Happy Birthday, Brian Eno!


Brian Eno: Die Licht-Gestalt

(aus ROLLING STONE 7/2005):

Das muß sich anfühlen, als ob man aus Versehen die Sonnenfinsternis oder den Stern von Bethlehem verschläft Die eigene Zuständigkeit, das eigene Vorhandensein fällt durch große historische Gnade genau auf den Tag, an dem Brian Eno tatsächlich ein Interview gibt, und dann schickt er einen nach drei Fragen wieder heim. Weil man Roxy Music gesagt hat. Einem französischen Journalisten ist das angeblich vor ein paar Wochen passiert, doch leider ist die genaue Frage nicht überliefert. Was, um Himmels Willen, wollte er von Brian Eno über Roxy Music wissen?

Eno, heute 57, hat da mit Anfang 20 mitgespielt, hat die erste Platte richtig fantastisch gemacht, hat dafür gesorgt, daß die späteren eher uninteressant wurden, indem er gelangweilt aus der Band ausstieg und sich selbständig machte, absolut grandiosen Studio-Art-Pop produzierte, neue Formen von selbstbewußter Gebrauchsmusik für Filme, Flughäfen und das heimische Abendessen konzipierte, zwischendurch sogar Musik, die sich ohne Zutun eines Genies selbst komponiert. Er bohrte im New Yorker Museum Of Modern Art ein Loch in die Vitrine und urinierte in Marcel Duchamps Kloschüssel, er brachte – ähnlich verdienstvoll – die Talking Heads zum Polyrhythmus, David Bowie zur wahren Kunst und U2 zu den überraschenden Möglichkeit, die in einem Mischpult stecken, wenn man nicht nur auf die roten Knöpfe drückt. Vor ein paar Jahren hat er sich sogar mit Roxy-Sänger Bryan Ferry versöhnt, alles kein Problem, kann man alles weglassen und übergehen im Interview.

Die echte Hürde kommt noch. Spätestens, wenn man zwei Tage vorher die offizielle Leitlinie des Eno-Managements mitgeteilt bekommt: Man darf mit Brian Eno über nichts sprechen, das länger her ist als 2002 Ertappt. Was war da alles? Eno hat eine neue Platte, die es ausnahmsweise nicht nur in seinem Internet-Shop gibt. „Another Day On Earth“, richtige Songs mit Text und Melodie, die er zum Großteil auch selbst singt (daß er ein großartiger, süffisanter Sänger ist, ist bekannt). Und dann genügt ein minimaler Blick, und für die letzten drei Jahre faltet sich ratternd ein ungeheurer Stundenplan auf: weltweite Vorträge über die Zukunft der Kunstschule und die Gründe, warum Musik doch keine universelle Sprache ist Lichtinstallationen, Gestaltung von Kunsträumen. Eine Kampagne für die Liberal Democratic Party, um Tony Blair ganz Kulturguerilla-mäßig das Mandat in seinem Wahlkreis Sedgefield abzujagen. Und, nicht zu vergessen, die Gründung einer A-Cappella-Gruppe.

Dabei hat Eno selbst einmal gesagt, er erzähle ungern Anekdoten und erkläre noch weniger gern seine Kunst am liebsten rede er „über Ideen“. Klingt prätentiös, aber wenn man ihm im Berliner Hotel gegenübersitzt, Eno in legerem, kurzärmeligem Schwarz wie ein explizit nicht-verrückter Professor, will man sofort glauben, daß man mit niemandem sonst auf der Welt so schön „über Ideen“ reden kann. Erst recht nicht, wenn man die typischen weißen Kabel aus seiner Tasche baumeln sieht Das würde uns brennend interessieren:

Was hat Brian Eno auf seinem iPod?

Nur Sachen, die ich noch nicht kenne. Meine Lieblingsmusik nehme ich nie, weil ich die nicht an beliebigen Orten hören wüL Bei neuer Musik ist das anders, die höre ich am liebsten außerhalb meiner gewohnten Umgebung. Diese CD hier, „Lost And Safe“ von The Books, spiele ich als nächstes auf, die habe ich eben von einem Freund bekommen. Ich hab keine Ahnung, was das ist, und so auch keine Erwartungshaltung.

Das merkt man manchmal, wenn man ein bestimmtes Stück zu Hause hört und dann später das Video dazu sieht: In Kombination mit fremden Bildern funktioniert Musik oft viel besser.

Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich beim Komponieren gemacht habe: Oft ergibt die Musik erst einen Sinn, wenn ich ein Bild dazu habe. Ich arbeite ja genau so wie die meisten Menschen, ich setze mich morgens hin und versuche dies und das, und wenn es langweilig ist, ändere ich ein bißchen was, stelle etwas um und so weiter. Eine eher mechanische Angelegenheit, um die Arbeit in Gang zu kriegen, aber dann plötzlich (schnippt mit dem Finger) – macht es Klick und ich sehe ein Bild vor mir. Das ist vielleicht nur eine Art Licht oder ein bestimmtes Gefühl, das in der Luft liegt, nicht unbedingt etwas Konkretes.

Aber sobald das passiert, weiß ich, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Und wenn kein Bild kommt, dann merke ich irgendwann: Das fuhrt jetzt zu gar nichts.

Halten Sie auch das Bild am Ende irgendwie fest, graphisch?

Nein, das muß nicht sein. Obwohl ich glaube, daß das die nächste große Kunstform sein wird: Leute werden musikalische Bilder schaffen. In DVD-Technik. Man kann das mit den 50er Jahren vergleichen, als immer mehr kleine Preßwerke aufmachten und jeder für verhältnismäßig wenig Geld eine Single produzieren konnte. Und plötzlich gab es Doo-Wop. Eine an sich lächerliche, verrückte Musik, die es niemals durch die großen, offiziellen Kanäle geschafft hätte.

Fanden Sie die Musik lächerlich und verrückt?

Ich hab Doo-Wop geliebt! Für mich war das außerirdische Musik. Ich war sehr jung und wußte nichts über amerikanische Musik. Ich hab meine ersten Singles den amerikanischen Soldaten vom Luftwaffen-Stützpunkt abgekauft, der bei uns in der Nähe war (im englischen Ipswich, Anm. d. Red), und erst Jahre später hab ich bemerkt, daß meine gesamte Sammlung aus schwarzer Musik bestand. Bis auf Buddy Holly und eine bestimmte Single, „Life’s Too Short“ von den Lafayettes. Eine ganz sonderbare, unglaubliche Platte. Sehr minimalistisch. Das Schlagzeug ist kein richtiges Schlagzeug, da wird ein Rhythmus auf dem Rand der Snare-Drum geschlagen, ganz laut und weit vorne im Mix. Das war das erste Mal. daß ich merkte, daß es bei Popmusik um den Sound geht und nicht in erster Linie um die Songs. Doo-Wop zum Beispiel ist im Kern nur ein Alibi, um singen zu dürfen. Das Thema von Doo-Wop-Gesang ist der Gesang selbst. (Es klingelt an der Zimmertür) Oh, jetzt kommt wohl mein Ananas-Saft Sie wollten doch eigentlich über musikalische Bilderzeugung reden.

Richtig, danke. So, wie in den 50ern die 45-rpm-Single kam und alles verändert hat, ist heute die DVD dabei, das Verhältnis zwischen Künstlern und dem Vorgang des Filmemachens gründlich zu verändern, auch wenn Filmemachen nicht ganz das richtige Wort ist Man kann Musik und Film im Mac sehr leicht und schnell zusammenkopieren und es als DVD herausbringen. Ohne Warner Brothers oder die EMI zu fragen.

Wie groß ist Ihr Fernseher daheim?

Ich habe keinen Fernseher. Im Studio hab ich einen großen Bildschirm, und manchmal lege ich einen Naturfilm ein, suche mir ein schönes Standbild und schaue das bei der Arbeit an. Ganz wundervoll.

So richtig verstanden habe ich das noch nicht mit den musikalischen Bildern. Das haben doch schon Künstler in den 60er Jahren gemacht, oder später Bands wie die Residents und Devo.

Den Unterschied erkläre ich Ihnen. Jedes neue Medium besteht aus zwei Komponenten: der Technik, mit der es erzeugt wird, und der Technik, mit der es hinterher abgespielt wird. Der Grund dafür, daß die Popmusik seit den 50er Jahren so revolutionär sein konnte, war: Jeder konnte sich einen Plattenspieler leisten. Sogar Leute, die ihre Musik nur für eine kleine Minderheit gemacht haben, konnten ihr Publikum finden, weil es eben dieses eine gemeinsame Medium gab, den Plattenspieler. Und mit der Videotechnik war das bis jetzt nicht so. Jetzt werden einerseits die Bildschirme größer, andererseits gibt es gute billige Kameras, gute billige Computer und gute billige Filmbearbeitungs-Software. Möglich war es früher schon, zu Hause einen Film zu machen, aber es war nicht einfach. Jetzt ist es einfach.

Was auch seine Nachteile hat: Wenn alles so mühelos geht und die Reibung verschwindet, werden die Ergebnisse immer beliebiger.

