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Labi Siffre: Love is Love is Love – Porträt und Interview mit dem Meister des Akustik-Soul


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Wäre die Popwelt des 20. Jahrhunderts ein bisschen toleranter gewesen und etwas offener für Künstler, die in keine Schublade passen, Labi Siffre hätte ein Star werden können. Und seine ersten sechs Alben zwischen 1970 und 1975 gälten längst als Klassiker. Kanye West, Kelis, Kenny Rogers, Primal Scream, Joss Stone oder Rod Stewart haben ihn gecovert und gesampelt. Und doch ist Siffres überbordend melodischer, sanft gesungener Akustik-Soul bis heute ein Geheimtipp geblieben. „Ganze Generationen sind mit seinem Songwriting vertraut, ohne jedoch irgendeine Idee zu haben, wer Labi Siffre ist“, konstatiert Kevin Le Gendre, Autor des Buches „Don’t Stop The Carnival: Black Music in Britain“. Dabei hat der Songwriter, der im Juni seinen 75. Geburtstag feierte, einige der bewegendsten Liebeslieder der letzten 50 Jahre geschrieben. Stücke wie das 1981 von Madness zum Hochzeits-Hit verewigte „It Must Be Love“ sind Hymnen auf die Liebe an sich, eine Liebe, die weltumarmend ist und in ihrem universellen Blick auf die Menschheit geradezu spirituell, auch wenn der grantige Atheist eher nicht zustimmen würde.

„Als homosexueller schwarzer Künstler, der nicht schwarz klingt, habe ich nie reingepasst“

Hätte er wirklich für die Menschen in seinem Leben gesungen, wäre er „verhungert“, erzählt uns der Brite, der heute im spanischen Girona lebt und auch aufgrund seiner Verbitterung über die Musikindustrie nur noch selten Interviews gibt. “Lieder über gleichgeschlechtliche Beziehungen wären niemals im Radio oder Fernsehen erlaubt gewesen, keine Plattenfirma hätte sie jemals veröffentlicht“. Obwohl Siffre nach eigener Aussage bereits mit vier Jahren wusste, dass er schwul ist, adressieren seine Lieder lange eine „she“ statt einen „he“. Mal ist er der verliebte Junge, „der einfach nicht leben kann ohne sie“, mal „The Vulture“, der dein Mädchen stiehlt, wenn du gerade nicht hinsiehst. Im wahren Leben ist er seinem Partner Peter, den er bereits vor seiner Karriere kennenlernt, für 50 Jahre treu. „Im angeblich so progressiven britischen Music-Business der Siebziger, Achtziger und Neunziger musstest du feminin und camp sein, wenn du schwul warst. Und wenn du schwarz warst, musstest du “ethnisch” sein. Ich passte aber weder in das heterosexuell auferlegte Klischee eines Homosexuellen noch in das weiße Stereotyp schwarzer Zugehörigkeit.” Die Idee, dass die Popmusik voller „befreiter Menschen“ sei, ist ein Mythos, findet Siffre. Als „homosexueller schwarzer Künstler, der nicht schwarz klingt“, habe er nie irgendwo reingepasst.

Gegen ein feiges System

Claudius Afolabi Siffre, so sein Geburtsname, sucht seit frühester Kindheit eine eigene Stimme. Als Sohn eines nigerianischen Einwanderers und einer britisch-bardadosischen Mutter wächst er mit vier Brüdern in West-London auf. Seine Eltern schicken ihn auf eine Klosterschule. Er ist der einzige schwarze Junge in seiner Klasse. Siffre erinnert sich wie ein Missionar ihnen eines Tages einen Dia-Vortrag hält, mit Bildern „armer, umnachteter Afrikaner, die gerösteten Affen mit Raupensoße essen und unsere Pennies brauchen, damit sie den Weg zur Zivilisation finden“. Die elf Jahre an der „St Benedict’s School“ festigen seinen bis heute glühenden Atheismus. Dass ein „intellektuell so feiges“ System, das „den Glauben höher einordnet als den Beweis“, jemanden wie ihn automatisch zum „bösartigen Perversling“ abstempelt, „war eine Wunde, die niemals heilte“.

