Neunte Kunst

Geschichte der EC Comics: The Vault Of Horror


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Wenn Stephen King gefragt wird, wo er die Inspiration für seine Schreckensgeschichten hernimmt, dann antwortet er regelmäßig nicht nur mit allbekannten literarischen Größen wie Edgar Allan Poe, Bram Stoker und H.P. Lovecraft. Er nennt dazu immer auch die Lektüre von EC-Comics-Heftchen in seiner Jugend.

„Tales from the Crypt“ (Geschichten aus der Gruft), „The Vault Of Horror“, „The Haunt Of Fear“, um nur einige wenige zu nennen, hießen die Comic-Reihen, die der 1945 von Maxwell Charles Gaines gegründete Verlag nur allein im Horror-Genre herausbrachte.

Von Bibelerzählungen zur verrückten Wissenschaft

Dabei startete Gaines nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit genau dem, was der Verlagsname nahelegt: Educational Comics. Illustrierte Erzählungen für Kinder mit Moral. Mit dabei waren Bibel-Comics und pädagogisch wertvolle Erklärfäden zur Geschichte. Die Erweiterung des Programms auf Funny-Stories unter dem Label Entertainment Comics, hauptsächlich bevölkert von schräg anthropomorphisierten Tieren, schlug dann schon einen anderen Ton an. Hier wimmelte es vor albernen Geschichten und reichlich grob miteinander umgehenden Charakteren.


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Nach dem Unfalltod Gaines‘ im Jahr 1947 übernahm sein Sohn Bill Gaines – der Legende nach äußerst widerwillig, aber mit einem neuen Konzept. Statt erbaulicher Unterhaltung sollten vor allem Erwachsene angesprochen werden. In wenigen Jahren entwickelte der Verlag eine neue Identität mit billig produzierten Comics, die Krieg, Horror, „Weird Science“ und Thriller mischten. „War Against Crime“ entwickelte sich zu einem ersten Hit, wandelte sich dann aber aus einem pragmatischen Grund schon sehr früh zu „The Vault Of Horror“. Aus kitschigen Romanzen in Bilderform wurde über Nacht eine Kriminalgeschichte. Jeder neue Titel musste angemeldet werden und kostete Lizenzgebühren bei der Post. Dem versuchte man durch solche Neugestaltungen zu entgehen.

Der Horror hinter dem Horror

Die Geschichte von EC Comics ist dann auch eine des steten Wandels und des Versuchs, den Vorstellungen der Leser gleichzeitig genüge zu tun und sie immer wieder auf ein neues (emotionales) Terrain hinüberzuziehen. Der Versuch, den zunächst schundig anmutenden Sujets stets auch intellektuell wendige Reflexionen über Gesellschaft, Politik und die flatterhafte menschliche Seele anzuheften, darunter die Thematisierung von Drogensucht, Antisemitismus, Lynch-Morden an Schwarzen oder der Abwurf der Atombombe aus Sicht der leidenden japanischen Bevölkerung, zog zahlreiche kreative Geister an.

Wallace Wood, Al Williamson und Frank Frazetta, alle noch sehr jung, als sie mit der Arbeit bei EC Comics begannen, prägten das Bild der schließlich Anfang der 50er zwischen den verschiedensten Genres – von Western über Abenteuer und Science-Fiction bis hin zu „SuspenStories“ – hin und her schwankenden Heftreihen.

Pech nur, dass gleichzeitig zum Erfolg dieser neuen Form der literarischen Unterhaltung, die womöglich als Vorstufe einer zart erblühenden Jugendkultur verstanden werden kann, die schließlich in anderen Formen später ihren Ausdruck fand (unter anderem natürlich im Rock’n’Roll), von rigiden Regierungsmaßnahmen zur Kontrolle der moralischen Volkshygiene angegriffen und zensiert wurden. Kinder sollten nicht mit solchen gefährlichen Fantasien in Kontakt kommen. Der Comics Code war geboren, die visuelle Inszenierung von Gewalt, Sexualität und andere Spektakel wurde verboten.

