als ein Hörbuch oder Netflix mit schönen, lustigen und auch ärgerlichen Stellen. Beklopptes Gitarrenspiel gibt’s gratis dazu. Von diesen 70er-Liedermachern ist er auf jeden Fall der mit Abstand der Beste. Oder vielleicht sogar der einzige Gute. Mir ist allerdings egal, wie er es fände, dass ich Sachen von ihm lustig finde: „Vatis Argumente“. Ekki Maas

Ich kannte das Werk von Franz-Josef Degenhardt nicht, bis man mich einlud, bei einem Konzert zu seinem 80. Geburtstag im Berliner Ensemble teilzunehmen. Die Organisatoren meinten, es gäbe da Berührungspunkte in unserer Kunst. Wir kommen natürlich aus ganz verschiedenen kulturellen Kontexten – ich aus einer jüdischen Familie in Detroit und einer yiddischen Folkszene, er aus der deutschen Liedermacherszene. Aber als ich sein Lied „Die alten Lieder“ hörte, stellte ich fest, dass er sich mit den gleichen Fragen auseinandergesetzt hatte wie ich, als ich nach Deutschland zog. Mit diesem seltsamen Verhältnis der Deutschen zu ihrer Folk-Tradition. Erst hatte der Faschismus die Lieder instrumentalisiert, nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Scham sie davon abgehalten, sie sich zurückzuholen. Ich habe „Die alten Lieder“ dann ins Yiddische und Englische übersetzt und festgestellt, dass auch Degenhardt ein Übersetzer war und ganz ähnlich gearbeitet hat wie ich. Als er zum Beispiel „Le Temps de Cerises“ übersetzt und in seiner Interpretation zudem in einen historischen Kontext gesetzt hat. Zudem steht Degenhardt für mich in der großen Tradition der Barden und politisch motivierten Troubadouren, in der grandiosen „Großen Schimpflitanei“ singt er „Meinem alten Schutzpatron,/ Dieb und Dichter, Franz Villon,/Sing ich oft auf seinem Grab,/ Lacht der sich die Eier ab/ Über diese Litanei/ Und dann singen wir zu zwei:/ Wenn ich an dem Galgen häng/ Und mir wird der Hals zu eng,/ Weiß nur ich, wer da so log/ Und wie schwer der Arsch mir wog.“ Franz Josef Degenhardt war ein Dieb und Dichter, ein „rabbi of lyrics“ wie Mordechaj Gebirtig oder Leonard Cohen. Und er hat mir gezeigt, dass man auch in der deutschen Sprache schöne Lieder schreiben kann. Das kannte ich bis dahin nur von Bertolt Brecht. Daniel Kahn