Als Jugendlicher will Siffre „Künstler-Philosoph“ werden. Er streicht die Wände seines Zimmers schwarz und vergräbt sich in Büchern, von Arthur Ransome bis Plato. Mit 16 gründet er eine Blues-Band mit seinem älteren Bruder Kole, der ihn auch zu seinem ersten Konzert in einen Club in der Oxford Street mitnimmt. „Ich stand vor der Bühne und dachte: Das kann ich besser“. Mit 18 schreibt der Jimmy-Reed-Fanatiker seinen ersten eigenen Song. Er handelt davon, „von niemandem geliebt zu werden“. Die Gitarre hat ihm ein Liebhaber gekauft. Mit 19 zieht er von Zuhause aus, „die Mutter in Tränen, der Vater wütend, die Gitarre in der Hand und Trotz im Herzen.“

Die Mutter in Tränen, der Vater wütend

Zunächst hält sich Siffre als unlizensierter Taxifahrer über Wasser, dann als telefonischer Kundenberater in einer Firma für Elektro-Teile, wo er vor allem „wütende Kunden abwimmelt“. Nachts spielt er Gitarre für die Hausband im Annie‘s Room, einem bekannten Jazz-Club in Covent Garden. Doch das Swinging London, das er dort kennenlernt, erscheint ihm intolerant und heuchlerisch. 1969 zieht Labi Siffre nach Amsterdam, wo “eine progressive soziale und sexuelle Haltung nicht nur gepredigt, sondern auch praktiziert wird.“ Im Folk-Club Het Kloppertje, unweit der größten Polizeistation des Ausgehviertels Leidseplein, fühlt sich der 25-Jährige zum ersten Mal verstanden. „Es war die Magie, nach der ich gesucht hatte, mit einem Publikum, das zuhört, statt sich zu betrinken.“

Während er Nacht für Nacht seine Kompositionen auf der Akustikgitarre vorträgt, landet eines seiner Demos über Umwege bei der britischen Plattenfirma Pye Records. Auf dem konservativen Pop-Label, bei dem damals auch Petula Clark unter Vertrag steht, erscheint 1970 Siffres Debüt. Den Großteil der teils akustischen, teils mit Bläsern und Streichern ausstaffierten Songs schreibt der junge Musiker selbst, dazu gibt es Coverversionen von den Bee Gees und Harry Nilsson, den Siffre als Bruder im Geiste verehrt.

Meine beste Option war, authentisch zu sein

Ein kommerzieller Durchbruch ist das Album nicht, dafür ein künstlerischer: „Mir wurde klar, dass meine Musik genauso wenig Mainstream ist wie ich selbst. Deshalb war meine beste Option, authentisch zu sein. Und dazu gehörte auch der Mut, mich verletzlich zu zeigen.“ Bereits ein Jahr später erscheint „The Singer And The Song“, das mit „Lucky Star“ Siffres ersten sozialkritischen Song enthält und in „There’s Nothing In The World Like Love“ erstmals die Kraft einer inklusiven, Geschlechter transzendieren Liebe zelebriert. Für Journalisten bereitet er ein Statement vor, dass Fragen zu seinem Beziehungsstatus vom Tisch wischen soll: „Mein Partner und ich sind seit Jahren zusammen. Weder er noch ich haben Kinder.”

Der Nachfolger „Crying Laughing Loving Lying“, der nur ein Jahr später erscheint, gilt dank des Titelsongs und der Single „It Must Be Love“ bis heute als Siffres bekanntestes Album. Bekannt ist aber auch hier relativ: Trotz Radio-Airplay und einem Auftritt bei Top Of The Tops klettert das Album nur bis Platz 47 der britischen Charts und bleibt dort auch nur knapp eine Woche, während es in den USA gar nicht erst erscheint. Im Pop-Bewusstsein der Dekade bleibt Siffre eine unscheinbare Randfigur. Auch das Grafikdesign-Kollektiv Hipgnosis, das sonst spektakuläre Bilder für Pink Floyd und Led Zeppelin inszeniert, weiß nicht so recht, was sie mit dem Musiker anfangen soll und stellt ihn für das Cover mit Akustikgitarre vor eine Felswand.

Die Plattenfirma, die ihm immer noch einen Radio-Hit zutraut, kriegt kalte Füße, als Siffre mit immer komplexeren, immer politischeren Songs ins Studio kommt. „Sie hatten Angst, dass ich, wenn sie sie nicht veröffentlichen, vielleicht ganz aufhören würde, Lieder zu schreiben.“ „For The Children“, das 1973 erscheint, ist Siffres ambitioniertestes Werk. Ein Album, das „helfen sollte, die Welt zu heilen“, wie der Musiker es ausdrückt, seine damalige Reichweite weit überschätzend. In den Abbey Road Studios produzierte Stücke wie das neuneinhalbminütige „Let’s pretend“ oder das konzeptuelle Doppel „Somesay/Someday“ sind nichts weniger als Appelle an Menschheit, sich zu läutern und zu erneuern: Homo-sapiens will really arrive, homo-hypocrite will die and we’ll survive.