Naja, aber das Problem gab es immer. Schauen Sie sich mal alte Charts an, aus einer Zeit, die als notorisch gut gilt. Zum Beispiel irgendeine Top-40-Liste aus dem Juni 1968: Sie werden ihren Augen nicht trauen, wieviel Mist da dabei ist. In Wirklichkeit ist es doch so, daß der einfachere Zugang neue, tolle Talente anzieht, die vorher gegen Barrieren gerannt sind. Ich zum Beispiel hätte niemals Musiker werden können, wenn es keine modernen Aufnahmestudios gegeben hätte. Zehn Jahre vor meiner ersten Platte wäre das für mich völlig undenkbar gewesen. Obwohl es stimmt, daß einen die Technologie in eine bestimmte Richtung zieht. Es gab doch diesen Slogan von Microsoft…

„Where do you want to go today?“ Genau. Was für ein Blödsinn! Als ob der Computer eine ganz neutrale Maschine wäre, die einen überall hinbringen kann, man muß sich nur frei entscheiden. Die Musik, die ich höre, hat mir das klar gemacht: Die Computer bringen einen nicht dahin, wo man hinwill, sondern wo sie hinwollen. Natürlich kann man eine andere Richtung einschlagen, aber das bedeutet dann, daß man den Kampf gegen die Technologie aufnehmen muß. Aber das ist in Ordnung. Man darf bloß nicht so tun, als wäre es anders.

Man könnte sich darüber streiten, ob Popmusik eine Performance-Kulturist und Schallplatten nur ein Hilfsmittel sind, weil eine Band nicht überall gleichzeitig spielen kann. Oder ob Pop traditionell eine Tonträger-Kultur ist.

Das zweite stimmt. Schallplatten erfüllen dieselbe Funktion wie Kunstdrucke im 19. Jahrhundert. Das war eine richtige Kultur, die Leute haben sich billige Drucke gekauft, ohne jemals ein echtes Gemälde gesehen zu haben, und für die Künstler war die Beteiligung daran eine der Haupt-Einnahmequellen. So ähnlich ist das heute mit den Schallplatten. Ich selbst hasse Live-Konzerte. Der Grund ist einzig und allein, daß sie so beschissen klingen. Wie könnte irgendein vernünftiger Mensch daran interessiert sein, so Musik zu hören? Ich will die Stars nicht sehen, die interessieren mich nicht im geringsten. Meinetwegen könnten das auch Roboter sein. Kraftwerk haben tatsächlich Roboter hingestellt, das fand ich fantastisch.

Sie haben ja immer wieder mit der Vorstellung gespielt, Musik zu kreieren, die sich selbst nie wiederholt. Sowas ist nur live möglich und nicht auf Platte. Sind Konzerte nicht schon deshalb eine positive Herausforderung?

Konzerte von anderen Leuten gefallen mir schon ab und zu, aber nur dann, wenn sie in kleinen Räumen stattfinden. Von den Konzerten, bei denen ich selbst auf der Bühne stand, hat mir kein einziges auch nur ein bißchen Spaß gemacht Ich bin einer, der Drucke anfertigt Natürlich gibt es trotzdem diese unwiederholbaren Performances, aber das sind meine Kunst-Installationen, wo das Publikum einen Ort betritt, den ich selbst mit aufgebaut habe und an dem ich den Sound und die Optik ganz sorgfältig exakt so eingerichtet habe, wie ich es haben will. Das soll schon ein bißchen so sein, als ob man ins Konzert geht. Man kommt an einen besonderen Ort, man sieht sich etwas an, das speziell für diesen Ort gestaltet wurde, man bleibt ein bißchen da und geht dann wieder heim. Und am nächsten Tag geht man los und kauft die Platte, (lacht) Auf Ihrer neuen Platte singen Sie wieder. Das bedeutet ja auch, daß Sie ihre eigene Person gegenüber der Musik wieder mehr in den Vordergrund schieben.

Ich hatte nie besonders viel Interesse daran, meine eigene Person auf den Platten zu präsentieren. Ich finde schon, daß ich eine interessante Persönlichkeit bin, aber ich will sie nicht wie ein Kunstwerk ausstellen. Wenn ich eine interessante Person sein will, dann stelle ich mich hin und halte eine Rede. Außerdem habe ich auf der neuen Platte neue Techniken zur Stimmverfremdung verwendet Auf dem zweiten Track „And Then So Gear“ zum Beispiel, die Stimme dieser Kreatur, die halb männlich und halb weiblich ist, halb Engel und halb Maschine. Eine Kreatur, die verzweifelt versucht ein Mensch zu sein, aber es nicht richtig hinbekommt. Vielleicht ist das ja ein Bild für mich selbst, aber daran hab ich gar nicht gedacht.

Trotzdem, Ihre Stimme erkennt man.

