Eric Pfeils Pop-Tagebuch: das ganze akustische Weltall in der Lagerhalle


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Folge 33

Immer wieder muss ich in irgendwelchen Fragebögen die Rubrik „Lieblingsvideo“ ausfüllen. Abgesehen davon, dass die Rubrik „Lieblingsmusikvideo“ im Jahr 2014 ähnlich antiquiert mufft wie, sagen wir, „Lieblingstelefonzelle“, fällt mir fast nie ein Lieblingsmusikvideo ein. Ich glaube, ich interessiere mich einfach nicht für Musikvideos. Jedenfalls nicht für Musikvideos als Kunstform. Wenn Anton Corbijn die beliebte Angeberband Arcade Fire minutenlang mit übergestülpten Masken durch eine Schwarzweiß-Landschaft laufen lässt, falle ich rasch dem Ennui anheim. Immerhin, so scheint mir, ist endlich die Zeit vorbei, da der Markt mit Videos für digital erzeugte Popmusik überschwemmt wird, in denen vorrangig komische Grafiken, durch Stop-Trick animierte Mülltonnen, flatternde Tücher oder umkippende Gläser zu sehen sind. Ich saß vor gar nicht allzu langer Zeit mal in der Jury für einen Videopreis: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich da alles an flatterndem Tuch, öden Grafiken und per Stop-Trick voranhoppelnden Mülltonnen gesehen habe.

Ich schreibe in diese Fragebögen meistens irgendetwas wie „Girls Just Wanna Have Fun“ von Cindy Lauper oder „I’d Do Anything For Love“ von Meat Loaf. Meine liebsten Videos sind ohnehin solche, die Bands beim Playback-Musizieren in Fabrik- oder Lagerhallen zeigen. Vor gut zwanzig Jahren wurden fast alle Rock-Videos in Fabrik- oder Lagerhallen gedreht: Da standen dann Musiker in langen Ledermänteln und mit streitbaren Problemfrisuren herum, ließen sich fahl beleuchten und taten rockig. Oft war auch ein großer Ventilator, eine Schiffsschraube oder sonst irgendetwas Verrostetes zu sehen. Menschen wie Foreigner, Bryan Adams, Extreme oder die Spin Doctors haben, wenn man ihren Videografien Glauben schenkt, mehr Zeit in solchen Hallen als auf Konzertbühnen verbracht. Ich mag solche Videos sehr gerne, vielleicht fange ich ja im Alter an, sie zu sammeln. Ach, ist ja schon Alter.

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Ein Satz, den ich seit einer Woche täglich anbete: „I’m not a dork, I’m a fucking rock star“. Gesagt hat ihn bekanntlich Win Butler von Arcade Fire. Ich glaube nicht, dass Win Butler ein kompletter Vollidiot ist. Vor Jahren interviewte ich den Mann mal für eine Musikfachzeitschrift, und er machte einen durchaus sympathischen Eindruck. Allerdings sagt der Satz eine Menge aus über das, was ich an dieser Band so zermürbend finde.

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Meine derzeitige Lieblingsplatte stammt von den Zerdehnungskünstlern und Grusel-Jazzern Bohren & der Club of Gore. „Piano Nights“ heißt das Werk, das man sich alleine schon wegen des anmutigen Covers mehrfach in die Wohnung stellen sollte. Ich würde hier jetzt noch mehr über diese von einem ganz eigenen Humor durchdrungene Schleich- und Schlurfmusik schreiben, wenn nicht mein Freund Stephan Glietsch in nur wenigen Worten schon alles zu diesem Meisterwerk gesagt hätte: „Morgenmusik für Apathiker. Und zwischen den Akkorden kann man sich einen Kaffee aufbrühen.“ Ich möchte lediglich hinzufügen: Unverzichtbar für Fans analoger Kriech-Ambient-Musik, die finden, dass der Dario Argento der Siebziger und der Jim Jarmusch der Achtziger mal dringend zusammen einen Filmsoundtrack komponieren sollten.

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Kann man überhaupt Arcade Fire mögen, wenn man Lagerhallenvideosammler ist? Ich denke: Vielleicht.

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Die Sinnlosigkeit des Entdeckungs-Modus von Spotify zeigt sich im folgenden Ratschlag, der den Empfänger in IKEA-esker Manier doof ankumpelt: „Du hast Dir Elton John und Billy Joel angehört. Check mal Christopher Cross.“

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Aus der Abteilung „Dinge, die geschehen“:

Erwachsene Menschen bekommen ja die dollsten Sachen zugeschickt – Mahnungen, Schallplatten, Playmobilfiguren, die aussehen wie Foreigner oder Bryan Adams, Urlaubsgrüße von Leuten, von denen man gar nicht weiß, warum die schon wieder in Urlaub fahren können, Schuhe, gebrauchte Uniformjacken, Mails mit unangenehmen Partyfotos dran undundund. Amerikanische Musiker bekamen kürzlich noch etwas viel Tolleres zugeschickt, nämlich Tonaufnahmen aus dem Weltall.

Für eine Compilation namens „Space Project“ wurden etlichen Musiker Tonaufnahmen aus dem Weltall zugestellt, mit der Vorgabe, sie in ihre Musik zu integrieren. Einen Song, „Worms“ von den Quietsch-Psychedelikern Youth Lagoon, kann man bereits im Internet hören. Was genau da jetzt Weltall und was, sagen wir, rückwärts aufgenommene Nasenflöte ist, weiß man freilich nicht. Man kann das Weltall ja heute auch sehr gut nachmachen, denke ich mir, so dass man das echte Weltall zumindest akustisch vielleicht gar nicht mehr braucht. Bohren & Der Club of Gore klingen auch ganz ohne echtes oder falsches Weltall grandios. Der Youth-Lagoon-Song ist natürlich trotzdem gut, wie fast immer. Sind Youth Lagoon eigentlich inzwischen die besseren Flaming Lips? Nein, sind sie nicht. Warum, das muss ein anderes Mal geklärt werden, denn für heute ist Schluss. Ich muss noch meine Lagerhallenvideosammlung sortieren. Danach checke ich Christopher Cross.