Musik für eine bessere Welt

„For The Children“ klingt stellenweise, als habe jemand Lennons „Imagine“ in eine philosophische Pop-Rock-Oper gegossen. „Es ist das Album, auf das ich am meisten stolz bin, das kommerziell aber total scheiterte“, sagt Siffre über sein Meisterwerk, das sich musikalisch irgendwo zwischen Gilbert O’Sullivan, dem Bee-Gees-Konzeptalbum „Odessa“ und Marvin Gayes „What‘s Going On“ bewegt. Der anklagende Idealismus von „For The Children, zielt jedoch am Zeitgeist vorbei. Den bestimmen damals unpolitische Glamrock-Epigonen wie Slade und The Sweet. „Genauso wie Weiße in Black-Face-Make-up habe ich es immer verabscheut, wenn Homosexuelle sich als camp aufbrezeln“, sagt Siffre.

Sympathie hat er dagegen mit Musikern wie James Brown und Curtis Mayfield, die der schwarzen Bürgerrechtsbewegung nahestehen. Nachahmen will er sie jedoch nicht, auch wenn der Zeitpunkt für ein britisches Black-Power-Album reif gewesen wäre. Für seine nächsten Platten „Remember My Song“ und „Happy“ lässt sich Siffre trotzdem verstärkt von Funk und Disco beeinflussen, was sie Jahrzehnte später zu begehrten Sample-Quellen im HipHop macht. Eminems Debüt-Single „My Name is“ basiert Eins zu Eins auf dem Rhythmus-Gerüst von Siffres „I Got The“ aus dem Jahr 1975. Die Basslinie gab der Komponist nur unter der Bedingung frei, dass der Rapper seine homophoben und frauenfeindlichen Lyrics entfernt: „Leider wusste ich zu diesem Zeitpunkt nichts über „cleane“ und „explizite“ Versionen im Rap, so dass die ursprünglichen Lyrics schließlich doch auf dem Album landeten.“

Dass die Tantiemen des Songs, der auch von Jay-Z und dem Wu-Tang-Clan gesampelt wird, ihm einmal helfen werden, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ahnt Siffre Mitte der Siebziger noch nicht. Den Rest des Jahrzehnts versucht er seine schwächelnde Karriere am Laufen zu halten. Er tourt als Support von Olivia Newton John, Chicago und The Carpenters durch die Weltgeschichte und arbeitet mit Hitschreibern wie Tom Shapiro an neuen Stücken. Doch selbst ein kurzlebiges Boy-Girl-Duo namens Labi & Jackie bringt nicht den gewünschten Erfolg. Desillusioniert vom Musikbusiness zieht sich Siffre Anfang der Achtziger in die englische Pampa bei Aylesbury zurück. Einen Plattenvertrag hat er da nicht mehr. Dass ihm hier, in einem mit Stroh gedeckten, 500 Jahre alten Landhaus Mitte des Jahrzehnts ein Welthit gelingen würde, sieht keiner voraus, am wenigsten er selbst.

Ich wusste sofort, dass es ein wichtiger Song war

„Ich wusste sofort, dass es ein wichtiger Song war. Aber auch wenn ihn niemand jemals gehört hätte, hätte ich ihn als Erfolg verbucht“. Hören werden „(Something Inside) So Strong“ viele: Die schmachtende Durchhalteparole erreicht auf Anhieb Platz 4 der englischen Charts – Siffres bislang höchste Platzierung in seiner Heimat. Leicht ergraut steht er zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder bei Top Of The Pops auf der Bühne. Was ihm in den Siebzigern nicht gelang, auf einmal wird es wahr: Im ausgehenden Live-Aid-Jahrzehnt wird sein Lied DIE Hymne für eine gerechtere Welt. Man hört sie in TV-Galas und in Gospelchören, bei Protestmärschen und in Menschenrechtskampagnen. Die Inspiration für „So Strong“ sei ihm gekommen, als er in einer TV-Reportage sah, wie weiße Soldaten in Südafrikas Townships auf schwarze Kinder schießen. „Ich wusste sofort, dass das Lied, obwohl ich über Apartheid schrieb, auch von meinem Leben als schwuler Jugendlicher in einem bösartigen, feigen, homophoben Land geprägt war.“

Trotz des Erfolgs – angeblich zählt sogar Mandela „So Strong“ zu seinen Lieblingsliedern – befriedigt Siffre die Musik als Ausdrucksform nicht mehr. „Musik mildert den Aufprall“, sagt er. „Es gab Dinge, die ich sagen wollte, die aber in einem Song-Text nicht möglich waren.“ In den 90er-Jahren widmet er sich vor allem der Poesie. Zwischen 1993 und 1997 erscheinen die Bände „Nigger“, „Blood On The Page“ und „Monument“, Sammlungen voll kämpferischer, anklagender, sarkastischer Gedichte, wie Siffre sie bis heute auch im Wochentakt auf Facebook, Twitter und seinem Blog „intothelight.info“ veröffentlicht:

Free will?