Das wollte ich eigentlich so gut wie möglich vermeiden. Die Popmusik hat sich in den letzten 50 Jahren in so viele Richtungen entwickelt, es gab so viele technische Fortschritte, aber das Allerlangweiligste an Pop-Platten ist immer noch die Art und Weise, wie Stimmen aufgenommen werden. An dem alten Rock’n’Roll-Ding, daß der Sänger als Persönlichkeit erkennbar bleiben soll, hat sich praktisch nichts geändert Dabei glaube ich, daß genau hier das künstlerische Wachstums-Potential liegt. Die technischen Möglichkeiten, Stimmen zu bearbeiten, werden immer komfortabler, und wir fangen gerade erst an, das auszuschöpfen. Wie gesagt: Wenn Dinge einfacher werden, beginnen die Leute, sie auszuprobieren. Deshalb hat ja auch die elektronische Musik erst Sinn ergeben, als sie plötzlich von Teenagern gemacht wurde und nicht mehr von alten Komponisten in Konservatorien.

Ist es denn möglich, sich selbst wieder in so eine Geisteshaltung zurückzuversetzen? Das Musikmachen wieder anzugehen wie ein Teenager?

Manchmal passiert das ganz spontan. Das Einzige, was ich von Musik erwarte… eigentlich das Einzige, was ich überhaupt erwarte, von Musik, Architektur, Malerei, Tanz, das ist, daß es lebt, daß Leben darin ist Letzte Woche war ich in Moskau und ging in die Tretjakov-Galerie, ein fantastisches Museum zur russischen Malerei des 20. Jahrhunderts. Unten in der Lobby war eine kleine Ausstellung mit Kinderzeichnungen, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Kinder hatten ihre Eltern und Großeltern nach Kriegserlebnissen befragt und Bilder dazu gemalt. Die Haupt-Attraktion war die riesige, teure, multimediale Schau „Moscow Art Now“ völlig tot Die Werke von 600 Künstlern, alle tot Die Zeichnungen von 15 Kindern, alle lebendig. Da fiel mir das auf: Es gibt nur eine einzige Sache, die mir etwas bedeutet in der Kunst, und das ist die Frage, ob der Künstler sich für sein Werk an die Grenzen des eigenen Verstandes begibt Diese Kinder haben sich bemüht, mit sehr schwierigen Sachen fertigzuwerden, mit Tod, Bomben, Konzentrationslagern. Keiner der professionellen Künstler hatte andeutungsweise diese Intensität Lebendig zu sein heißt ja nicht, auf und ab zu hüpfen und alles mit bunten Farben vollzumalen.

Bewegen Sie sich denn bewußt an die Grenzen ihres Verstandes?

Viele Sachen sind am Anfang ja tote Ideen und werden erst im Lauf der Arbeit lebendig. Ich habe das ja schon beschrieben, die Sache mit den Bildern, die auftauchen. Das ist so ein Gefühl, als ob irgendetwas aus der Musik zu mir zurückkommt, das ich selbst gar nicht hineingelegt habe. Eine Illusion, denn natürlich hab ich es hineingelegt, wer denn sonst? Ich glaube nicht an Gott, und sonst ist ja keiner im Zimmer. Es gibt zwei Gefühle, denen ich bei der Arbeit vertraue: wenn mich die Musik zum Lachen oder zum Weinen bringt Das passiert mir übrigens häufig bei der Arbeit, deshalb muß ich auch allein arbeiten. Das wäre mir zu peinlich, wenn andere Leute dabei sind.

„DAS ARCHIV – Rewind“ umfasst über 40 Jahre Musikgeschichte – denn es beinhaltet die Archive von Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer. Damit ist von Popmusik über Indierock bis zu Heavy Metal nahezu jede Musikrichtung abgedeckt – angereichert mit Interviews, Rezensionen und Reportagen zu Filmen, Büchern und popkulturellen Phänomenen.

>>> Hier geht es zu DAS ARCHIV – Rewind.

Eine Leseprobe:


Die besten Songs aller Zeiten: „Proud Mary“ von Creedence Clearwater Revival

„Das war praktisch mein erster guter Song“, befand John Fogerty. Er schrieb „Proud Mary“ (zu hören auf „Bayou Country“, 1969) nach seiner Entlassung aus der Armee: „Ich probierte mit den Akkorden rum und begann, über den Fluss zu singen. Dann dachte ich: 'Hmm, vielleicht singe ich doch besser über das Boot.'“ Er hatte drei verschiedenen Titel für das Lied - „Proud Mary“, „Riverboat“ und „Rolling On A River“ - und entschied sich schließlich für ersteres. „Proud Mary“ (mit „Born On The Bayou“ als B-Seite) war die erste von fünf CCR-Singles, die Nummer zwei in den US-Charts wurden. Bis zur Spitze…
Weiterlesen
Zur Startseite