Essay



Fußball-WM in Katar: Hello, schlechte Laune


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Am 20. November beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Erstmals findet das Turnier im Winter statt. Nicht zum ersten Mal in einem Land, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, aber noch nie war die Kritik so vehement wie in diesem Jahr, und die Vorfreude auf das Turnier hält sich hierzulande in Grenzen. Viele Fans stellen sich die Frage, ob sie die Spiele in diesem Jahr nicht besser boykottieren sollten, um ein Zeichen zu setzen. Und auch bei denen, die beruflich mit dem Sport zu tun haben, ist die Stimmung mies. Einzig die Funktionäre scheinen sich wirklich darauf zu freuen. 

Ja, ich schaue mir dieS spiele der Weltmeisterschaft in Katar an! Schließlich ist Fußball mein Beruf, weil ich darüber schreibe. Dass ich aber diesen ersten Satz mal ausdrücklich sagen und den zweiten dann würde hinterherschieben müssen, das hätte ich mir vor einiger Zeit auch nicht vorstellen können. Schließlich war die Weltmeisterschaft früher mal ein alle vier Jahre stattfindender globaler Kindergeburtstag für Fußballfreunde. Und eigentlich nicht nur für die, sondern auch für die beseelten Heerscharen von Gelegenheitsinteressierten, die dann Fußballbilder sammelten und sich mit wackeligem Halbwissen über „die Brasilianer“ brüsteten. Sogar für Echt-überhaupt-nicht-Interessierte und ausdrückliche Fußballhasser waren Weltmeisterschaften im Grunde eine schöne Zeit, weil sie in Ruhe ihren Dingen nachgehen konnten.

Doch jetzt wird eine Glaubens- oder Gewissensfrage daraus, ob man zuschaut oder boykottiert, wenn von Mitte November bis kurz vor Weihnachten in Katar gekickt wird. Das nervt – und das ist gut so.

Angefangen hat es 2010, als der Fußball-Weltverband FIFA gleich zwei Weltmeisterschaften auf einmal vergab: die von 2018 nach Russland und die 2022er nach Katar. Wobei Letztere umgehend hysterische Heiterkeit bis entsetztes Befremden auslöste. Schließlich war es eine zweifelsfrei irrwitzige Idee, in einem Land von der Größe Hessens, in dem weniger Menschen leben als in Berlin, eine WM mit 32 Teilnehmern und Hunderttausenden Fans auszutragen. Dass es im Sommer in Katar bis zu 50 Grad heiß werden kann, galt für die WM-Vergabe erstaunlicherweise nicht als Gegenargument. Es wurde was von klimatisierten Stadien gemurmelt, dann aber verlegte die FIFA das Turnier zwei Jahre später sicherheitshalber doch zum ersten Mal vom Sommer in den Winter.

Eines der prächtigen, aber nach der WM nutzlosen Stadien in Doha

Gekaufte WM-Turniere scheinen die Regel geworden zu sein

Es gab keinen nachvollziehbaren Grund, das Turnier nach Katar zu vergeben – außer Korruption. Inzwischen ist auch gut dokumentiert, dass die Kataris die FIFA-Entscheider bestachen und sich die WM quasi kauften. Die Russen taten das übrigens auch, und – um moralischer Hybris vorzubauen – höchstwahrscheinlich wir Deutschen vor dem schönen Sommermärchen von 2006 ebenfalls. Aber es ist die WM im superreichen Erdgasstaat, die zum Symbol dafür geworden ist, dass man sich im überkommerzialisierten Fußball alles kaufen kann. Und weil die WM in Katar so gaga ist, schaute man nun genauer hin, welche Interessen damit eigentlich verfolgt wurden.

Für Katar ist das größte Sportereignis der Welt auch ein Mittel des Nation-Branding und der Geostrategie. Einerseits versuchen alle Staaten auf der Arabischen Halbinsel ihre Zukunft für die Zeit nach Gas und Öl vorzubereiten. Dazu gehört die als Ausrichter großer Sportereignisse aller Art, in Katar etwa von Rennen der Formel 1 bis zu Weltmeisterschaften im Handball, der Leichtathletik und nun eben im Fußball. Über den katarischen Staatsfonds investiert das Land auch in den europäischen Fußball. Paris Saint-Germain gehört komplett ins Portfolio, der FC Barcelona und der FC Bayern werden gesponsert. Abu Dhabi hat, ebenfalls über einen Fonds, den englischen Spitzenklub Manchester City gekauft und Saudi-Arabien zuletzt das nordenglische Newcastle United.

Skyline von Doha

Staaten als Vereinsbesitzer, das wurde auf der Arabischen Halbinsel erfunden, wo man sich untereinander teilweise spinnefeind ist. Katar versucht international auch deshalb viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, damit das Emirat nicht im Windschatten globalen Desinteresses mal eben von Saudi-Arabien geschluckt wird. Mit dem Nachbarn gibt es, um es mal etwas flapsiger zu sagen, schon lange einen Konflikt darüber, welche Terrorgruppen man nun unterstützen darf und welche nicht – und wie man es mit dem Iran hält. Im Moment ruht dieser Konflikt, aber komplett gelöst ist er nicht.