OK

Hold your breath

Till day after tomorrow

Then call me

And we’ll discuss it

Familie dreier Ehemänner

Ende der Neunziger erscheint Siffres bis dato letztes Album, 14 raue Unplugged-Aufnahmen, die auf „matschigen Festivals“ und in einem „Schuppen in North Yorkshire“ vor Publikum aufgezeichnet wurden. Songs wie „Everything“ zeigen ihn nackter, leidenschaftlicher und mehr denn je bei sich selbst. Als er die Stücke singt, weiß Siffre bereits, dass es sein Abschiedswerk werden wird: „Mein Lebenspartner Peter erlitt im Herbst 1998 einen Schlaganfall und war dadurch gelähmt. Die Tour war bereits gebucht und ich benannte sie in „The Last Songs Tour“ um. Ich wollte etwas tun, das Wichtiger für mich war als das Musikgeschäft: Rund um die Uhr Für Peter sorgen.“

Peter stirbt 2013, drei Jahre später gefolgt von Siffres‘ zweitem Partner Ruud. Die drei hatten die vergangenen 15 Jahre als „Familie dreier Ehemänner“ zusammengelebt. „Mein Zuhause war immer der wichtigste Teil meines Lebens. Peter war für 48 Jahre mein Fels. Und Ruud war 19 Jahre lang mein beautiful boy‘.“ Im Booklet eines neuen Box-Sets, das alle neun Alben Siffres versammelt, sind die drei abgebildet, Schulter an Schulter, Arm im Arm.

Ich dachte, dass ich alle Lieder geschrieben habe, die ich schreiben musste oder schreiben wollte

„Ich dachte damals, dass ich alle Lieder geschrieben habe, die ich schreiben musste oder schreiben wollte“, erinnert sich Siffre. „Doch ich habe Zweifel, dass ich es so gemeint habe und ich habe Zweifel, dass es jemals so sein wird.“ Im Mai erschien mit „Why Isn’t Love Enough“ seine erste Neuveröffentlichung in 22 Jahren, eine Überarbeitung eines Stückes aus dem Jahr 1994, das mit der „heterosexuellen Arroganz und Grausamkeit“ abrechnet, gleichgeschlechtliche Paare noch immer nicht als gleichwertig zu betrachten: „Heterosexuelle lieben, aber Homosexuelle haben nur Sex“, sagt er sarkastisch.

Wiederentdeckung

Auch sonst ist der lange fast vergessene Musiker so präsent wie seit Jahren nicht. Zum 50. Karrierejubiläum dreht die BBC gerade eine Dokumentation über ihn. In der Pilotfolge der Netflix-Serie „This Is Us“ wurde seine 72er-A-Seite „Watch Me“ prominent in der Schlussszene platziert. Und in der englischen Kleinstadt Runcorn ging im April ein beleibter Kindererzieher viral, als er während des Corona-Lockdowns Siffres „So Strong“ für seine Nachbarn zum Besten gab. Auch die Verbeugungen junger Musiker reißen nicht ab: Zuletzt coverten unter anderem die Folk-Pop-Hipster Whitney und die Led-Zeppelin-Wiedergänger Greta Van Fleet seine Songs. Ist die Zeit vielleicht endlich reif für Labi Siffre?

„Ich bin kein Mann von großem Selbstvertrauen, aber ich habe immer gewusst, dass meine Arbeit gut ist. Soweit ich überhaupt darüber nachdachte, hoffte ich immer, genug Geld zu verdienen, um als Komponist, Schriftsteller und Musiker weiterzumachen“, resümiert Siffre. „Ich bin mit meinem Status zufrieden. Aber ich lebe auch nicht in meiner Vergangenheit. Ein neues Album ist in Arbeit.“


„Helter Skelter“ entstand, als die Beatles vollkommen betrunken waren

Mit dem harten "Helter Skelter" schlugen die Beatles die inzwischen angesagten Heavy-Bands mit ihren eigenen Mitteln. McCartney hatte in einem Review der Who-Single "I Can See For Miles" gelesen, dass der Song "a marathon epic of swearing cymbals und cursing guitars" sei. "Dabei", so McCartney, "war er überhaupt nicht roh und hatte auch keine schreienden Gitarren. Also dachte ich mir:, Dann lass uns mal so eine Nummer machen.'" Die Beatles nahmen "Helter Skelter" in einer Nacht auf, "in der sie sich", so Toningenieur Brian Gibson, "komplett betrunken hatten". Lennon traf auf Bass und Saxophon keine Note - und Starr meinte…
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