Kritik: Kings of Leon in der Berliner Waldbühne – Feel-Good-Sause ohne Ego-Trips, Rock'n'Roll als Dienstleistung






Kritik: Kings of Leon in der Berliner Waldbühne – Feel-Good-Sause ohne Ego-Trips, Rock’n’Roll als Dienstleistung


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Vorab eine gute Nachricht für die zuletzt arg gebeutelte Veranstalterszene: Das Freiluft-Konzert im imposanten Kessel der Berliner Waldbühne am Mittwoch-Abend (31. Mai) ist nahezu ausverkauft. Rock am Ring in der Eifel und Rock im Park in Nürnberg können kommen …

Bereits zum fluffigen Klatschpappen-Poprock mit der Ex-Schülerband Giant Rooks aus Hamm sind die Sitzreihen zur „Blauen Stunde“ bestens gefüllt. Ein Generations- und Geschlechts-übergreifendes Publikum im Chucks- und Funktionsjacken-Look lässt sich von den Bratwurst- und Bierpreisen (6,50 Euro) nicht abschrecken, und hat deutlich Spaß an der Freud‘ über diesen frühsommerlichen (Southern-)Rockfeierabend.

Im Gegensatz zu ihren Ü75-Kollegen aus der Pop-Frühzeit sind die Gebrüder Caleb, Jared, Nathan und Matthew Followill, die aus einer US-Wanderprediger-Familie stammen, noch junge Hüpfer um die 40; aber immerhin auch schon über 20 Jahre mit gut abgehangenem Emo-Stoff dabei. Die US-Retro-Rock-Generation der frühen Nullerjahre.

Ihr Über-Hit „Sex on Fire“ hat bekanntlich jüngst die Eine-Milliarde-Schallmauer beim Streaming-Riesen Spotify geknackt und der Band neue Zielgruppen jenseits ihrer Ur-Fangemeinde zu Zeiten des Debutalbums mit dem tollen Titel „Youth & Young Manhood“ (2003) beschert. In der Waldbühne kommt dieser Knaller bei der Zugabe zum Einsatz. Grande Finale, alle sind ergriffen oder hüpfend. Eine „Feel Good“-Sause ohne Ego-Trips und Experimente. Rock’n’Roll als Dienstleistung.

Zur Einstimmung ertönt „Love Will Tears Apart“ von Joy Division aus der Konserve und auf den LED-Screens flimmern nostalgische Schnipsel aus der KoL-Frühzeit. Ihr so genanntes „Durchbruch-Album“ „Only By The Night“ stammt aus dem Jahre 2008 und die Zeiten, in denen Sänger und Mastermind Caleb Followill in einer Art Punkrock-Geste mitten im Konzert die Bühne verließ, ist nun auch schon über ein Jahrzehnt lang her. Dieser Vorfall ereignete sich im Zustand der Betrunkenheit im Juli 2011. „Hate fucking Caleb, not us!“ soll Jared dem tobenden Publikum in Dallas damals zugerufen haben. Ein Furor, den man sich an diesem überaus versöhnlichen Waldbühnen-Abend kaum vorstellen kann.

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Der wie gewohnt maulfaule KoL-Sänger, mit seiner prägnant gepressten Stimme, weiß immerhin, dass er „einen Abend in Berlin“ spielt. Nett Hier! Noch zwei weitere Shows in Deutschland nuschelt er in Jeansjacke, Ripp-Unterhemd und Trucker-Schnauz an.

„Dann geht es zurück nach Hause, und wir arbeiten an neuer Musik, die ihr dann beim nächsten Mal hören könnt“. In den letzten Monaten haben Kings of Leon den Deal mit ihrer langjährigen Plattenfirma Sony Music aufgekündigt. Also auch geschäftlich auf zu neuen Ufern nach „When You See Yourself“ von 2021. Wobei „neu“ bei den Kings eher „keine Experimente“ bedeuten dürfte. Halt Variationen ihrer bewährten Midtempo-Mitsing-Hymnen.

Das Programm ihrer Europa-Gastspiele ist ein Mix aus Tracks aus ihren acht Alben, mit einem Schwerpunkt auf „Damals“. Frühe Songs Wie „Molly’s Chambers“ oder „Back Down South“ wärmen das Herz und geben alten und neuen KoL-Heads das gute Gefühl einen guten Job präsentiert zu bekommen.

Man muss nicht so weit gehen, wie die Online-Kollegen vom RBB, die in ihrem Waldbühnen-Review eine „professionelle Lustlosigkeit“ diagnostiziert haben. Das „Verkorksen einzelner Gitarrenlinien“ von Caleb Fallowill, der aus der Nähe betrachtet einen selig sedierten Eindruck machte, lässt sich auch als Rest-Rock’n’Roll in der ansonsten durch-choreografierten Aufführung aus Gitarren-Soli und tiefer gehängten Pump-Bässen deuten.

Kings Of Leon leben noch, wäre ein Fazit. Dazu noch eine naseweise Empfehlung:

Es wäre halt nett, so beim kommenden Album, die flächige Synthie-Soße, die sie über ihre jüngeren Hymnen gekippt haben, etwas weniger dick aufzukochen. Als frommer Wunsch, auch fürs Bühnenprogramm der Zukunft: eine Retro-Rückkehr zu mehr knorrigem Southern Rock wäre dufte.

So gibt es live im Berliner Westen „Südstaaten-Sound mit Alles“. Und am Ende funkeln in den weiten Holzbank-Reihen hell die Handy-Lämpchen …