Fußball dient als Feigenblatt

Der schwerwiegendste Vorwurf an die Katarer ist aber nicht, dass sie Fußball geostrategisch nutzen, sondern der des „Sportswashing“. Damit ist gemeint, dass der Glanz der Weltmeisterschaft darüber hinwegtäuschen soll, dass im Land die Menschenrechte nicht respektiert werden. Im Fußball gab es Sportswashing schon 1934, als das faschistische Italien die WM zur Werbeveranstaltung für sich machte. 1978 wurde sie in Argentinien ausgetragen, wo das Militär gerade geputscht hatte und politische Gegner verschwinden ließ, folterte und tötete, ohne dass die FIFA oder die WM-Teilnehmer dagegen protestierten.

Sport und Menschenrechte seien bislang kein Traumpaar, hat Markus Beeko, der Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International, neulich gesagt. Das kann man wohl sagen, denn meist hat die Lage der Menschenrechte in den Gastgeberländern nur am Rande interessiert, auch zuletzt bei der Fußball-WM in Russland oder bei Olympia 2022 in Peking. Doch nun ändert sich der Ton. „Es gibt keinen Platz für Gastgeber, die nicht die Sicherheit der WM-Arbeiter sicherstellen. Keinen Platz für Führungsfiguren, die keine Frauenspiele ausrichten. Keinen Platz für Ausrichter, die nicht die Sicherheit und den Respekt für die LGBQT+-Bewegung gewährleisten“, sagte Lise Klaveness, die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands, auf dem FIFA-Kongress in Katars Hauptstadt, Doha, im März dieses Jahres. Der Beifall für ihre Rede fiel spärlich aus.

Katar ist eine absolute Monarchie, in der Parteien verboten sind und die Meinungsfreiheit im Laufe der letzten Jahre immer weiter eingeschränkt worden ist. Die Frauenrechte sind ebenfalls eingeschränkt. Religionsfreiheit gibt es gar nicht; der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion ist eine Straftat. Das gilt auch für Homosexualität, die theoretisch sogar unter Todesstrafe steht. Und die Stadien bauten Arbeiter unter teilweise sklavereiähnlichen Bedingungen.

„Zum ersten Mal in der Geschichte sehen wir die Leute, die die Steine tragen, mit denen die Stadien gebaut werden“, hat Klaveness gesagt. Zehntausende Wanderarbeiter, vor allem aus Südostasien, haben die prächtigen Arenen unter miserablen Bedingungen errichtet. Sie lebten oft in fürchterliche Unterkünfte gepfercht und wurden nicht selten von Arbeitgebern um ihren Lohn betrogen. Natürlich ist es nicht nur schlecht, bei 50 Grad Fußball zu spielen – ein Stadion zu bauen ist dann lebensgefährlich.

Inzwischen fordern einige Fußballverbände, darunter der Deutsche Fußball-Bund, dass aus den WM-Gewinnen ein Fonds eingerichtet wird, der Arbeitern zugute kommt, die auf den WM-Baustellen krank oder arbeitsunfähig wurden, oder Familien von verstorbenen Bauarbeitern. Dieser unappetitliche Themenmix hat in Deutschland dafür gesorgt, dass die Vorfreude auf die WM auf ungekannte Tiefststände gesunken ist. So wenige Menschen wie seit über einem halben Jahrhundert nicht mehr werden die Nationalmannschaft zum Turnier begleiten.

Die Fernsehsender rechnen mit deutlich niedrigeren Quoten als bei den letzten Turnieren. Zudem wird die Debatte darüber, wie man mit dem Turnier umgeht, zunehmend unversöhnlicher geführt.Viele Fans haben längst beschlossen, sich die WM einfach nicht anzuschauen. Es gibt zudem eine Boykottbewegung, die vom DFB fordert, die Nationalmannschaft nicht nach Katar zu schicken. Im Boykottaufruf von ProFans, einem einflussreichen bundesweiten Zusammenschluss von Fangruppen heißt es: „Ja, auch ein Boykott käme für die Opfer zu spät. Aber er wäre immerhin ein Signal an künftige Bewerberländer: Wollt ihr ein schillerndes Fest des Sports mit weltweiter Aufmerksamkeit, dann reichen ein paar kleine Korrekturen auf dem Papier nicht mehr aus.“

Der DFB lehnt das ab. Er hat sich unter seinem neuen Präsidenten Bernd Neuendorf inzwischen zumindest aber so positioniert, dass er die WM-Vergabe nach Katar als falsch bezeichnet. Außerdem versucht er, wie etwa über den erwähnten Fonds, so viel für die Arbeiter auf den Baustellen herauszuholen wie möglich.

