Literatur: Arne Willander über „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“


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Der Journalist Marc Fischer hat schon viel durchgemacht: Er arbeitete bei „Prinz“ und „Tempo“, er verbrachte Zeit mit Douglas Coupland und Björk, er setzte sich für einen Tag dem Fernsehprogramm der ARD aus und sprach mit dem toten Joseph Roth über das Berliner Nachtleben. Seinen Gesprächspartnern kam er dabei sehr nahe; Roth musste gar auf Fischers Motorrad mitfahren.Nun tritt Marc Fischer seinen Eltern zu nah – er hat viele Fragen aufgeschrieben und als Buch veröffentlichen lassen: „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“ (Eichborn, 14,95 Euro). Mancher Leser stellte ihm daraufhin die Frage, weshalb auf jeder Seite des Bandes nur eine Frage gedruckt ist – und es keine Antwort, keine Erklärung oder Einleitung des Autors gibt. Das viele Weiß steht vermutlich für das peinliche Schweigen, das eintritt, wenn Magenbitter wie „Wie hat der Massenmord an den Juden euer Leben beeinflusst?“, „Vor welcher Antwort fürchtest du dich so, dass du Vater nie gefragt hast, Mutter?“ und „Wer von euch darf auf keinen Fall zuerst sterben?“ aufs Tapet gekommen sind. Zwar sucht man zunächst die tröstlichen Spruchweisheiten eines philosophischen Breviers oder die naseweisen Sophistereien des Proustschen Fragebogens, vielleicht ärgert man sich über die dreiste Schlichtheit des Bandes – aber dann trifft einen die Wucht des Unvermittelten, des Unausweichlichen: „Wie würdet ihr leben, wenn sich jeder Traum erfüllt hätte?“ – „Worauf seid ihr stolz?“ – „Seit wann glaubt ihr nicht mehr an Gott?“ – „Was ist das Grausamste am Älterwerden?“

Marc Fischer hatte den Einfall für das Buch, als er mit seinem Vater am Stand spazierte und in ihm plötzlich einen Romantiker erkannte. Sein Fragenkatalog ist ein Spiegel der Wahrhaftigkeit.

Arne Willander