Der Aufstieg von „Mad“

EC Comics stand vor dem verlegerischen Ende. Doch dann gab es eben auch Harvey Kurtzman und Al Feldstein, die sich mit „Mad“ (zunächst noch „Tales Calculated To Drive You Mad“, ab 1952) noch ein anderes Betätigungsfeld suchten: Schwachsinn.

Verleger Gaines wurde von einem Jahr zum nächsten zum Millionär, die Kreativbude rettete sich selbst. Auch hier war wieder ein ökonomischer Trick von Vorteil: „Mad“, das sich schnell zum Forum für intelligente und gleichzeitig immer auch derbe Satire wandelte und der Populärkultur den Spiegel vorhielt, wurde als Magazin angemeldet und konnte sich so den Regeln des sanktionierenden Comics Codes entziehen.

Die komplette subversive Energie, die den EC Comics in den ersten Jahren ihres Erscheinens noch zaghaft innewohnte, wurde nun in geballter Form in „Mad“ investiert. Die Spannungs- und Horror-Geschichten aus den EC Comics verschwanden erst einmal von der Bildfläche, der Spirit inspirierte aber zahlreiche andere Künstler und Schriftsteller – vor allem im Kino fand sie in den Ausläufern der Hot-Rod-Filme, bei Sci-Fi- und Horror-B-Movies einen neuen Anschluss.

Alle „EC Comics“-Cover

Immer wieder wurden die schillerndsten Blüten der EC Comics in eigenen Sammelbänden hinterlegt. Schnell waren die Kompilationen vergriffen. Doch seit einigen Jahren herrscht hier Ebbe. Im Taschen-Verlag, der sich seit Jahren um die Würdigung vergangener Comic-Epochen verdient macht und editorisch anspruchsvolle Sammelwerke in herausragender Druckqualität vorlegt, hat den EC Comics nun in einem Mammut-Band ein Denkmal gesetzt.

Das gewichtige Buch enthält über 1.000 Ausschnitte und bislang unbekannte Entwürfe, Zeichnungen und vor allem eine Galerie aller Cover bis 1956. Sie sind, gerade in der Goldenen Phase der Verlagsreihe, der eigentliche Schatz und begeistern noch heute durch ihre sorgfältige Komposition von Farben, Strich und emotionaler Ausdruckskraft.

Zusammengestellt wurde „The History Of EC Comics“ von Grant Geissman, ein Experte zum Thema, der für seine in Büchern hinterlegte Erinnerung an „Mad“ und EC Comics auch schon den renommierten Eisner Award einheimste. Bekannt sein dürfte er aber nicht nur wegen seiner Leidenschaft für Comics, sondern vor allem auch als Musiker und Komponist. Aus seiner Feder stammt der Soundtrack der Chuck-Lorre-Sitcoms „Two And A Half Men“ und „Mike&Molly“.

The History of EC Comics
Grant Geissman
Hardcover, 29 x 39,5 cm, 6,03 kg, 592 Seiten
ISBN 978-3-8365-4976-9 (Englisch)
Taschen (Buch hier kaufen)

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Stephen King: die besten Bücher – Plätze 70 bis 61

Stephen King – Das Ranking Plätze 81-71 Plätze 70-61 Plätze 60-51 Plätze 50-41 Plätze 40-31 Plätze 30-21 Plätze 20-11 Plätze 10-01   70. „Four Past Midnight“ (1990, deutsch „Nachts“)★★½ Das Buch ist Kings erste Novellen-Sammlung seit dem gefeierten „Different Seasons“ von 1982, und wie groß der Druck war, teilte der Autor in einem langen Vorwort mit. Man möge ihm nachsehen, dass er, anders als in den „Jahreszeiten“, stärker auf übernatürlichen Horror an sich setze. Statt auf den echten Horror von Menschen, die etwas Schreckliches tun. Von den vier Stories überzeugt lediglich die erste komplett, „Langoliers“, eine Geschichte über Menschen, die…
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