Die stets von sich selbst begeisterte FIFA hingegen preist die WM-Vergabe als Treiber des Fortschritts. Das ist verlogen und richtig zugleich. Verlogen ist es, weil den meisten Funktionären die Menschenrechtslage bei der Vergabe total wurscht war. Richtig ist aber, dass die Situation der Menschenrechte und auch die von Wanderarbeitern in Katar tatsächlich besser geworden ist, weil die Welt nun darauf schaut, Journalisten ständig berichten und NGOs und Fans Druck machen. Die Situation ist auch deutlich besser als in den Nachbarländern, wo man teilweise sogar verärgert über Katar ist, weil dort unter Umständen Erwartungen geweckt werden, mit denen sie selbst dann auch zu tun haben könnten.

Die Fußball-WM ist zum Politikum geworden

„Den Arbeitern in Katar geht es durch die WM besser und nicht schlechter“, sagte neulich Uli Hoeneß, der Ehrenpräsident des FC Bayern München. Er rief zu dieser natürlich in Megafon lautstärke verkündeten Ansicht sogar extra in einer Diskussionssendung im Fernsehen an, weil er sich über deren Verlauf so geärgert hatte. Sein Eifer erklärt sich dadurch, dass eben auch die Bayern Geschäfte mit Katar machen. Dass sie auf ihren Trikotärmeln für Qatar Airways werben, hatten viele Bayern-Mitglieder massiv kritisiert.

„Wir sind auf dem Weg, aber manchmal geht es eben nicht so schnell“

Katar selbst wiederum verbreitet den benachbarten Spin, der ungefähr so geht: „Wir sind auf dem Weg, aber manchmal geht es eben nicht so schnell.“ Etwa wenn rechtliche Verbesserungen für Arbeiter zwar beschlossen, aber nicht umgesetzt werden. Die Argumentation wird gern mit Whataboutism und schlechtem Benehmen garniert, wie bei einem Auftritt des katarischen Botschafters in Deutschland. Beim DFB zum Thema Menschenrechte eingeladen, klagte er darüber, dass in Russland vor der WM 2018 viel weniger auf die Situation von politisch Verfolgten in Gefängnissen aufmerksam gemacht worden sei. Dann nannte er die ebenfalls anwesende Lise Klaveness mehrfach abschätzig „the young lady“ und wehrte sich gegen Fernurteile. Man solle nach Katar kommen, mit den Arbeitern sprechen – oder „die Klappe halten“.

Im, wenn man so will, rechten Bereich des Meinungsspektrums zur WM gibt es dann noch jene, die finden, dass Fußball mit Politik nichts zu tun haben soll. Von dort ist es nicht weit bis zu der Trollhaltung, dass die Proteste gegen die Katar-WM zeigen würden, dass auch Fußball in die Hände links versiffter, woker Typen gefallen ist. „Debatten werden heute sehr oft mit viel Erregung geführt, mit Gereiztheit, mit der Entschlossenheit, den anderen maximal misszuverstehen“, hat der österreichische Publizist Robert Misik neulich geschrieben, ohne damit den Fußball gemeint zu haben. Die deutsche WM-Debatte hat manchmal auch was davon, und besonders die deutschen Nationalkicker bekommen es ab. Sie sehen sich mit der Aufforderung konfrontiert, sich doch mal zu Katar zu positionieren. Und zwar „ernsthaft“.

Was „ernsthaft“ ist, entscheiden andere. Als die Kicker vor einigen Monaten Buchstaben auf T-Shirts pinselten, die dann vor einem Länderspiel die Wörter „Human Rights“ bildeten, ernteten sie einen Shitstorm. Es gab nämlich ein Video, das die Aktion dokumentierte, weshalb sie als PR-Maßnahme gedisst wurde.

Als sich die zehn europäischen WM-Teilnehmer auf eine Binde für Mannschaftskapitäne mit dem Slogan „One Love“ einigten, war das für „Bild“ gleich mal die „Binde der Schande“. Es war halt keine in Regenbogenfarben. Der DFB hingegen verteidigte sie als Symbol, das angeblich über die LGBQTI-Bewegung hinaus gilt sowie zusätzlich auch noch für Frauenrechte sowie die Rechte aller Minderheiten steht.

Das war als Argument zweifellos windschief, und Buchstabenmalen ohne Videobegleitung wäre auch besser gewesen. Aber diese Debatten sind stets vom Willen zur schlechten Laune durchzogen. So werden wir in diesem Winter in unseren halb geheizten Wohnungen entweder ausdrücklich an den WM-Spielen vorbeizappen oder mit latent schlechtem Gewissen zuschauen. Aber all das hat auch sein Gutes, denn es markiert einen Wendepunkt. Natürlich sind all diese Debatten absolut notwendig. Zwar hätten sie vor der Vergabe eines Turniers geführt werden müssen und nicht hinterher. Aber das wissen wir ja jetzt fürs nächste Mal.

Unser Autor Christoph Biermann ist Sportjournalist (u. a. für „11 Freunde“) und Buchautor (zuletzt: „Um jeden Preis. Die wahre Geschichte des modernen Fußballs von 1992 bis heute“).

David Ramos Getty Images
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